AWK - Stammbaum-Rekonstruktion und Erkenntnisgewinn in Philologie und Biologie

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Stammbaum-Rekonstruktion und Erkenntnisgewinn in Philologie und Biologie

Die Rekonstruktion von Abstammungsverhältnissen und von „Urzuständen“ ist in verschiedenen Disziplinen von zentraler Bedeutung. So besteht in der Klassischen Philologie eine der wichtigsten traditionellen Aufgaben darin, antike Texte zu rekonstruieren: von keinem der Klassiker des Altertums verfügen wir über ein vom Autor geschriebenes Original, sondern lediglich über eine schwankende Zahl von Abschriften, die über einen langen Zeitraum entstanden sind und zumeist auf ebenfalls verlorene Zwischenglieder zurückgehen. All diese Abschriften weisen z. T. beträchtliche Fehler auf, die durch die Unachtsamkeit der Kopisten von Schreibergeneration zu Schreibergeneration vererbt und um weitere Fehler vermehrt wurden. Will man wissen, was der Autor ursprünglich geschrieben hat, muss man als erstes die letzte gemeinsame Vorlage (Archetypus) aller erhaltenen Handschriften rekonstruieren. Diese Rekonstruktion geschieht üblicherweise, indem mit Hilfe von Vergleich und Kategorisierung der Handschriftenfehler ein Stammbaum (Stemma) erstellt wird; die Position eines jeden Textzeugen im Stammbaum gibt Auskunft über dessen Zuverlässigkeit. Die Erstellung des Stemmas erfolgt noch immer im wesentlichen durch ‘Handarbeit’: Der Herausgeber einer kritischen Textedition sammelt und bewertet die wichtigsten Schreibfehler und ermittelt anhand von Binde- und Trennfehlern die ‘Handschriftenfamilien’.

In der Biologie werden seit vielen Jahren leistungsstarke Computerprogramme auf einem verblüffend ähnlichen Forschungsgebiet, der Rekonstruktion von Stammbäumen aus molekularen Daten, erfolgreich eingesetzt, die sich verschiedene methodische Ansätze zu eigen machen (Parsimonie, Distanzverfahren, Maximum Likelihood, bayesianische Statistik). Auf einem von Mitgliedern des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen  Akademie der Wissenschaften und Künste organisierten interdisziplinären und intergenerationären Workshop am 15. Juni 2012 konnten sich auswärtige Sprecher, Akademiemitglieder und Angehörige  des Jungen Kollegs aus verschiedenen Fachdisziplinen bereits über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Fächer und Methoden austauschen. Es liegt nahe, die in diesem Workshop gewonnenen Erkenntnisse in einem zweiten Schritt auf die Praxis anzuwenden und den Versuch zu unternehmen, die in der Biologie verwendeten Computerprogramme  auch für die Klassische Philologie nutzbar zu machen.

Dabei kommen dem Projekt die erwähnten Gemeinsamkeiten zugute: Die Analyse von Aminosäuresequenzen in der molekularen Phylogenetik arbeitet z. B. auf der Grundlage von 22 ‘Buchstaben’, die teilweise auch ‘Wörter’ bilden. Es sollte möglich sein, anstelle des molekularen Buchstabenmaterials die Wort- und Buchstabenfolge handschriftlich überlieferter Texte durch die in der Biologie erprobten Computerprogramme vergleichen zu lassen und so für die Klassische Philologie ein Verfahren zu gewinnen, mit dessen Hilfe man auch für komplexere Überlieferungsprozesse eine Reihe möglicher Stammbäume erhalten könnte. Das soll nicht die herkömmlichen Verfahren der Philologie ersetzen, sondern sinnvoll unterstützen. In der Biologie hat die computergestützte  Berechnung  von Stammbäumen zentrale Dogmen umgeworfen;  es ist zu erwarten, dass es auch im Bereich der  Klassischen Philologie zu neuen Einsichten  von  großem Wert kommt. Umgekehrt bietet die Handschriftenstemmatik  ein Einsatzgebiet, auf dem die Biologen die von ihnen entwickelten Programme erproben und in einem gewissen Grade auch überprüfen können. Dies kann Impulse für die Weiterentwicklung der Programme geben.

Übersicht über die intergenerationäre und interdisziplinäre Konzeption des Forschungsprojekts mit dem Ziel, den Nutzen von Stammbäume  in der Biologie mit bioinformatischen Methoden auch in der Philologie anzuwenden.

Mitglieder des Forschungsprojektes

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