AWK - Zur Rolle des Widerstandsrechts im Politischen Denken des 19. Jahrhunderts

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Zur Rolle des Widerstandsrechts im Politischen Denken des 19. Jahrhunderts

Das Recht von Bürgern, sich gegen staatliche Gewalt zu wehren, spielt in der Entstehung und Legitimierung des neuzeitlichen Verfassungsstaates eine herausragende Rolle. Es erfasst nicht etwa eine Erlaubnis zur willkürlichen Auflehnung gegen politische Institutionen oder geltendes Recht, sondern eine in den Grundsätzen des Verfassungsstaats verankerte Berechtigung, Prinzipien und institutionelle Handlungen innerhalb des staatlichen Gefüges anzufechten. Umstritten ist vor allem, ob überhaupt und, wenn ja, unter welchen Bedingungen Bürgern Widerstands- und Abwehrrechte einzuräumen sind, wobei diese Fragen nicht allein im Rahmen staatstheoretischer Argumentationen, sondern mit Blick auf konkrete gesellschaftliche und politische Gegebenheiten diskutiert werden. Die Nachwirkungen der politischen Großereignisse des ausgehenden 18. Jahrhunderts, insbesondere die Unabhängigkeitserklärung in den Vereinigten Staaten und die Französische Revolution, der vielerorts eintretende politische Wandel und einschneidende Auseinandersetzungen in Europa sorgen dafür, dass das 19. Jahrhundert für das Studium der Rolle des Widerstandsrechts von besonderem Interesse ist. Die Staatsphilosophien Lockes, Humes oder Fichtes, in denen Bürgern Widerstandsrechte eingeräumt werden, sofern staatliche Institutionen massiv in die bürgerlichen Rechte eingreifen, sowie Kants und Hegels Ablehnung von Widerstand gegen Staatsgewalt fungieren hier als zentrale Bezugspunkte. Zudem ist auch das 19. Jahrhundert von revolutionären Prozessen und sozialen Umbrüchen geprägt, die den Legitimationsbedarf politischer Herrschaft dringlicher machen als je zuvor. Eine zentrale Herausforderung der Erforschung des politischen Denkens des 19. Jahrhunderts besteht darin, die politischen Konstellationen und Konflikte ebenso aufzuarbeiten wie ihre Deutung und Aufnahme durch Staatstheoretiker. Kontur gewinnt die Auseinandersetzung mit politisch--‐philosophischen Konzeptionen hierbei insbesondere, sofern ihre Anknüpfung an die bereits genannten klassischen Arbeiten, ihre jeweilige Stellungnahme bezüglich aktueller Ereignisse und ihre grundlegende Rolle für nachfolgende Strömungen analysiert werden. Dies kann mit Blick auf das 19. Jahrhundert vor allem mit Blick auf die politischen Schriften der Junghegelianer (vor allem K. Marx), Republikanisten (J. Mill), der Britischen Idealisten (besonders T.H. Green und F.H. Bradley), liberaler Theoretiker (B. Constant, R. v. Mohl, A. de Tocqueville und J. St. Mill) erfolgen, deren Beiträge zur Ausdifferenzierung des Spektrums moderner politischer Theorien im Zusammenhang zu betrachten sind.

Der Schwerpunkt dieses gemeinschaftlichen Projektes soll bei den im 19. Jahrhundert entwickelten Positionen zum Widerstandsrecht liegen, die mit Blick auf die jeweiligen historischen Kontexte ihrer Formulierung aufgearbeitet und mit Blick auf ihre historische Rolle in der Entwicklung des Verfassungsstaates sowie auf ihre systematische Leistungsfähigkeit diskutiert werden. Dieses Unternehmen ist nicht nur als gemeinschaftliches ausgelegt, es soll insbesondere von interdisziplinärer Zusammenarbeit profitieren, die gerade eine gebündelte Betrachtung soziohistorischer Entwicklungen und politischer Reflexion ermöglicht. Es ist zu erwarten, dass einzelne Beiträge sich nur auf eine Auswahl an politischen Ereignissen (bzw. einen kürzeren Zeitraum), staatstheoretischen Texten und Argumenten beziehen; derlei Spezialisierung ist jedoch mit der Zielsetzung vereinbar, mit dem Projekt als Ganzem den größeren Zusammenhang der Rolle des Widerstandsrechts aufzuarbeiten und kritisch zu reflektieren.

Mitglieder des Forschungsprojektes

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