AWK - Nachruf auf Claus Vogel

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Claus Vogel, 1933 - 2012

Nachruf auf Claus Vogel

Gehalten von Professor Dr. Dr. phil., em. Klaus Sagaster in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 5. März 2014.

Am 16. August 2012 verstarb in Saarbrücken im Alter von 79 Jahren Dr. Claus Vogel, Professor für Indologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Herr Vogel war seit 1991 ordentliches Mitglied unserer Akademie.

Claus Vogel wurde am 6. Juli 1933 in Saarbrücken geboren. Ab 1952 studierte er an der Philipps-Universität Marburg klassische Philologie sowie indische und tibetische Philologie. Am 15.Februar 1956 wurde er in den Fächern Griechisch, Latein und Sanskrit zum Dr. phil. promoviert. Ebenfalls in Marburg legte er am 5. Dezember 1956 das Staatsexamen in den Fächern Griechisch, Latein und Philosophie ab.

Im Jahre 1957 erhielt Claus Vogel ein indisches Regierungsstipendium, das ihm einen zweijährigen Forschungsaufenthalt in Indien ermöglichte. Dort befasste er sich am Deccan College in Poona mit dem Studium der belletristischen und medizinischen Sanskritliteratur sowie an der International Academy of Indian Culture in New Delhi mit der Untersuchung tibetischer Texte, die für sein Forschungsvorhaben relevant waren. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland erhielt er im November 1959 eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent am Indisch-Ostasiatischen Seminar der Universität Marburg. 1964 habilitierte sich Claus Vogel an der Universität Marburg für die Fächer Indische und Tibetische Philologie und wurde zum Dozenten ernannt. 1964 folgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professur und 1971 die Ernennung zum planmäßigen Professor. 1976 wurde Claus Vogel als ordentlicher Professor der Indologie an die Universität Bonn berufen. Seit 1972 unterrichtete er als Gast das Fach Tibetologie an der Universität Göttingen, ab 1989 als Honorarprofessor. Von 1976 bis 1988 war er 2. Sprecher des Sonderforschungsbereichs 12 „Orientalistik unter besonderer Berücksichtigung Zentralasiens“ an der Universität Bonn. 1998 wurde Claus Vogel emeritiert.

Zur Biographie des Wissenschaftlers Vogel gehört auch seine aktive Mitgliedschaft in der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, der Vereinigung der deutschen Orientalisten. Lange Jahre war Vogel Mitglied des Beirats dieser Gesellschaft. Von 1988 bis zu seinem Tode war er Vorsitzender der Helmuth-von-Glasenapp-Stiftung zur Förderung der indologischen Forschung. Bereits 1964 wurde er zum Fellow of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland gewählt.

Claus Vogel war ein würdiger Vertreter der Bonner indologischen Tradition, die bereits 1818 mit der Berufung von keinem Geringeren als August Wilhelm Schlegel an die im gleichen Jahre gegründete Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität ihren Anfang genommen hat. Ebenso wie seine Vorgänger, unter ihnen der Schlegel-Schüler Christian Lassen, Theodor Aufrecht, Willibald Kirfel, Paul Hacker und unser Akademiemitglied Frank Richard Hamm, zeichnete sich Claus Vogel durch seine streng philologische Arbeitsweise aus. Seine Forschungsschwerpunkte waren griechische und indische Medizin, einheimische indische Lexikographie und Chronologie sowie klassische indische buddhistische Literatur und deren Übersetzungen ins Tibetische.

Vogels Dissertation vom Jahre 1956 „Zur Entstehung der hippokratischen Viersäftelehre“ war noch keine indologische Arbeit, aber doch bereits eine wichtige Grundlage für seine späteren Studien über die Verbindungen zwischen griechischer und indischer Medizin. Eines der wichtigsten Werke der indischen Medizin, die Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā „Systematische Sammlung der Essenz der acht Glieder (der Medizin)“ des Arztes Vāgbhaṭa, der vermutlich um 600 lebte, bildete den Gegenstand von Vogels Habilitationsschrift aus dem Jahre 1964. Wegen der großen Bedeutung der indischen Medizin für die Theorie und Praxis der tibetischen Medizin wurde das Werk des Vāgbhaṭa im 14. Jahrhundert ins Tibetische übersetzt. In seiner Arbeit edierte Vogel die ersten fünf Kapitel der tibetischen Version und übersetzt den Text im Vergleich mit dem Sanskrit-Originaltext. Hiermit leistete er zugleich auch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung zur Technik der Übersetzung von indischer Medizinterminologie ins Tibetische und damit in eine Sprache einer ganz anderen Struktur und Kultur.

Vāgbhaṭas Lehrbuch der indischen Medizin hat Aufnahme in den tibetischen buddhistischen Kanon gefunden. Auch andere buddhistische Sanskrit-Werken, die in Übersetzung Teil des tibetischen Kanons geworden sind, waren Gegenstand von Vogels Untersuchungen. So hat er sich in einem Buch „The Teachings of the Six Heretics“ (1970) mit sechs Lehrsystemen befasst, denen sich der Buddha konfrontiert sah und die für diesen und seine Anhänger natürlich Irrlehren waren. Als Quelle dieser Untersuchung diente die tibetische Fassung des Pravrajyāvastu, „Grundlage für den Eintritt in den Mönchsstand“, eines wichtigen Textes aus der Abteilung Vinaya “Mönchsdisziplin“ des buddhistischen Kanons. Vogel hat die entsprechenden Abschnitte ediert und übersetzt, wobei er jeweils auch die sanskritischen und chinesischen Parallelen heranzog. Für seine buddhologischen Studien hatte er eigens auch buddhistisches Chinesisch erlernt, um Texte des chinesischen buddhistischen Kanons nutzen zu können. In einem mit seinem Göttinger Schüler Klaus Wille durchgeführten Projekt hat Vogel Sanskrit-Fragmente des Pravrajryāvastu identifiziert und bearbeitet, die zu einem großen Manuskriptfund aus Gilgit in Nord-Pakistan gehören.

Vogel befasste sich jedoch nicht nur mit tibetischer Übersetzungsliteratur, sondern auch mit rein tibetischen Texten. So behandelte er in einem längeren Aufsatz Übersetzungsprobleme der tibetischen Biographie des indischen Tantrikers Nāropa (11. Jh.). In einer Göttinger Akademieschrift edierte und übersetzte er das 10. Kapitel des „Königspiegels“ (rGyal-rabs gsal-baí me-long) des buddhistischen Hierarchen bSod-nams rgyal-mtshan (1328). In diesem Kapitel wird beschrieben, wie der erste tibetische Großkönig Srong-btsan sgam-po im 7. Jahrhundert seinen Minister Thon-mi Sambhoṭa nach Kaschmir schickte, um dort die Schrift zu erlernen und für das bisher schriftlose Tibet ein Alphabet zu schaffen. Zugleich schildert der Text die Gesetzgebung des Königs Srong-btsan sgam-po.

Claus Vogel hat sich auch mit der Literatur der Zwillingsreligion des Buddhismus beschäftigt, dem Jainismus. So untersuchte er in zwei Arbeiten einen Jaina-Kommentar zur indischen Poetik und machte in einer weiteren Arbeit mit einem lexikographisches Werk der Jainas bekannt, das aufgrund seiner Bedeutung für die Übersetzungsterminologie sogar in den tibetischen buddhistischen Kanon aufgenommen wurde.

Vogels sprachwissenschaftliche Interessen beschränkten sich nicht auf die indisch-tibetische Übersetzungsterminologie. Er befasste er sich auch mit dem Lexikon des Pali, der heiligen Sprache des sogenannten südlichen Buddhismus, aber auch mit altindischen Sanskrit-Wörterbüchern. Ein Beispiel hierfür ist ein Düsseldorfer Akademievortragt, in welchem er das Sanskritlexikon Asālatiprakāśa „Asālatis Glanz“ aus dem Jahre 1821 vorgestellt hat. Vogels großes Interesse für die Geschichte seines Faches führte ihn zur Beschäftigung mit den Sanskrit-Studien des Jesuitenmissionars Heinrich Roth (1620-1668) und des Sprachwissenschaftlers Theodor Zachariae (1851-1934). Ebenfalls in einem Düsseldorfer Akademievortrag beschrieb er die Anfänge des westlichen Studiums der altindischen Lexikographie (1999). Für die von Jan Gonda herausgegebene History of Indian Literature“ verfasste Vogel den Teil „Indian Lexicography“.

Ganz besondere Verdienste hat sich Claus Vogel auf dem Gebiet der Erforschung der indischen und tibetischen Zeitrechnung erworben. Hierzu hat er grundlegende Studien vorgelegt, zum Beispiel eine Untersuchung, in welcher er die vier tibetischen Datierungsmethoden mit der indischen und zentralasiatischen Zeitrechnung vergleicht und damit eine Handhabe für die Datierung tibetischer Texte bietet. Auf diese Weise konnte Vogel in mehreren Arbeiten das Entstehungsdatum einer Reihe von buddhistischen Manuskripten und Inschriften bestimmen, so von einer Version der berühmten Buddha-Biographie „Der Wandel des Buddha“, Buddhacarita, des Dichters Aśvaghoṣa (2. Jh. n.Chr.).

Schließlich muss erwähnt werden, dass Claus Vogel auch ein Kenner der indischen Erotik war. Er hat zwar nicht das berühmte Kāmasūtra übersetzt, dafür aber ein kleines anderes Werk, das Kāmaśāstra „Lehrbuch der Liebeskunst“ des Surūpa (zwischen 600 und 1300[!]). Dieser Text hat erstaunlicherweise Eingang in den tibetisch-buddhistischen Kanon gefunden. Das Sanskrit-Original ist bislang unbekannt. Umso wichtiger war es, dass Claus Vogel die tibetische Fassung herausgegeben und ins Englische übersetzt hat. In seinem Kommentar erläutert Vogel die Stellung des Kāmaśāstra in der indischen kāma-Literatur und seine Rezeption durch Buddhisten und Jainas. Eine weitere Arbeit über die berühmte indische Liebeskunst ist Vogels Einleitung zu dem Bildband Temples of Amorous Pleasure, in welchem hinduistische Tempelskulpturen vorgestellt werden. Vogel hat auch die erklärenden Begleittexte zu den Bildern verfasst.

Herr Vogel war einer der eifrigsten Teilnehmer an den Sitzungen unserer Klasse. Nur im Frühjahr streikte er, denn da musste er seinem Lieblingshobby nachgehen: dem Wandern mit Freunden. Klaus Vogel war der sārthavāha, wie es in seinem geliebten Sanskrit heißt, der Karawanenführer: Er bereitete die Route vor, erkundete sie sogar vorher erst einmal allein und führte dann die Karawane an. Auch in seinem Hobby war er so sorgfältig wie in seiner Wissenschaft. Nun kann er den Weg nicht mehr gehen, und er kann auch nicht mehr unsere Sitzungen besuchen. Er fehlt mir, und auch viele andere von uns werden ihn vermissen.