AWK - Nachruf auf Franz Hillenkamp

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Franz Hillenkamp, 1936 - 2014

Nachruf auf Franz Hillenkamp

Gehalten von Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Otmar Schober in der Sitzung der Klasse für Naturwissenschaften und Medizin am 24. September 2014

when more than was lost has been found has been found
and having is giving and giving is living -
but keeping is darkness and winter and cringing
- it's spring (all our night becomes day) o, it's spring!

E.E. Cummings


Am 18. März 1936 wurde Franz Hillenkamp in Essen geboren, am 22. August 2014 verstarb er in Münster. Franz Hillenkamp hinterlässt eine wunderbare Frau, drei Söhne und ihre Familien mit sieben Enkelkindern. Wir trauern mit seiner Familie, seinem persönlichen und akademischen Umfeld. Mit-Leid und Bei-Leid begegnen sich, sind wir doch selbst nach Begleitung und Begegnung angesprochen und getroffen. Wir trauern um ihn, wir tragen auch mit ihm, wie die Trauer wieder zu verwandeln ist in das schöpferisch produktive, in das Hillenkamp‘sche Aktive, was er aus vollem Herzen und mit zupackender Professionalität zu geben imstande war.

Franz Hillenkamp war immerzu ein Taktgeber, ein Bewegter Bewegender. Das hat auch die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste erfahren, deren engagiertes Mitglied er seit dem Jahre 2001 war.

Die Konvention des Nachrufs kann in Frage stellen, ich will versuchen, wenige Antworten zu geben. Ein bescheidener Mensch wie Hillenkamp, der seine Bedeutung zumindest für die Wissenschaft nie öffentlich gemacht hat, ist präsenter als je zuvor in dem Moment, in dem er keinerlei Einfluss mehr darauf hat. Der Nobelpreis für Chemie wurde im Jahre 2002 dem Japaner Koichi Tanaka verliehen. Teile der „Scientific Community“ drückten deutlich ihr Unverständnis aus. Franz Hillenkamp und seinem Mitarbeiter Michael Karas wurden von diesen die Erfindung und die Entwicklung der MALDI-MS (Matrix-Assisted Laser Desorption/Ionization Mass Spectroscopy) zugeschrieben. Die Methode ist von herausragender Bedeutung für die Analyse großer Moleküle und Polymere, insbesondere in der biomedizinischen Forschung, z.B. in der Proteomik. In den letzten Jahren hat sich Franz Hillenkamp hauptsächlich der Erforschung der MALDI-Mechanismen und -Anwendbarkeit für die Analyse von Nukleinsäuren gewidmet. Zurück zur Wahrnehmung von MALDI. Fast 4.000mal wurde bisher die Kernpublikation von Hillenkamp und Karas zitiert (Laser Desorption Ionization of Proteins with Molecular Masses Exceeding 10000 Daltons. M. Karas, F. Hillenkamp, Analytical Chemistry 60:2299-2301, 1988). Seine Methode hat sich durchgesetzt, der Jumbo, nicht das Leichtflugzeug, wie in einer Metapher geschrieben wurde. Was sagt über Franz Hillenkamp mehr aus als sein vornehmes Schweigen, dem ein amerikanischer Kollege tröstend dazu schrieb: „Es ist besser, eine Auszeichnung zu verdienen, sie aber nicht bekommen, als umgekehrt.“

Das Grab von Franz Hillenkamp auf dem Zentralfriedhof in Münster liegt an einer Mauer, die unmittelbar an sein ehemaliges Institut grenzt. Nach der Beerdigung konnte ich einen Kranz mit Schleife entdecken, ein Name wies auf den Nachrufenden hin, auf Koichi Tanaka.

Rekonstruktion einer Persönlichkeit
Heute entsteht ein Bild von seiner Person, das sich aus vielen Fremdbildern zusammensetzt: Individuelle Beobachtungen mischen sich mit persönlichen Erfahrungen, Reaktionen auf öffentliches Wirken, Interpretationen und Zuschreibungen. Dieses ist durchsetzt von Dokumenten seines persönlichen und  wissenschaftlichen Wirkens.

Weg und Wirken seien gleichwohl in einer Auswahl aufgeführt: 1966 Promotion zum Dr.-Ing. an der TU München, 1961 Fulbright Stipendium und Erwerb des Master of Science für das Fach Statistische Nachrichtentechnik und Kybernetik an der Purdue University, West Lafayette/USA. Die berufliche Laufbahn beginnt 1962 am Institut für Strahlenbiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1963-1976 fortgesetzt bei der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) in München. Im Anschluss besetzt er eine C3-Professur für Biophysik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main, seit 1986 bis zu seinem Ruhestand 2001 ist er Direktor des Instituts für Medizinische Physik und Biophysik an der Medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 

Parallel erfüllt Franz Hillenkamp weltweit Lehraufträge, wie 1967-1976 den für Experimentalphysik an der University of Maryland, und 1982-2006 an der Medical Faculty der Harvard University, Boston/USA. Visiting Professor war er an den Universitäten in Innsbruck/Österreich, Neapel/Italien und der A&M University in Texas/USA.

Franz Hillenkamp erhält repräsentative Anerkennungen. Unter ihnen 1998 den Preis der American Society for Mass Spectrometry, 2002 den Fresenius-Preis der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), 2003 den Karl Heinz Beckurts-Preis sowie die Thompson Ehrenmedaille der International Mass Spectrometry Society, 2006 die Torbern Bergman Medaille der Svedish Chemical Society und 2011 den Caroline and William Mark Memorial Award der American Society for Laser Medicine and Surgery.

Bei der Andacht anlässlich der Beerdigung von Franz Hillenkamp sprach die Rektorin über einen der ganz Großen ihrer Universität. Nach seiner Emeritierung war er einer der wichtigsten forschungsstrategischen Berater des Rektorats und seiner Kolleginnen und Kollegen. Ohne seine unermüdliche Arbeit seien das Exzellenzcluster Cells in Motion (CiM) und die Forschungsbauten Soft Nano-Science und Multiscale Imaging Center nicht realisiert worden. Franz Hillenkamp verkörperte wie kaum ein anderer einen interdisziplinären Forschungsansatz. Er konnte fachliche Grenzen überschreiten und Menschen unterschiedlicher Fächerkulturen zusammen bringen.

Ich habe Franz Hillenkamp persönlich gekannt und gehöre zu seinen großen Anhängern. Das Plötzliche seines Todes hat mich berührt. Vielleicht weil ich viel über ihn wusste, aus gemeinsamen Fahrten von Münster nach Düsseldorf und zurück.

Meine Neugier und mein Bericht reichen an den Menschen Franz Hillenkamp heran. So habe ich mir vorgestellt, was er selbst zu seinen Nachrufen gesagt hätte. So muss ich nichts verstecken und will stichwortartig in einigen Facetten versuchen, den Boden zu beschreiben, auf dem sich dieser kreative, verlässliche und bescheidene Wissenschaftler und Mensch bewegt hat.

Franz Hillenkamp hat seit der Verschickung nach Vorarlberg in Kriegszeiten die Berge geliebt. Die Liebe war tief, sie hat ihn sportlich ambitioniert, teils mit seinen Söhnen, in langen Bergtouren bis an die Erschöpfung gebracht, und auch in einem jahrzehntelangen Engagement für den Alpenverein wirken lassen. Die Musik, Erleben und Praktizieren mit seiner Frau, war für ihn zentral. Im Münchner Bach-Orchester unter Karl-Richter sang seine Frau Annemarie, dort lernte er sie kennen. Trotz seiner Begabungen hat er nicht Musik studiert, war aber ebenso bei der Schubertiade in Bregenz wie über 20 Jahre lang beim Moritzburgfestival präsent. Es überrascht wohl nicht, wenn seinen Söhnen die Reparatur wertvoller Uhren und auch der Waschmaschine in Erinnerung bleiben wird.

Schluss
Beim Nachruf zu Franz Hillenkamp benötigt man nicht die Anleitung „de mortuis nihil nisi bene“. Man kann versuchen, Franz Hillenkamp in all seinen Facetten darzustellen. Aber, wird ihm das gerecht? Goethe sei zitiert. „Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im ›Faust‹ zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen!“

Falls es so etwas, wie einen göttlichen Plan gibt, dann bin ich mir sicher, dass Franz Hillenkamp in diesen involviert ist und wir uns keine Sorgen machen müssen, dass sich alles fügen wird.