AWK - Nachruf auf Friedrich Scholz

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Friedrich Scholz, 1928– 2016

Nachruf auf Friedrich Scholz

Gehalten von Professor Dr. phil., Dr. h. c. mult. Hans Rothe in der Sitzung der Klasse der Geisteswissenschaften am 23. November 2016

Es ist des Mitgliedes unserer Klasse Friedrich Scholz zu gedenken, der am 27. Mai 2016 verstorben ist.1 Friedrich Scholz war im März 1928 in Hamburg geboren, wo er aufwuchs, die Schule besuchte, dort studierte und bis zur Habilitation ausgebildet wurde.

Es ist sinnvoll, hier an seinen Vater zu erinnern. Der stammte aus Schlesien und war Jurist. Vor dem Ersten Weltkrieg war er bei der sogenannten Bagdadbahn in Persien angestellt. Er hätte dort auch nach 1918 noch bleiben können, dann aber die englische Staatsangehörigkeit annehmen müssen. So kam es, dass er nach Hamburg gelangte und dort seine Familie gründete. Ihn zu erwähnen ist deshalb sinnvoll, weil er mit einer ungewöhnlichen Sprachbegabung in seiner Zeit in Deutschland einer der besten Kenner der arabischen Sprachen war. Diese Begabung lebte offensichtlich in seinem Sohn weiter.

Schon auf der Schule hat sich Friedrich Scholz durch ungewöhnliche Kenntnisse in vielen Sprachen ausgezeichnet: Griechisch, Lateinisch, Französisch, Englisch, Spanisch und Russisch waren schon dem 17-Jährigen vertraut; und er hatte sich auch schon mit baltischen Sprachen und danach sogar mit dem Georgischen beschäftigt.

Sein Interesse für Sprachen war von Anfang an nicht „bloß wissenschaftlich“ motiviert, sondern er hat immer auch die praktische Anwendung im Unterricht bedacht. Noch in seine Schulzeit fällt auch eine Tätigkeit als Sprachlehrer. Gleich nach dem Krieg begann der Schüler in den vielen DP-Lagern rund um Hamburg Sprachen zu unterrichten, also Deutsch und Englisch für DPs aus Russland, Polen, Litauen oder Lettland. Und dadurch wurde er wohl auch angeregt, Baltistik zu studieren.

1947 nahm er in Hamburg ein Studium der vergleichenden Sprachforschung auf, mit den Schwerpunkten Baltistik, Keltologie, Indologie, klassische Philologie und auch slavische Sprachen, wenn auch noch nicht gleich slavische Philologie als Ganzes. Seine akademischen Lehrer waren Ernst Fraenkel und Hans Hartmann.

In seiner Doktorarbeit behandelte er dann ein Thema zu slavischen Sprachen, nämlich die Geschichte des sogenannten umschriebenen Perfekts, also ein Gebiet auf der Grenze zwischen der Formenlehre des Verbums und der Syntax. Die Arbeit gehörte zum Fach der Indogermanistik und vergleichenden Sprachforschung, zeigte aber doch auch den Beginn einer festeren Ansiedlung in der slavischen Philologie. Das war zeitgemäß, denn slavische Philologie war noch bis weit nach dem Krieg an vielen deutschen Universitäten aufgehoben in der Indogermanistik.

In seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten dachte Scholz immer auch didaktisch. 1966 veröffentlichte er ein Buch über slavische Etymologie, immer noch im Rahmen der Indogermanistik. Zugleich war sie angelegt als Einführung in etymologische Forschung für Studenten. Es zeichnet Scholz von Anfang an aus, dass er über seine Forschungen, wie in diesem grundlegenden Buch, immer so schrieb, dass es für Lernende benutzbar und nützlich war.

Das ging auch sozusagen umgekehrt. Wissenschaftliche Aufsätze erarbeitete Scholz manchmal durch mehrere Semester zusammen mit Studenten, sodass neben ihm als Autoren die Namen von fünf Studenten stehen.2

Auf seinen weiteren Weg bis zur Habilitation wurde Scholz wissenschaftlich geführt von dem damals berühmten Sprachforscher Hans Hartmann. In dessen Seminar für vergleichende Sprachforschung wurde er nach der Promotion 1953 als Tutor angestellt, und 1957 wurde er Assistent von Hartmann. 1959 hat er sich in diesem Fach habilitiert. Die wissenschaftliche Arbeit dafür wurde erst 1973 gedruckt, und zwar in englischer Übersetzung in Holland: Russian Impersonal Expressions Used with Reference to a Person; also ein Versuch, die im Russischen so überreich gebildeten unpersönlichen Verbalausdrücke zu beschreiben. Darüber war immer schon viel geschrieben worden; Scholz hat als einer der Ersten es systematisch getan. Vorsichtig versuchte er, historisch-vergleichende Sprachforschung mit dem Strukturalismus zu verbinden, der damals modern wurde.

1962 wurde Scholz an das Dolmetscher-Institut in Germersheim berufen, das zur Universität Mainz gehört. Er war dort außerordentlicher, seit 1963 ordentlicher Professor für Slavische Philologie, hat also nun die Konsequenz aus seinen bisherigen Arbeiten gezogen und das Fach gewechselt. Dieses neue Fach musste er, wie damals noch üblich, als Ganzes vertreten, also auch die slavische Literaturen lehren. Diese Auffassung des Faches und seiner Aufgaben wurde alsbald auch in seinen Veröffentlichungen erkennbar, und das führte dazu, dass Scholz schon 1966 als ordentlicher Professor und Direktor des Slavisch-Baltischen Seminars nach Münster berufen wurde.

Scholz hat sich den Weg zu dieser Berufung sehr traditionell gebahnt. Er begann meist mit Rezensionen ein neues Gebiet zu erarbeiten.

Er war ein überaus fleißiger Leser und Rezensent. So bereitete er eigene Studien vor, seit 1963 über Sprachen des Baltikums und seit 1966 in der Erklärung der Literatur.

Dabei folgte er in seinen sprachwissenschaftlichen, meist historisch angelegten Studien seinem Interesse für das Baltikum, d. h. nicht nur für die baltischen Sprachen, das Litauische und das Lettische, gelegentlich auch für das ausgestorbene Kurische in Ostpreußen, sondern für alle Sprachen des Raumes, also auch für das nicht indogermanische Estnische und Finnische. Dieses Interesse hatte wohl Fraenkel in ihm geweckt, den er später in mehreren Nachrufen ehrte. Bald hielt er Vorträge in Helsinki, sprach und diskutierte auf Finnisch, was ihm früh verdiente Ehrung brachte.

Es war also durch regelmäßige Lehre und Forschung seit 1963 begründet, dass Scholz bald nach seiner Berufung nach Münster seinen Lehrstuhl in Professur „für slavische und baltische Philologie“ umbenennen ließ. Baltische Forschung und Lehre hatte es in Münster schon nach dem Ersten Weltkrieg gegeben (Erich Hofmann), und das Seminar hieß, als einziges in Deutschland, schon seit 1955 so. 3

An die Literaturforschung tastete er sich vorsichtig heran, nicht nur durch Rezensionen. Seine erste Arbeit zur Literatur galt 1966 dem Problem des Gebrauchs der kirchenslavischen Sprache in der neueren russischen Poesie. Es folgten immer mehr Arbeiten zur russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Nur zweimal ist er ins 19. Jahrhundert zurückgegangen. Aber schon seit 1957 hat er auch Werke der altrussischen Literatur gerne erklärt. Den Literaturen des Baltikums galt dabei seine besondere Liebe, vor allem dem Estnischen und Finnischen. Seine Frau, im gleichen Fach ausgebildet, arbeitete mit ihm zusammen. Als er 1983 in dieser Klasse für unsere Akademie kooptiert wurde, schien es ihm klar, dass er eben als baltistisch arbeitender Slavist gewählt worden war. Über baltische Literaturen hielt er hier auch seinen Einstandsvortrag, den er dann ausarbeitete und 1990 als Buch in den Abhandlungen unserer Akademie veröffentlichen konnte: Die Literaturen des Baltikums – ihre Entstehung und Entwicklung. Es wurde das Opus magnum seiner Studien überhaupt. Es ist die erste und bisher einzige Darstellung aller Literaturen dieses Raumes, des Baltikums, nicht nur in Deutschland, sondern, soweit ich sehe, überhaupt in der gelehrten Welt.

Vielleicht ist es der Fachwelt entgangen, dass erst mit dieser immer deutlicheren Hinwendung zu den Sprachen des Baltikums die Literaturen das Hauptgebiet seiner Studien wurden; sprachwissenschaftliche Arbeiten wurden seltener. Sein letzter Vortrag bei uns galt Dichtern der russischen Moderne. Längst war er dabei über eine nur strukturalistische Beschreibung der Poesie hinausgegangen. Auch an den Formen interessierte ihn das Poetische. Er arbeitete historisch als Philologe und erschloss sich so in beharrlicher Arbeit das Gesamtgebiet der Sprachen und Literaturen des nordöstlichen Raumes in Europa, der Slaven, Balten, Esten und Finnen. Das entsprach einem Grundgedanken von Josef Nadler für die Literaturgeschichte.

Wir hatten in ihm einen Kenner dieser Sprachen und Literaturen. Noch einmal: Er war der Einzige in der gesamten westlichen Welt, von dem man das sagen konnte, der zudem alle Literaturerklärungen als erfahrener Sprachforscher sicherte und so einen Text erklärte.

Bald aber verlangte die Natur, wie Julius Ebbinghaus gesagt hat, ihre Elemente zurück, langsam, aber unerbittlich. Er kam zunächst noch zu den Vorträgen unserer Sitzungen. Dann ging es nicht mehr. Eine langsam fortschreitende Erkrankung ergriff ihn, die seine Kraft immer mehr schwächte und der er dann erlag.

Wir haben einen Gelehrten verloren, der nicht nur mit beharrlichem Fleiß und mit ungewöhnlicher Geisteskraft sich alle Sprachen und Literaturen des nordöstlichen Europas angeeignet hat, sondern der auch in ihnen dachte, für sie arbeitete, immer in großer Bescheidenheit und dabei, wovon er nie sprach, in stiller rechtgläubiger Frömmigkeit seinen Weg ging. Und erlauben Sie mir noch anzufügen: ich verlor einen guten Freund.

1 Benutzt habe ich das Curriculum vitae der Schüler von Scholz, Gerhard Ressel und Ulrich Obst in der Festschrift für Scholz: Balten – Slaven – Deutsche: Aspekte und Perspektiven kultureller Kontakte, hrg. von Ulrich Obst und Gerhard Ressel (Veröffentlichungen des Slavisch-Baltischen Seminars der Universität Münster, Bd. I), 1998 LIT, S. II-XII.

2 Das erste Kapitel des „Slovo na perenesenie mŏstem preslavnago Klimenta“ (Korsuner Legende), zusammen mit E. Boronovskij, J. Croonenbroeck, W. Schack, R. Spieker, G. Stricker, in: Anzeiger für Slavische Philologie Bd. X/XI 1978/79, S. 147-162.

3 Dazu genauer Hubert Rösel, Das slavisch-baltische Seminar in Vergangenheit und Gegenwart, in: G. Ressel, Hubert Rösel, Fr. Scholz, Jubiläumsschrift zum 50-jährigen Bestehen des slavisch-baltischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität (Studia Slavica et Baltica 1), Münster (Aschendorf ) 1980, S. 97-138.