AWK - Nachruf auf Hans-Jürgen Sasse

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Hans-Jürgen Sasse, 1943 - 2015

Nachruf auf Hans-Jürgen Sasse

Gehalten von Professor Dr. phil. habil. Bernd Heine in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 15. April 2015

Hans-Jürgen Sasse wurde am 30. April 1943 in Berlin geboren. Nach der Grundschu- le in Berlin-Zehlendorf wurde er 1956 in das Altsprachliche Gymnasium aufgenommen, das er im Februar 1962 mit der Reifeprüfung verließ. Von 1962 bis 1965 studierte er an der Freien Universität Berlin Klassische Philologie und Sprachwissenschaft, zusätzlich auch Balkanologie und Orientalistik. Es schloss sich ein einjähriger Aufenthalt in Thessaloniki an, bevor er ab dem Wintersemester 1966/67 das Studium in München mit dem Hauptfach Semitistik und den Nebenfächern Allgemeine Sprachwissenschaft und Balkanphilologie aufnahm.

Im Jahre 1970 wurde er in München im Fachbereich Semitistik mit einer Dissertation Linguistische Analyse des arabischen Dialekts der Mhallamiye in der Provinz Mardin (Südosttürkei) promoviert. Von 1972 bis 1977 war er als wissenschaftlicher Assistent, und von 1977 bis 1986 als C2-Professor am Institut für Allgemeine und Indogermanische Sprachwissenschaft in München tätig. 1975 habilitierte er sich dort mit der Schrift Die Morphophonologie des Galab-Verbs.

1987 folgte er einem Ruf an die Universität zu Köln als Nachfolger von Hansjakob Seiler auf den Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität zu Köln, den er bis zum Ruhestand im Wintersemester 2008/2009 innehatte. Im Jahre 2001 wurde er als ordentliches Mitglied in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.

Hans-Jürgen Sasse war sowohl allgemeiner als auch vergleichender Sprachwissenschaftler im besten Sinne des Wortes. Sein Interesse galt in gleicher Weise der Beschreibung und der typologischen und historischen Untersuchung der Sprachen der Welt. Insbesondere zur Beziehung zwischen Lexikon und Grammatik und zum Phänomen der Thetizität hat er dabei bahnbrechende Arbeiten vorgelegt. Zahlreiche Feldforschungsaufenthalte in Griechenland, der Türkei, in arabischen Ländern sowie in Äthiopien, Kenia, Somalia und Kanada nutzte er dazu, sich eine tiefe Kenntnis über das Wesen menschlicher Sprache anzueignen, die ihm sowohl bei seinen Studenten als auch bei seinen Kollegen Bewunderung einbrachte.

Galt seine wissenschaftliche Leidenschaft allgemein den Sprachen der Welt, so hatte er dabei doch deutliche regionale Schwerpunkte. Dazu gehörten insbesondere das Arvanitika, eine in Mittel- und Südgriechenland beheimatete Varietät des Albanischen, und die kuschitischen Sprachen Galab (Dhasanec) und Boni in Ostafrika.

Zu seinen theoretischen Themen waren ihm nicht zuletzt Fragen des Sprachkontaktes und der vom Aussterben bedrohten Sprachen wichtig. Zu beiden Themen hat er grundlegende Arbeiten veröffentlicht. Ein Denkmal konnte er sich dabei setzen, als  er in zentraler Funktion an der Gründung der Initiative „Dokumentation bedrohter Sprachen“ beteiligt war, die es Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt ermöglichte, mit großzügiger Unterstützung der Volkswagen-Stiftung vom Austerben bedrohte Sprachen zu dokumentieren und zu erforschen. Seine Bedeutung in dieser neueren Forschungsrichtung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er zum Gründungspräsidenten der Gesellschaft für Bedrohte Sprachen e. V. gewählt wurde.

Die Auseinandersetzung mit den bedrohten Sprachen hat ihn bis zu seinem Lebensende begleitet. Hatte er bereits 1991 eine Arbeit über das Arvanitika vorgelegt, so konnte er das geplante vierbändige Werk über diese Sprache durch seinen vorzeitigen Tod nicht mehr zum Abschluss bringen.

Hans-Jürgen Sasse verstarb am 14. Januar 2015 nach langer und schwerer Krankheit. Seinen Schülern und Kollegen wird er aber in gleicher Weise als Lehrer und Freund in Erinnerung bleiben, und die Fachwelt der Linguistik wird seiner als einem großen deutschen Sprachwissenschaftler gedenken.