AWK - Nachruf auf Hubert Markl

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Nachruf auf Hubert Markl

Gehalten von Professor Dr. Hans-Joachim Freund in der Sitzung der Klasse für Naturwissenschaften und Medizin am 25. März 2015

Am 8. Januar 2015 verstarb nach langer schwerer Krankheit das korrespondierende Mitglied unserer Akademie, Herr Professor Dr. rer. nat. Drs. hc Hubert Markl im Alter von 76 Jahren.

Hubert Markl wurde am 17. August 1938 in Regensburg geboren, ging dort im Alten Gymnasium zur Schule und studierte in München Biologie, Chemie und Geographie. Er promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität zum Dr. rer. nat. für das Fach Zoologie. Nach Forschungsaufenthalten an der Harvard-Universität in Boston und an der Rockefeller Universität habilitierte er sich bereits 1967 an der Universität Frankfurt für das Fach Zoologie mit dem Thema Kommunikationsverhalten sozialer Insekten.

1968–1973 war er Direktor des Zoologischen Instituts der Technischen Universität Darmstadt und ab 1974 Professor für Biologie an der Universität Konstanz, der Uni- versität, der er lebenslang verbunden blieb.

Ab 1977 erfolgte dann der stufenweise Übergang ins Wissenschaftsmanagement, beginnend mit den Jahren als Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 1977 bis 1983. Der endgültige Wechsel erfolgte dann mit seiner Wahl zum Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ein Amt, das er von 1986–91 bekleidete.

1993 wurde er Gründungspräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die, 1992 durch Staatsvertrag zwischen den Bundesländern Berlin und Brandenburg gegründet, ihre Tradition auf die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften zurückführt, die unter maßgeblicher Beteiligung Gottfried Wil- helm Leibniz’ im Jahr 1700 gegründet wurde und 78 Nobelpreisträger als Mitglieder hatte.

Von 1996 bis 2002 war er dann Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. 1998 wurde er in den Aufsichtsrat der Siemens AG berufen, womit er der erste Präsident einer Wissenschaftsorganisation war, der gleichzeitig einem Leitungsgremium der Indust- rie angehörte und damit den Bogen zwischen staatlich geförderter Selbstverwaltung der Wissenschaft und industrieller Technologieentwicklung spannte.

Bemerkenswert an dieser einzigartigen biografischen Entwicklung in der deutschen Wissenschaftsgeschichte, die bereits an der Nennung der äußeren Stationen deutlich wird, ist zum einen die Einbindung in die Gründung einer Akademie mit histori- schen Wurzeln. Zum anderen war er der erste Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, der von außen kam, also nicht selbst Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft war. Eben- falls einmalig ist die Tatsache, dass ein Präsident der DFG nachfolgend Präsident der MPG wurde.

Sein Weg zum prominentesten Wissenschaftsmanager der Nachkriegsgeschichte wirft die Frage auf, welche besonderen Persönlichkeitsmerkmale dieser Entwick- lung zugrunde lagen. Hier ergeben sich zum einen thematische Bezüge zu seinem wissenschaftlichen Fokus, dem Sozialverhalten der Tiere. Die Brücke zum mensch- lichen Verhalten lässt sich aus den Titeln seiner Publikationen ersehen, so zum Beispiel Das Tier als soziales Wesen - Erklärung für das menschliche Sozialverhalten? Oder Es gibt kein Gen für Moral und in der Zeitschrift Science Learners from nature: leaders in the study of animal behavior. Solchen Themen blieb er auch später treu, zum Beispiel mit der Herausgabe des Sachbuches Natur als Kulturaufgabe. Über die Beziehung des Menschen zur lebendigen Natur. (1991)

Sein genuines Interesse an Verhalten lässt sich als roter Faden vom Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit bis hin zum Wissenschaftsmanager verfolgen und stellte sicherlich eine spezifische Voraussetzung für sein Wirken dar.

Hinzu kamen Persönlichkeitsmerkmale, die seiner Effizienz zugrunde lagen. Er hatte eine schnelle Auffassung verbunden mit dem Blick für das Wesentliche, konnte gut zuhören. Zudem besaß er eine ungewöhnliche Eloquenz, die er aber nicht nutzte, um zu überreden, sondern um zu überzeugen. Zusammen mit seinem geraden Charakter resultierte eine Überzeugungskraft, die sowohl für die Gremien- arbeit wichtig war als auch für die Durchsetzung der Interessen der Wissenschaft gegenüber der politischen Ebene. Sein Kernanliegen blieb die Förderung von Be- gabung und Kreativität, die Auslese von Spitzenforschung und die Schaffung der hierfür nötigen Voraussetzungen und Infrastruktur. Entsprechend hat er wissen- schaftspolitisch in seiner Zeit bei der DFG eine ganze Reihe von Initiativen auf den Weg gebracht, die überwiegend der Nachwuchsförderung galten. Hier sind das Gerhard-Hess-Programm, das Graduiertenkolleg sowie verschiedene andere Initiativen zur Nachwuchsförderung zu nennen.

Vor diesem Hintergrund wurde das Profil einer optimalen Führungspersönlichkeit einer Wissenschaftsorganisation erkennbar, die sicher auch ein Grund für die Max- Planck-Gesellschaft war, eine so ungewöhnliche Wahl erstmalig zu treffen.

Sein wissenschaftlicher Hintergrund fand reichlich Spielraum in den zahlreichen brisanten Diskussionsfeldern der Biologie und Medizin. Hierzu zählen die Impli- kationen und Grenzen für die Anwendung des humanen Klonierens. Die biolo- gischen Voraussetzungen und die ethisch juristische Bewertung wurden zwar im Lichte anerkannter ethischer Prinzipien diskutiert, führten dann aber zu der Frage, ob die derzeitige Gesetzgebung diesen neuen Aspekten genügt oder entsprechen- der Ergänzungen bedarf. Hierzu gehört auch die umfangreiche Diskussion um die Stammzellforschung, für die er sich nachdrücklich und oft gegen heftigen Wider- stand einsetzte.

Als eine Einlassung in ein anderes heikles Themengebiet sei ein Beitrag zur Diskus- sion um die Sterbehilfe zitiert:

„Nur wer sich nicht als freier, selbstentscheidungsberechtigter Staatsbürger, son- dern als lebens- und bis zum Ende tributpflichtiges Staatseigentum begreift, kann akzeptieren, dass eine Mehrheit sich anmaßt, diese persönlichste aller Lebensent- scheidungen staatlich zulassungspflichtig zu machen.

Sein ausgeprägter Sinn für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit führte auch zu seiner Betätigung als Essayist. Exemplarisch sei hier auf die Aufsatzsammlung „Wissenschaft gegen Zukunftsangst“ (1998) und „Schöner neuer Mensch?“ (2002) verwiesen.

Zur Illustration seiner Überzeugungskraft möchte ich gerne eine persönliche Episode anfügen. Zu meiner Benennung als Vizepräsident kam es wie folgt: Herr Markl hatte mich angeschrieben mit der Frage, ob ich mich für die Wahl zum Vizepräsidenten zur Verfügung stellen würde. Ich habe ihm daraufhin geantwortet, dass mir das leider nicht möglich wäre, weil ich mit den derzeitigen Verpflichtun- gen bereits über Gebühr belastet wäre. Daraufhin rief mich Herr Markl an und frag- te, ob ich ihm nicht wenigstens die Ehre erweisen würde, eine so wichtige Angele- genheit einmal persönlich zu erörtern. Natürlich bin ich nach Godesberg gefahren. In diesem Gespräch fragte mich Herr Markl, wie viele Tage ich etwa als Gutachter unterwegs sei. Ich antwortete, das wären mindestens drei Wochen. Er fragte dann weiter, welche Verpflichtungen ich in der Fakultät hätte oder ob ich als ärztlicher Direktor oder Dekan vorgesehen wäre und dergleichen mehr. Zum Schluss rechnete er mir vor, dass ich durch die Summe der Tätigkeit als Vizepräsident eher noch Zeit einsparen würde, da man ja zum Beispiel als solcher nicht mehr als Gutachter tätig sein dürfe und entsprechende Ämter in seiner Universität nicht wahrnehmen solle.

Resümee: Ich wurde durch den Verlauf des Gespräches mit rein sachlichen Argu- menten überzeugt und hatte eigentlich keine guten Gegenargumente. Hinzu kam auch noch sein persönlicher Charme, der mir ein weiteres Verharren auf meiner ablehnenden Haltung vollends verwehrte, sodass ich letzten Endes gerne zustimm- te, zumal er mir in dem Gespräch auch noch einmal die Bedeutung dieser Funk- tion klarmachte, die ja auch mit der Leitung der Senatskommission für klinische Forschung verbunden war, also einer herausfordernd wichtigen Aufgabe. An die darauffolgende gemeinsame Zeit erinnere ich mich gerne – es war eine Freude mit ihm zusammen zu arbeiten.

Diese persönliche Episode macht vielleicht ganz gut deutlich, dass er eben durch Überzeugung und nicht durch Überredung seine Positionen verwirklichen konn- te. Auf diesen Eigenschaften und seinem gewinnenden Wesen beruhte auch sein ansteckendes Begeisterungsvermögen, das Publikum und sogar Gremien oft mit- nahm. Seine legendäre Beredsamkeit, ob mündlich oder schriftlich, war gerade auch in den wissenschaftskritischen Diskussionen außerordentlich hilfreich. Sie war ebenso wichtig für die Vermittlung der Akzeptanz von Wissenschaft in der Öffentlichkeit wie für die Appelle an die Wissenschaftler bezüglich ihrer Bringschuld gegenüber der Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang füge ich ein Zitat seiner Ausführungen zur aktuellen Diskussion um den Fremdenhass an, ein schon damals aktuelles Thema. In einer Artikelserie mit dem Soziologen Wolf Lepenies unter dem Thema „Wir und die anderen“ wird wie folgt argumentiert:

„Der Wissenschaft ist nichts fremd — nicht einmal der Fremdenhass. Die Angst vor Fremden ist nur allzu menschlich. Die Furcht vor Fremden hat, selbst in ihren schlimmsten Exzessen, ihre anthropologischen Wurzeln. Alles zu verstehen heißt aber auch hier keineswegs, alles zu verzeihen. Im Gegenteil: Als Kulturwesen, das in der Lage ist, die Fesseln seiner Natur zu lockern, erfährt der Mensch Fremdheit zugleich als unschätzbare Bereicherung eigener Erfahrung. Fremdenhass ist daher Ausdruck von Unkultur.“

Natürlich gehörte zu solchen Einlassungen auch Zivilcourage, zumal wenn sie weiter weg von seinen ursprünglichen thematischen Schwerpunkten lagen. Ein solches Beispiel ist die Einsetzung einer Kommission der Max-Planck-Gesellschaft, welche die Arbeit und die Verbrechen der Kaiser Wilhelm Gesellschaft während der Zeit des Nationalsozialismus untersuchen sollte. Weiterhin setzte er gegen teil- weise harten Widerstand die Einrichtung neuer Max-Planck-Institute im Bereich der ehemaligen DDR im Zuge der deutschen Wiedervereinigung durch, für die bei knappen Budgets Abteilungen in der früheren Bundesrepublik geschlossen werden mussten. Er hat sich damit um das Zusammenwachsen der Forschung nach der Wiedervereinigung verdient gemacht.

Mit diesen Ämtern prägte Hubert Markt auch einen neuen Typus, den die deutsche Hochschullandschaft bis dahin kaum kannte: den des Wissenschaftsmanagers, der eben nicht nur selbst erfolgreich geforscht hat, sondern der Erkenntnisgewinn auch in das gesellschaftlichen Umfeld einbringt. So trieb er die europäische Integration in der Wissenschaftsförderung und die Öffnung gegenüber den Staaten Mittel- und Osteuropas voran und verstärkte die weltweiten Kooperationen mit Wissenschaft- lern und Wissenschaftsorganisationen.

„Wir haben mit ihm einen eloquenten Repräsentanten der deutschen Wissenschaft verloren, der wichtige Anstöße für eine innere Reform der Max-Planck-Gesellschaft gegeben hat“, würdigte der heutige Präsident Martin Stratmann seinen Vorgänger. Dies gilt aber nicht nur für die Max-Planck-Gesellschaft, sondern auch für die Universitäten, die überwiegend über die DFG gefördert werden. Deshalb gelten Erinnerung und Dank nicht nur, wie sonst in einem Wissenschaftlerleben, dem persönlichen und akademischen Umkreis, sondern einem Menschen, dem die deutsche Wissenschaft insgesamt viel zu verdanken hat. Zudem werden alle, die ihn persönlich kannten, diesen ungewöhnlichen Menschen vermissen und in besonderer Erinnerung behalten.