AWK - Nachruf auf Johannes Kunisch

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Johannes Kunisch, 1937 – 2015

Nachruf auf Johannes Kunisch

Prof. Dr. Gerrit Walther in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 9. September 2015

Am 2. März 2015 verstarb zu Köln, seiner langjährigen akademischen Wirkungsstätte, im Alter von 78 Jahren der Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte, Herr Prof. Dr. Johannes Kunisch. Er gehörte der Akademie seit 1997 an. Mit ihm hat die deutschsprachige Geschichtsforschung zur Frühen Neuzeit einen wichtigen Repräsentanten, Anreger und Förderer verloren, einen der besten Kenner der Staatengeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts und ihrer Protagonisten. Sein bekanntestes Werk, eine magistrale Biographie Friedrichs des Großen, erschien 2004, zwei Jahre nach seiner Emeritierung.

Johannes Kunisch wurde 1937 in Berlin geboren. Er war Preuße, und er forschte vorzugsweise über Preußen. Aber er war ein katholischer Preuße. Vielleicht auch deshalb betrachtete er sein Lieblingsthema mit der für ihn charakteristischen Mischung aus skrupulöser Skepsis und trotziger Bewunderung. Seine Kinderjahre, seine Schul- und Studienzeit verlebte er in München, an dessen Universität sein Vater, Hermann Kunisch, einen renommierten Lehrstuhl für Germanistik bekleidete. Vom Vater ließ der Sohn, der ursprünglich Kunsthändler oder Offizier hatte werden wollen, sich dazu bringen, solche Pläne aufzugeben und stattdessen Geschichte, Kunstgeschichte und Rechtsgeschichte zu studieren. Johannes Spörl promovierte ihn 1963 mit einer Arbeit zur hochmittelalterlichen Architekturgeschichte, einer Studie über die Kirche von Schwarzrheindorf als Spiegel zeitgenössischer Machtverhältnisse. Das Thema sollte Johannes Kunisch später nie wieder aufnehmen. Der Ansatz aber, politische Konstellationen in Kunstwerken zu spiegeln, war ihm zeitlebens ein wichtiges heuristisches Instrument. Im Friedrich-Buch beispielsweise deutet er die kalte Pracht des Neuen Palais in Potsdam als Indiz für die politische Isolation des alten Königs.

Ein weiterer für Kunisch charakteristischer Zugriff, der ebenfalls mit seiner Münchner Frühzeit zusammenhängen mag, war ein psychologischer. Kann es Zufall sein, dass er auch und gerade die Persönlichkeit Friedrichs des Großen als Resultat eines fundamentalen Vater-Sohn-Konflikts deutete? Beide Methoden konstituieren Kunischs charakteristisches Profil: Bei aller methodischen Strenge schätzte er es durchaus, als spürsinniger Ästhet und psychologisierender Literat zu argumentieren.

Sein eigentlicher Lehrer wurde ein Privatdozent, der 1963 von der Franz-Schnabel-Vertretung aus nach Kiel berufen wurde: Friedrich Hermann Schubert, der bedeutende Erforscher des frühneuzeitlichen Reichs im konfessionellen Zeitalter. Kunisch begleitete ihn als Assistent in diese von München am weitesten entfernte Universität – auch wenn er sich für Konfessionsprobleme kaum interessierte. Vielleicht wiederum aus Reserve gegen eine mächtige Vaterfigur machte er zwei Bereiche zu seinem Metier, die Schubert fernlagen: die Staaten- und Militärgeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit einer Studie über irreguläre Truppen im Siebenjährigen Krieg habilitierte er sich 1971 (nicht, wie ursprünglich geplant und bis heute fälschlich kolportiert, mit einer Monographie über Feldmarschall Loudon, den Gegenspieler Friedrichs des Großen).

Das geschah, unter ungünstigen äußeren Umständen, in Frankfurt am Main. Just im Jahr 1968 war er mit Schubert dorthin gewechselt, mitten hinein in die eben ausbrechende Studentenrevolte. Auch sie war ein Aufstand von Söhnen gegen übermächtige Väter. Den Ästheten und Feingeist Johannes Kunisch jedoch empörten der ideologische Furor, das gewollt Ordinäre, Gehässige der Proteste. Störungen und Zerstörungen, Blockaden und Gewalt waren für ihn das krasse, feindselige Gegenteil akademischer Freiheit. Vielleicht in Reaktion auf solche Erfahrungen kultivierte er nun erst recht einen Habitus professoraler Dignität. Beinahe ostentativ favorisierte er – gegen die „linke“ Sozialgeschichte – „konservative“ Gattungen wie Staaten-, Verfassungs- und eben Militärgeschichte. Deren Relevanz auch und gerade für eine moderne Geschichtswissenschaft zu erweisen, sollte zu seiner gelehrten Lebensaufgabe werden.

Die Zeit zwischen dem Abschluss der Habilitationsschrift und seiner Berufung überbrückte eine sogenannte Hessen-Professur: ein damals üblicher, segensreicher, ebenso würdiger wie praktischer Stellentyp, den das Land Privatdozenten bis zur Berufung anbot. 1975 erhielt er einen Ruf nach Marburg – den er ablehnte, wohl weil er dort vom Regen in die Traufe gekommen wäre. 1976 folgte ein Ruf nach Köln, den er annahm. Bis zu seiner Emeritierung 2002 forschte und lehrte er hier als ordentlicher Professor für Mittlere und Neuere Geschichte.

Köln war damals die wohl wichtigste Historikerschmiede der Bundesrepublik. Hier wirkten Theodor Schieder und seine zahlreichen Schüler – von Hans-Ulrich Wehler über Lothar Gall bis zu Elisabeth Fehrenbach. Welch hohen Respekt Johannes Kunisch sich bei seinen Kollegen, Konkurrenten und teilweise auch weltanschaulichen Kontrahenten erwarb, zeigt etwa – um es bei einem einzigen Detail zu belassen – das überraschende Lob, das ausgerechnet Wehler später seinem Friedrich-Buch spendete. Zu einer näheren Kooperation mit dem mächtigen Schieder indes (etwa im Rahmen der „Historischen Zeitschrift“) kam es nicht. Doch eben diese Enttäuschung war ein Glück für die Wissenschaft. Denn sie zwang Kunisch, durch eigene gelehrte Initiativen Profil zu gewinnen.

Schon 1974 hatte er mit akademischen Freunden, darunter unserem Mitglied Klaus Luig, die „Zeitschrift für historische Forschung“ ins Leben gerufen. Sie wurde (und ist bis heute) das wichtigste deutschsprachige Fachjournal für geschichtswissenschaftliche Frühneuzeitforschung, durchaus in Konkurrenz zur klassischen „Historischen Zeitschrift“ wie zu „linken“ Organen wie „Geschichte und Gesellschaft“. Bei aller persönlichen Distanz zum Geist von Achtundsechzig sorgte Kunisch dafür, dass hier jene großen Theoriefragen verhandelt wurden, die in den Siebzigerjahren die Geister erregten. Programmatisch warb die ZHF etwa für ein neues Epochenschema, nämlich die Idee einer „Langen“, schon um 1350 beginnenden Neuzeit, für jenes „Alteuropa“-Konzept, das Remigranten wie Dietrich Gerhard etabliert hatten. In der ZHF erlernten und übten viele seiner nachmals prominenten Schüler das kritische Handwerk, so etwa Barbara Stollberg-Rilinger, Helmut Neuhaus, Lothar Schilling und Aloys Winterling. Gerade die Vielfalt der Richtungen, die in der „Kunisch-Schule“ möglich waren, zeigt deren beispielhafte Anregungskraft und Offenheit.

Johannes Kunisch wusste, dass Themen Institutionen brauchen, um wirken zu können. Er verstand es meisterhaft (und arbeitete hart daran), sie zu schaffen. Das konnten Zeitschriften sein wie eben die ZHF, die Neue Folge der traditionsreichen „Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte“, die er bald nach dem Mauerfall begründete und jahrelang leitete, oder wie „Der Staat“, deren Mitherausgeber er seit 1993 war. Es konnten Kongresspublikationen sein (wie die Sammelbände über den dynastischen Fürstenstaat oder Persönlichkeiten im Umkreis Friedrichs des Großen) oder Gesammelte Schriften anderer – von denen Scharnhorsts bis zu denen des vom Zeitgeist missachteten Militärhistorikers Werner Gembruch. Es konnte ein Verband sein wie die „Preußische Historische Kommission“, der er von 1988 bis 2005 vorstand. Der im Alltag zurückhaltende, bisweilen sogar schwierige Gelehrte war ein großer Kommunikator.

Kunischs vordringliches Interesse blieben, wie er selbst schreibt, „die langfristig wirksamen Strukturen und Institutionen – Erscheinungsformen also, die dem Zeitalter  als Ganzem das eigentümliche Profil verliehen haben“. Anders als die ältere verfassungsgeschichtliche Forschung allerdings glaubte Kunisch (hier nahe bei Wehler) an das, was Eckhard Kehr den „Primat der Innenpolitik“ genannt hat. So zeigt er in „Staatsverfassung und Mächtepolitik“ (1979), wie die Einführung absolutistischer Prinzipien und Erbfolgeordnungen in den europäischen Staaten des 18. Jahrhunderts einen Innendruck erzeugten, der zwischenstaatliche Konflikte quasi präfigurierte. Sein unter Studierenden prominentestes Werk, das erstmals 1986 erschienene Lehrbuch „Absolutismus“, verfolgt dieses Wechselverhältnis von Innen und Außen am Beispiel der (so der Untertitel) „Europäische[n] Geschichte vom Westfälischen Frieden bis zur Krise des Ancien Régime“.

Entscheidend bestimmt dieser Ansatz aber auch das Werk, das ihm am Nachmittag seines Lebens glückte und dessen gewaltiger Erfolg ihn selbst überraschte: die Biographie über Friedrich den Großen von 2004. Habe er doch eigentlich, so schrieb er bescheiden im Vorwort, nur vorgehabt, den traditionellen „Wissensvorrat … nach einem heutigen Erkenntnisinteresse neu zu strukturieren“.

In diesem Werk erklärt er die prekäre, paradoxe und zugleich paradigmatische Situation Preußens vornehmlich aus dem Handeln eines Königs, der seine Epoche gerade dadurch prägt, dass er ihre Ideen und Möglichkeiten in exzentrischer Weise ausschöpft und auslebt. Als einen geradezu neurotischen Hasardeur und Grenzgänger porträtiert er ihn, als einen Provokateur, den traumatische Erlebnisse zwingen, sich allen politischen Konventionen seiner Zeit zu verweigern, als einen Revolutionär auf dem Thron, der sowohl seinen Staat als auch das europäische Staatensystem zukunftsweisend modernisiert.

Auch deshalb war Johannes Kunisch ein bedeutender Historiker: weil er es wagte,  die Konflikte seiner eigenen Zeit, die Erfahrungen seines eigenen Lebens für die Deutung historischer Quellen fruchtbar zu machen, beide mit gleicher seismographischer Sensibilität und skrupulöser Redlichkeit immer wieder kritisch aneinander zu messen und die Ergebnisse solcher Prüfungen in einem klaren, gediegenen Stil zu beschreiben. Auch und gerade als Muster eines solchen gelehrten Ethos‘ verdient der herausragende Gelehrte unseren hohen Respekt und unsere dankbare Erinnerung.