AWK - Nachruf auf Karl Dietrich Bracher

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Karl Dietrich Bracher, 1922 – 2016

Nachruf auf Karl Dietrich Bracher

Gehalten von Professor Dr. Dominik Geppert in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 8. Februar 2017

Mit Karl Dietrich Bracher hat die Akademie der Wissenschaften am 19. September 2016 einen Pionier der Zeitgeschichtsforschung und einen Gelehrten von Weltruhm verloren.

1922 in Stuttgart geboren, gehörte Bracher einer Generation an, die ihre Jugendjahre der NS-Diktatur opfern musste, daraus aber zugleich die Lehre zog, nach 1945 nur umso stärker den Aufbau und die Gestaltung der jungen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland mit Verve zu fördern und kritisch zu begleiten, mithin „Geschichte als Erfahrung“, wie einer von Brachers späteren Essaybänden betitelt ist, zu nutzen.

Bracher wurde nicht müde, immer wieder den fundamentalen und unaufhebbaren Gegensatz von Demokratie und Diktatur zu betonen, ja dieser Gegensatz wurde gewissermaßen zu seinem Lebensthema. Unbeirrt hielt er fest an der analytischen Wertigkeit des Totalitarismus-Begriffs für die vergleichende und zugleich differenzierende Beschreibung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ende des sowjetischen Regimes und der Offenlegung seiner verheerenden Schlussbilanz kann niemand mehr ernsthaft vom Totalitarismus als schierer Kampfvokabel des Kalten Krieges sprechen. Erneut war der politische und moralische Gehalt des Gegensatzes von Demokratie und Diktatur sichtbar geworden.

Aus einer evangelischen, bildungsbürgerlichen Familie stammend, war Bracher dem steigenden Anpassungsdruck des NS-Staates zuerst bei der Eingliederung seiner christlichen Pfadfindergruppe in die Hitlerjugend begegnet. Werteverlust und Erniedrigung erlebte er sodann beim Arbeitsdienst, was dazu führte, dass er seine Zeit als Soldat im Afrikakorps geradezu als Chance genoss, seinen geografischen Interessen nachzugehen, war er doch vor dem Krieg „nicht weiter als von Stuttgart bis Heidelberg gekommen, im Süden bis zum Bodensee“. Das Kriegsgefangenendasein in Concordia/Kansas (seit 1943) brachte ihm eine Zeit des Lesens, Studierens und Musizierens. Seine Kenntnis von Quellen und Primärliteratur beruhte wesentlich „auf dieser frühen Zeit des Noch-nicht-Studierens oder des Halb-Studierens vor und während der Gefangenschaft“, wie er freimütig gestand. Bereits im Lager, nicht zuletzt durch Begegnungen mit beeindruckenden Lehrmeistern gefördert, entwickelte Bracher den Wunsch, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Die Chancen zur Aus- und Weiterbildung, die Informationsmöglichkeiten in einem freien Land mit freier, vielgestaltiger Presse führten dazu, dass er das Kriegsende „mental schon auf der Seite der Demokratie“ erlebte.

Im Februar 1946 entlassen, studierte er zügig von 1946 bis 1949 in Tübingen. Aufgrund seines humanistischen Bildungshintergrunds und weil „mit weniger Büchern und Quellen rascher eine gute Arbeit zu schreiben war“, wählte er die Alte Geschichte. Im Dezember 1948 wurde er mit „summa cum laude“ zum Dr. phil. promoviert. Die Breite seiner Kenntnisse durch die Epochen ist auch eine Erklärung für die historische Tiefendimension seiner späteren zeitgeschichtlichen Werke. Denn in diese Richtung drängte Brachers forscherliches Interesse. 1949/50 hielt er sich als Postdoctoral student insbesondere für amerikanische Geschichte, Soziologie und Politische Wissenschaft an der Harvard University auf – ein Jahr, das er als Zeit der Orientierung und zur Erweiterung seines Horizonts nutzte – ehe er nach Berlin an das Institut für politische Wissenschaft ging. Hier entstand in den Jahren 1951–1954 seine Studie „Die Auflösung der Weimarer Republik“, mit der er sich 1955 habilitierte. Sie gilt bis heute als eines der Standardwerke, ja vielleicht d a s Standardwerk für die letzten Jahre der ersten deutschen Demokratie. Über Nacht hatte sich Bracher mit diesem Buch einen Namen gemacht und Interesse bis in höchste Kreise der Bonner Politik geweckt.

Von 1955 bis 1958 wirkte Bracher als Privatdozent in Berlin, wo er Politische Wissenschaft und Neuere Geschichte lehrte, ehe er zum 1. Januar 1959 auf den neu errichteten Lehrstuhl für die Wissenschaft von der Politik nach Bonn berufen wurde. Man traute dem gerade 37-Jährigen zu, ein völlig neues Seminar aufzubauen. Gleich seine erste Übung hielt er zu dem Thema: „Weimar und Bonn. Ein Vergleich“. Das war nicht zuletzt Ausdruck seiner Überzeugung, dass die politische Bildung an die Universität gehöre: Er führe „das Aufkommen des Nationalsozialismus auf politische Halbbildung und mangelndes politisches Bewusstsein zurück“, schrieb Bracher dazu am 9. Januar 1959 im Bonner General-Anzeiger. Weimar und Bonn, das blieb für ihn das deutsche Demokratiethema des 20. Jahrhunderts. Es trieb ihn um, denn das „eigentliche Verhängnis“ lag nach seiner Meinung „im Versagen der Mehrheit der Gebildeten, die der Vorwurf des unterlassenen Guten treffen muss (...) Es war eine „partielle Sonnenfinsternis“ in politischen Fragen, eine obrigkeitshörige Bereitwilligkeit, sich hinter der moralischen Mauer einer fraglosen Pflichterfüllung, einer geglaubten höheren Notwendigkeit zu verstecken.“

Viele Rufe, u. a. nach Harvard, konnten ihn nicht aus Bonn weglocken. Bracher setzte sich bis zuletzt für die „Erhaltung der Bonner Fundamente unserer deutschen Demokratie“ ein, wenn er gegen die „Herabsetzung und Provinzialisierung“ Bonns wetterte. Neben Stellungnahmen zur aktuellen Politik entstanden in diesen Jahren Studien zu weitgespannten Themen, die durchweg mehrere Auflagen erlebten. Genannt seien nur „Die deutsche Diktatur“, „Die Krise Europas: 1917–1975“, „Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert“ oder „Geschichte und Gewalt“. Sein Publikationsverzeichnis umfasst etwa 400 Veröffentlichungen. Daneben betreute er 132 Promotionen und führte 14 Wissenschaftler zur Habilitation, während die Zahl der von ihm angeregten Magisterarbeiten kaum noch im messbaren Bereich liegt.

Dass Brachers Wirken weit über seine unmittelbare Bonner Wirkungsstätte ausstrahlte, manifestierte sich in zahlreichen Gastprofessuren, Ehrendoktorwürden und Akademiemitgliedschaften ebenso wie in seiner Berufung in den Orden „Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste“.

Unsere Akademie hat mit Karl Dietrich Bracher den Nestor der zeitgeschichtlich orientierten Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, einen national wie international hochangesehenen Gelehrten verloren, dem sie stets ein ehrendes Andenken bewahren wird.