AWK - Nachruf auf Klaus Hortschansky

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Klaus Hortschansky, 1935 - 2016

Nachruf auf Klaus Hortschansky

Gehalten von Prof. Dr. phil. Klaus Wolfgang Niemöller in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 9. September 2016

Dem 2001 zum ordentlichen Mitglied unserer Klasse gewählten Professor für Musikwissenschaft Klaus Hortschansky war nur ein Jahrzehnt aktiver Mitwirkung vergönnt. Ein schweres Leiden fesselte ihn ans Haus. Am 16. Mai 2016 ist er nur wenige Tage nach seinem 81. Geburtstag in Münster gestorben. Mit dem Thema seines 2004 vor der Klasse gehaltenen Vortrages „Orpheus auf der Opernbühne. Ein Mythos und seine Entmythologisierung“ hatte er in den Mittelpunkt seiner weitreichenden wissenschaftlichen Interessen und Forschungen geführt.

Klaus Hortschansky wurde am 7. Mai 1935 in Weimar geboren. Nach dem Studium an der dortigen Musikhochschule studierte er von 1955 bis 1966 an den Universitäten in Berlin (FU) und Kiel Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Griechische Philologie. 1966 wurde er bei Anna Amalie Abert mit einer Arbeit über

„Parodie und Entlehnung im Schaffen Christoph Willibald Glucks“ promoviert. Er eröffnete damit neue methodische Perspektiven für die Opernforschung, die erst später solche Fragen zu Werkcharakter und kompositorischen Mehrfachautorenschaften auf breiter Grundlage aufgriff.

Nach Assistentenjahren in Kiel und in Frankfurt bei Ludwig Finscher nahm Hortschansky seit 1972 eine Professur an der Universität Frankfurt wahr. 1984 wurde  er als Direktor des Musikwissenschaftlichen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität auf den dortigen Lehrstuhl berufen. Der angesehene Gelehrte wirkte zwischen 1987 und 1999 als Prodekan und Dekan des Fachbereichs Geschichte / Philosophie sowie der Philosophischen Fakultät. Auch bewies Hortschansky an seiner Wirkungsstätte, dass Forschungen zur lokalen Musikgeschichte mit einer neuen quellenmäßigen Orientierung wertvolle Erkenntnis zeitigen können, was er als Herausgeber der Reihe „Musik in Westfalen“ auf die regionale Ebene übertrug. Seit 1999 amtierte er als Präsident der Gesellschaft für Westfälische Musikgeschichte.

Über Jahrzehnte bereicherte Hortschansky in zahlreichen Aufsätzen und Artikeln die Forschungen zu den Opern von Händel, Gluck und Mozart sowie der italienischen Oper des 18. Jahrhunderts generell. Mit Beiträgen wie „Der Deus ex machina“ oder „Das Wunder in der Oper“ hat er auch für die Oper des 19. Jahrhunderts übergreifende Themen aufgegriffen. Von der Herausbildung eines deutschsprachigen Verdi-Repertoires bis zu den Musikdramen Wagners reichte seine Kompetenz. Dazu gehört die vielbeachtete Münsteraner Tagung 1999 über Wagners „Ring der Nibelungen“ mit ihrem Fokus auf der kulturellen Kontextualität. Bewusst wandte sich so Hortschansky interdisziplinären Fragestellungen zu, z. B. in der Studie über die Libretti Georg Friedrich Händels zwischen Barockpessimismus und Aufklärungsoptimismus. Der Artikel „Musik“ im Lexikon der Aufklärung erweiterte das entsprechende Gesamtbild.

Der Gluckforscher Hortschansky gehörte seit 1970 dem Herausgeber-Gremium der Gluck-Gesamtausgabe an. 1987 / 1991 gab er selbst (Musikdramen I,8) die Oper „Armide“ heraus. 1995 erschien als Supplement-Band „Libretti. Die originalen Textbücher“ der Bühnenwerke. Schon 1987 konnte ich den Editionsfachmann für den Vorstand des Joseph Haydn-Instituts in Köln gewinnen. Seit 2001 hat er dann unsere Akademie im Ausschuss für Musikwissenschaftliche Editionen vertreten, der bei der Mainzer Akademie für die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften 18 Editions- und Dokumentationsvorhaben koordiniert, darunter vier in NRW, die Gesamtausgaben von Joseph Haydn in Köln, von Robert Schumann mit der Forschungsstelle in unserem Akademie-Gebäude und von Carl Maria von Weber in Detmold, dazu seit 2014 die Edition „Beethovens Werkstatt“ in Bonn.

In ebenso großer Intensität gab Hortschansky seinem zweiten großen Forschungsbereich, der Musik der Renaissance, neuartige Impulse. Über Komponistengenerationen und Stilfragen hinaus widmete er sich bereits 1985 im „Neuen Handbuch der Musikwissenschaft“ den kulturellen Zusammenhängen des Musiklebens im 15. und 16. Jahrhundert. Geistesgeschichtliche Zusammenhänge bestimmten 1987 seinen Beitrag zur Bedeutungsforschung im Rahmen des von ihm veranstalteten Symposions „Zeichen und Struktur in der Musik der Renaissance“ ebenso wie 1991 der Aspekt von „Andacht, Anschauung und Ausdruck in der Motette des späten 15. Jahrhunderts“. Seine Münsteraner Tagung von 1998 „Humanismus und Motette“ setzte diese Linie fort.

Nach meiner Wahl 1989 in den Vorstand der Gesellschaft für Musikforschung als Präsident und Hortschansky als Vizepräsident sahen wir uns nach zwei Monaten durch die unverhoffte Wiedervereinigung und den Fall des Eisernen Vorhanges Seite an Seite vor neue Aufgaben gestellt sowohl in den neuen Bundesländern wie in den östlichen Nachbarländern. Das Engagement von Hortschansky galt insbesondere der Halleschen Händelausgabe, deren Editionsleitung er nach der Übernahme ins Akademienprogramm seit 1994 angehörte. Begleitend widmete er seine Händel-Studien vor allem den Oratorien, aber auch dem Händel-Bild Goethes und Zelters. Aus diesen Kompetenzen heraus wurde er 1998 zum Präsidenten der Ständigen Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (Blankenburg / Harz) gewählt.

Als 1992 an der Kölner Universität im Rahmen einer Tagung über die Musik der Deutschen im Osten und ihre Wechselwirkung mit den Nachbarn die erste Begegnung mit zahlreichen Musikwissenschaftlern vom Baltikum bis zum Balkan stattfand, lenkte Hortschansky den Blick auf die Königsberger Musikkultur im 18. Jahrhundert. Konsequent übernahm er 1998 bei der Gründung des Instituts für deutsche Musikkultur im östlichen Europa (IME) in Bonn den stellvertretenden Vorsitz. Zum Symposion des IME über die Orgel im Konzertsaal in St. Petersburg 2005 galt sein Beitrag dem Verhältnis von Orgel und Musiktheater. Das Symposion fand anlässlich der Restaurierung der Walcker-Orgel in der Philharmonie statt, einem Gastgeschenk der Bundesrepublik Deutschland zum 300-jährigen Gründungsjubiläum von St. Petersburg, denkwürdig für uns alle wegen der Einweihung durch die Staatspräsidenten Horst Köhler und Vladimir Putin.

Auch die Verdienste als Präsident der Gesellschaft für Musikforschung 1993–1997 wurden zum 60. Geburtstag von Klaus Hortschansky 1995 von Schülern und Kollegen durch eine Festschrift gewürdigt. Zum 65. Geburtstag wurde ihm 2000 eine Festschrift mit interdisziplinären Beiträgen zur Musik gewidmet. So vielseitig und von neuen Ideen geprägt seine über 80 wissenschaftlichen Aufsätze sind, so offen war er für die jeweiligen Interessen seiner Münsteraner Doktoranden und Habilitanden. Als Professoren an Universitäten und Hochschulen von Bremen über Düsseldorf und Mainz bis Bern und Zürich tragen sie das verantwortungsvolle Engagement und das wissenschaftliche Ethos von Klaus Hortschansky weiter.

Die Klasse für Geisteswissenschaften wird dem bedeutenden Musikwissenschaftler unter ihren Mitgliedern ein ehrendes Andenken bewahren.