AWK - Nachruf auf Lothar Jaenicke

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Nachruf auf Lothar Jaenicke

Gehalten von Professor Dr.med Dr.h.c.mult. Helmut Sies in der Sitzung der Klasse für Naturwissenschaften und Medizin am 16. März 2016

Am 14. September 1923 wurde Lothar Jaenicke in Berlin geboren, am 29. Dezember 2015 verstarb er in Köln.  Lothar Jaenicke hinterlässt seine vier Kinder mit deren Familien. Wir trauern mit ihnen um ein langjähriges Mitglied unserer Akademie.  Er war ein besonders aktives Mitglied, wir haben ihm Vieles zu verdanken, bis hin zu seiner letzten Sitzungsteilnahme noch im Dezember 2015 im Alter von 92 Jahren.

Lothar Jaenicke war zweites der vier Kinder des Chemikers Dr. Johannes Jaenicke und seiner Ehefrau Erna, geb. Buttermilch.  Seine Schulbildung schloss er im Frühjahr 1941 mit dem Abitur am humanistischen Lessing-Gymnasium in Frankfurt/Main ab.  Im Jahre 1943 trat er nach vier Semestern als Gasthörer der Botanik und der Chemie an der Universität Marburg auf Empfehlung von Prof. Hans Meerwein als Laborant bei der Schering AG in Berlin ein, welches ihn vor der Einberufung in die Organisation Todt bewahrte.  Dort wurde er bis Kriegsende mit Syntheseversuchen neuer Chemotherapeutika beschäftigt.  Im Sommer 1945 kehrte er, von Meerwein angefordert, nach Marburg zurück und begann 1946 unter dessen Leitung seine Diplomarbeit über die Komplexbildung von cyclischen Äthern mit gemischten Metallhalogeniden, die 1948 zur Promotion führte.  Das Chemische Institut war bombenzerstört, sodass Jaenicke sich zum Wintersemester 1945/46 aus biomedizinischem Interesse zum wiedereröffneten Medizinstudium in Marburg einschrieb, welches er bis zum Physikum und darüberhinaus betrieb.

Jaenickes erste Publikationen erfolgten im Labor von Prof. Karl Dimroth in Tübingen, über die Spaltung von Ribonukleinsäuren durch Metallhydroxyde. Er lernte dort seine Frau kennen, Dr. Doris Heinzel,  Ko-Autorin der ersten Arbeit, erschienen 1950 in Liebigs Annalen der Chemie.  Die Heirat fand 1949 statt.  Die Habilitation über die Cofaktorfunktion von Folsäure im Einkohlenstoff-Stoffwechsel erfolgte in Marburg 1954, auch sein Hauptarbeitsgebiet in späteren Jahren.  Noch 1954 ging Jaenicke im Rahmen eines Stipendiums der NSF an das Department of Biochemistry der Western Reserve University in Cleveland, USA.  Beflügelt kehrte er 1956 zurück nach Marburg.

Prof. Feodor Lynen holte Jaenicke 1957 auf eine Diätendozentur an sein Institut für Biochemie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, und 1962 siedelte Jaenicke nach Köln über auf ein Extraordinariat für Physiologische Chemie.  Dann erfolgte schließlich 1963 die Ernennung zum Ordinarius am Institut für Biochemie in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, welches er bis zu seiner Emeritierung 1988 leitete.

Dieser trotz aller gefahrenvollen und unruhigen Zeiten so glücklich verlaufene Lebensweg wird hier in gewissem Detail dargelegt, da er für das Verständnis späterer Inhalte von Jaenickes Interessen eine Rolle spielt.  Zeitlebens hat es Prof. Jaenicke im Innersten beschäftigt, wie es Menschen zu Zeiten des Dritten Reichs bewegen konnte, sich in der einen oder der anderen Richtung zu verhalten, die Leben oder Tod, Hilfe oder Verrat bedeuteten.  Rekurrent bei seinen späteren Ausführungen in Porträts von Wissenschaftlern ist beispielsweise der Satz: „Solchen Zeiten ist kein Mensch mit zivilem Anstand gewachsen!“  Das große ethische Dilemma hat ihn nicht losgelassen, es war der Motor für ihn, auch Einzelschicksale bis ins Detail zu beleuchten.

Hieraus resultierte für uns Nachgeborene ein Thesaurus der Wissenschaftsgeschichte der Biochemie und der Zellbiologie in unkonventioneller Form.  In loser Folge erschienen besagte „Porträts“ in Zeitschriften wie BIOspektrum (später in Buchform zusammengefasst im S. Hirzel Verlag 2007 und 2010).  Sie stellen persönlich gefärbte Vignetten zu erkannten und verkannten Pionieren der Lebenswissenschaften im deutschsprachigen Raum dar, ohne Quellenangaben und mit zum Teil recht spitzer Feder verfasst.  Kurze, prägnante, stichwortartige Formulierungen, mit Anspielungen und Andeutungen unterlegt, machen Lesen und Verdauen anspruchsvoll, regen zum Mitdenken und besonders zum Nachdenken an.  Manchmal gerät Jaenicke ins Überspitzte, was Grund zu Kontroversen lieferte, beispielsweise zu dem Thema Richard Kuhn. (Jaenicke erhielt die Richard-Kuhn-Medaille der Gesellschaft Deutscher Chemiker 1984).

1971 wurde Prof. Jaenicke zum Mitglied der Naturwissenschaftlich-Medizinischen Klasse der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften (heute Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste) gewählt.  Mit Fug und Recht darf behauptet werden, dass Herr Jaenicke eines der eifrigsten und aktivsten Mitglieder dieser Klasse war.  Nicht nur, dass er über Jahrzehnte seine immer stichhaltigen und weiterführenden Diskussionsbeiträge in den wissenschaftlichen Sitzungen abgab, er wirkte auch intensiv in der Gestaltung der Ausrichtung der Akademie.  Häufig stiess er Recherchen über potentielle geeignete neue Akademiemitglieder an, verfasste Gutachten und war der Motor für eingebrachte Vorschläge.  Ihm lagen auch heute selbstverständliche Dinge früh am Herzen, beispielsweise die Berücksichtigung von Wissenschaftlerinnen für Akademievorschläge oder Wissenschaftspreise.

Prof. Jaenicke erfuhr vielfältige Anerkennung und Ehrungen, so unter anderem die Otto-Warburg-Medaille der Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie, auch deren Ehrenmitgliedschaft, und  weitere Akademiemitgliedschaften (korrespondierend in München und Salzburg) sowie in der Leopoldina.