AWK - Nachruf auf Manfred J. M. Neumann

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Manfred J. M. Neumann, 1940 – 2016

Nachruf auf Manfred J. M. Neumann

Gehalten von Professor Dr. rer. pol. Juergen B. Donges in der Sitzung der Klasse für Ingenieurund Wirtschaftswissenschaften am 8. November 2016

Die deutsche und internationale Wirtschaftswissenschaft hat durch den Tod von Professor Manfred Johann Michael Neumann am 9. Juli 2016 einen empfindlichen Verlust erlitten. Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste ebenfalls. Hier war er im Jahre 1999 als ordentliches Mitglied aufgenommen worden, zwei Jahre später wurde er Sekretar unserer Klasse, und 2006 wählte ihn die Vollversammlung der Akademie zum Präsidenten, ein Amt, das er bis 2010 bekleidet hat. Wir haben ihn erlebt als freundlich im persönlichen Umgang, tolerant in Disputen, aber hart in der Sache, wenn es um Wichtiges ging und nicht Zaudern, sondern Entschlussfreudigkeit gefragt war. Dies zeigte sich an dem großen Engagement, mit dem er die Erweiterung unserer Akademie um die Klasse der Künste vorantrieb (gegen manchen Widerstand, auch aus unseren Reihen) und die Idee der Einrichtung eines Jungen Kollegs verwirklichte (trotz einiger Zweifler hinsichtlich der Erfolgsaussichten). Mit beidem schmückt sich heute unsere Akademie! Und auch andere Akademien, denen Manfred Neumann angehört hat – die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – wussten, was sie an ihm hatten: einen kreativen Diskussionspartner und konstruktiven Ratgeber. Dementsprechend hat er zur gegebenen Zeit kreativ an den Überlegungen über Zukunftsfragen der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften mitgewirkt.

Ob Manfred Neumann, der am 15. Dezember 1940 in Berlin geboren wurde und in Göttingen zur Schule gegangen ist, von Anbeginn die Hochschullehrerlaufbahn einschlagen wollte, das weiß ich nicht. Zunächst sah es nicht danach aus. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in der Zeit von 1960 bis 1964 an den Universitäten Göttingen, Erlangen-Nürnberg und Marburg mit dem Abschluss als Diplom-Volkswirt und der Promotion zum Dr. rer. pol. 1966 an der Universität Marburg mit einer Dissertation aus dem Bereich der monetären Außenwirtschaftstheorie ging er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Deutschen Bundesbank, Hauptabteilung Volkswirtschaft und Statistik.

Bei der Deutschen Bundesbank hielt es ihn aber nicht lange. Schließlich überwog  die Aussicht auf die Freiheit in Forschung und Lehre. Frisch verheiratet (1967 mit Frau Sabine Seehusen) widmete er sich der Forschung zunächst drei Jahre lang als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Konstanz, bevor er im Jahre 1973 eine Professur für Geldtheorie und Geldpolitik an der Freien Universität Berlin übernahm und zwischendurch als Visiting Fellow an die Carnegie Mellon University in Pittsburgh/PA ging. Im Jahre 1981 wurde er auf den Lehrstuhl für Wirtschaftliche Staatswissenschaften und Wirtschaftspolitik der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn berufen und außerdem zum Direktor des dortigen Instituts für Internationale Wirtschaftspolitik bestellt. An dieser Universität lehrte und forschte er erfolgreich bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2006. Die Humboldt-Universität hatte sich vergeblich bemüht, ihn nach Berlin zu locken. Seine Bonner Tätigkeit verband er mit längeren Forschungsaufenthalten bei der US-amerikanischen Zentralbank in Washington/DC und St. Louis/MO sowie bei der Bank of Japan in Tokio. In jener Zeit habe ich ihn persönlich kennengelernt – auf dem internationalen Kieler Symposium 1987 zum Thema: „Macro and Micro Policies for More Growth and Employment“.

Wie es sich für einen verantwortungsbewussten Universitätsprofessor gehört, hat Manfred Neumann wichtige Aufgaben in der Hochschulselbstverwaltung übernommen: zunächst als Sprecher des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften seiner Fakultät, sodann als Dekan der Rechtsund Staatswissenschaftlichen Fakultät und schließlich als Mitglied des Senats der Universität Bonn.

Die Forschungsinteressen von Manfred Neumann waren breit gestreut. Nach der heute in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten üblichen Fachklassifizierung galt er als Makroökonom. Aber er selbst sah sich auch als Generalist, und seine Veröffentlichungen über mikroökonomische Fragen (Marktregulierungen), finanzwissenschaftliche Themen (Haushaltspolitik) und sozialpolitische Fragen (gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung), ggf. eingebettet in einem ordnungspolitischen Rahmen Euckenscher Prägung – belegen dies. Bei alldem hatte er allerdings einen deutlichen Forschungsschwerpunkt: Geld und Währung in Theorie und Politik. Sein wissenschaftliches Oeuvre auf diesem Gebiet, geprägt von vielen anspruchsvollen empirischen Analysen und mit häufigen Fokussierungen auf Deutschland (Deutsche Bundesbank) und die Europäische Währungsunion (Europäische Zentralbank), ist beeindruckend; seine diesbezügliche Lehre fand bei den Studierenden großen Anklang (wie ich oft gehört habe).

In Fachkreisen und in der informierten Öffentlichkeit hat sich Manfred Neumann als ein starker Befürworter der Geldwertstabilität profiliert. Er sah darin eine wichtige Grundlage für ein angemessenes Wirtschaftswachstum in Verbindung mit einem hohen Beschäftigungsgrad. Methodologisch verschrieb er sich der von Professor Milton Friedman (Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften 1976) begründeten Schule des Monetarismus. Danach ist Inflation auf mittlere Sicht stets monetär bedingt, d. h. durch ein übermäßiges Geldmengenwachstum in der Volkswirtschaft verursacht. Daraus folgt für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, dass diese regelgebunden  statt diskretionär sein sollte. Für am besten hielt er es, die Stabilitätspolitik über die Geldmenge, die die Notenbank kontrollieren kann, wirken zu lassen und nicht über andere Variablen, die in der Fachliteratur diskutiert wurden (z. B. die Veränderungsrate  des nominellen  Bruttoinlandsprodukts).  Die friedmansche  „k-Prozent-Regel“ war ihm aber zu starr. Vielmehr sollte die Notenbank auf Grundlage der Quantitätsgleichung die Geldmengenentwicklung in Funktion der Wachstumsrate des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotentials und der trendmäßigen Veränderungsrate der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steuern. Manfred Neumann hat in zahlreichen ökonometrischen Untersuchungen nachgewiesen, dass eine notwendige Erfolgsbedingung für diese Geldpolitik – die Stabilität der Geldnachfrage – erfüllt ist.

Bei seiner Forschung auf dem Gebiet von Geld und Währung ließ er sich immer wieder auf dem von Professor Karl Brunner (University of Rochester, New York) im Jahre 1970 ins Leben gerufenen Konstanz Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy „inspirieren“ (wie er das ausdrückte). Auf der Insel Reichenau traf er alljährlich Gelehrte aus aller Welt und konnte sich mit ihnen über die neuesten Ergebnisse aus der geldund währungstheoretischen Grundlagenforschung und zu aktuellen Fragen der internationalen Geldund Währungspolitik austauschen. Das große Renommee, das dieses Seminar erlangt hat, ist zu einem guten Teil ihm zu verdanken – seinen wertvollen wissenschaftlichen Beiträgen und der fachlichen Kompetenz, mit der er über einige Jahre das Seminar geleitet hat.

Als die Deutsche Bundesbank aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens der Deutschen Mark im Jahre 1998 eine umfassende Forschungsarbeit mit der Mitwirkung herausragender Ökonomen in Auftrag gab, stand Manfred Neumann „bei der Entwicklung der Konzeption … beratend zur Seite“ (wie Präsident Tietmeyer im Vorwort des Mammut-Werks schreibt). Manfred Neumann war indes bei diesem Vorhaben nicht nur Berater. Er war auch Autor: mit einem vielbeachteten Beitrag unter dem Thema „Geldwertstabilität: Bedrohung und Bewährung“, den zu lesen schon deshalb so interessant ist (auch heute noch), weil ihm die Deutsche Bundesbank den Zugang zu ihrem Historischen Archiv erlaubt hatte (ein seltenes Privileg, über das er sehr glücklich war). Er konnte damals natürlich nicht ahnen, dass einer seiner besten Doktoranden, Jens Weidmann, dreizehn Jahre später Bundesbank-Präsident und Mitglied des EZB-Rates sein würde.

Es dauerte nicht lange, bis Manfred Neumann in wichtige wirtschaftswissenschaftliche Gremien berufen wurde, so innerhalb unseres zentralen Fachverbandes, des Vereins für Socialpolitik (Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften), in dessen Theoretischen Ausschuss und in den Ausschuss Geldtheorie und Geldpolitik, dessen Vorsitzender er von 2000 bis 2004 war. In Fachkreisen war bekannt, dass er dort die wissenschaftliche Arbeit scharfsinnig bereichert hat. Die Deutsche Bundesbank berief Manfred Neumann im Jahre 2000 in ihren Forschungsbeirat, in dem er bis 2005 aktiv war und dazu beitrug, dass dort auch heute noch eine hochkarätige und international anerkannte Forschung betrieben wird. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft beauftragte ihn als Gutachter zu Einzelprojekten und Sonderforschungsbereichen, so wie es der Wissenschaftsrat und später die Leibniz-Gemeinschaft zum Zwecke der Evaluation der großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute taten.

Er wurde von den Betroffenen ob seiner Strenge gefürchtet, aber angesichts seiner Fairness sehr respektiert. Auch im Ausland wurde man auf Manfred Neumann aufmerksam: beim Center for Economic Policy Research (CEPR), London, das ihn in dessen Panel Economic Policy berief, und beim Centre for European Policy Studies (CEPS), Brüssel, in dessen Economic Policy Group er sich mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen einbringen konnte.

Bei allem Engagement in der Wissenschaft war es Manfred Neumann sehr wichtig, an der wirtschaftswissenschaftlichen Beratung der Politik mitzuwirken. Er hielt es  mit dem Giersch-Postulat, wonach Wissenschaftler, die für ihre Arbeit Steuergelder in Anspruch nehmen, eine Bringschuld gegenüber der Öffentlichkeit haben, dieser also etwas zurückgeben sollten, z. B. in Form von Ratschlägen für eine gute Wirtschaftspolitik auf der Basis des jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstandes. Für diese Tätigkeit nutzte Manfred Neumann insbesondere zwei Plattformen: zum einen den Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft, in den er im Jahre 1992 berufen wurde und dessen Vorsitzender er von 1996 bis 2000 war; zum anderen den „Kronberger Kreis“ als den Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Marktwirtschaft, Berlin, in den er ebenfalls 1992 aufgenommen wurde und dem er bis 2011 angehörte. Hier haben wir beide über den ganzen Zeitraum hinweg eng zusammengearbeitet. Es war für mich die reinste Freude! Unter den zahlreichen Studien des „Kronberger Kreises“ in jener Zeit trugen zwei unverkennbar seine Handschrift, die sich mit Themen befassten, die auch heute noch wirtschaftspolitisch sehr brisant sind: „Den (europäischen) Stabilitäts- und Wachstumspakt härten“ (2005) und „Systemstabilität für die Finanzmärkte“ (2011).

Auf der 97. Wissenschaftlichen Sitzung unserer Klasse am 10. März 2015 wollte uns Manfred Neumann aus aktuellem Anlass einen Vortrag zum Thema „Europäische Bankenunion – Ein sanftes Ruhekissen?“ halten. Aus zahlreichen Gesprächen mit ihm ahnte ich, wie kritisch seine Analyse ausfallen würde, ganz im Gegensatz zu der in der hohen Politik gehegten Zufriedenheit über diese institutionelle Erweiterung der Europäischen Währungsunion. Die heimtückische Krankheit, die ihn plötzlich befiel und jetzt zu seinem Tode geführt hat, zwang ihn, den Vortrag kurzfristig abzusagen. Auch ohne diesen Vortrag erlebt zu haben, sollten wir Manfred Neumann als einen Wirtschaftswissenschaftler von hohem Format und als eine herausragende Persönlichkeit mit liberalem Geist in guter Erinnerung behalten, so wie es seine Schüler und Kollegen außerhalb unserer Akademie bestimmt tun werden.