AWK - Nachruf auf Otto Pöggeler

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Nachruf auf Otto Pöggeler

Gehalten von Professor Dr. phil., em. Ludwig Siep in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 10.06.2015

Am 10. Dezember 2014 verstarb unser Klassenmitglied Otto Pöggeler. Er war nicht nur einer der herausragenden Philosophen der deutschen Nachkriegsgeschichte, sondern auch von großer Bedeutung für unsere Akademie. Fast 30 Jahre lang, von 1968 bis 1997, leitete er als Professor an der Ruhr-Universität Bochum eines ihrer wichtigsten Langfristprojekte, die kritische Ausgabe der Gesammelten Werke Hegels. Als Direktor des Hegel-Archivs und langjähriger Herausgeber der Hegel-Studien (1961-2001) hat er Bochum und das Projekt unserer Akademie zu einem weltweit bekannten Zentrum der Erforschung des Deutschen Idealismus gemacht. Daran knüpft das jetzige Zentrum für klassische Deutsche Philosophie an. Obwohl Otto Pöggeler ein in der Welt gefragter Gastredner und zweimal in den USA auch Gastprofessor war, ist er dem Land zwischen Rhein und Ruhr, oder zwischen Bonn und Bochum, treu geblieben – bis auf wenige Jahre seiner Heidelberger Habilitanden-Zeit bei Hans-Georg Gadamer.

Otto Pöggeler wurde 1928 in Attendorn geboren. Er studierte in Bonn vor allem bei Oskar Becker und Johannes Hoffmeister, bei dem er 1955 mit einer Arbeit über „Hegels Kritik der Romantik“ promoviert wurde. Hoffmeister, in Bonn als Germanist tätig, aber seit den frühen dreißiger Jahren auch Herausgeber von Manuskripten und Werken Hegels, hat Pöggeler den weiten Horizont der Philosophie als Teil der Kultur und Literatur einer Epoche vermittelt. Pöggeler selber sagte später, dass seine Dissertation der „Vergegenwärtigung der Goethezeit nach ihren Hauptrichtungen“ dienen sollte. Die Beurteilung vor allem der deutschen Romantik und ihrer Folgen blieb ein lebenslanges Thema für ihn. Einige Gedanken der Fülle seiner Arbeiten dazu hat er im Nachwort zur Neuauflage der Dissertation im Jahre 1999 zusammengefasst.

Bei Oskar Becker hat Pöggeler methodisches Philosophieren gelernt und das Verständnis für die mathematischen Naturwissenschaften entwickelt, die ihn weit mehr beeindruckten als seinen späteren Lehrer Gadamer. Er hat von Becker aber auch die kritische Neugier auf den Philosophen übernommen, der für ihn neben Hegel im Zentrum seines Lebenswerks stand: Martin Heidegger. Während seiner Arbeit an dem bis heute klassischen Werk der Deutung dieses irritierenden Denkers, dem 1963 erschienenen Buch „Der Denkweg Martin Heideggers“, hat Pöggeler Heidegger auch persönlich kennengelernt. Er blieb ihm bis zu dessen Tod 1976 persönlich verbunden, auch in einem aufschlußreichen Briefwechsel. Ohne Irritationen war auch diese Bekanntschaft nicht, denn Pöggeler diskutierte früh und nicht zu Heideggers Zufriedenheit die philosophischen Grundlagen für dessen politischen Irrweg. In dieser Absicht der Ursachenforschung bei bleibender Überzeugung des gedanklichen Ranges von Heideggers Werk war sich Pöggeler einig mit dem deutsch-jüdischen Nachfolger Heideggers in Freiburg – Werner Marx zählte ihn und seine Frau zu den wenigen verläßlichen Freunden in Deutschland.

In der Jahresfeier unserer Akademie von 1989 hat Pöggeler Heidegger eingeordnet in ein Panorama des Verhältnisses der deutschen Philosophie zum Nationalsozialismus. Der bedenkenswerte Kern noch in Heideggers Spätschriften schien ihm die Kritik an einer weltweit, auch in Politik und Kultur, sich durchsetzenden technischen Denkweise als einer Form des Willens zur Macht durch Berechnung und Manipulation. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass Otto Pöggeler Heidegger zur Publikation seiner Tagebücher, der sog. Schwarzen Hefte, geraten hätte. Er hat Heideggers Dämonisierung der Technik nicht mitgemacht und ihre Notwendigkeit für das moderne Leben stets bejaht.

Heideggers mangelndes Verständnis der Traditionen des Rechts oder der Ökonomie, seine säkular-apokalyptischen „Kapuzinerpredigten“, wie Pöggeler sie einmal nannte, stand für ihn im Gegensatz zu Hegel. In dessen Werk faszinierten ihn gerade die gründlichen Analysen der verschiedenen Felder der Kultur und Natur sowie ihrer jeweiligen Wissenschaften. Hegel versuchte sie zwar vom Gedanken der Einheit eines absoluten Geistes her zu verstehen, der sich in der rationalen Struktur der Welt verwirklicht und im Wissen und Handeln der Menschen reflektiert. Aber zugleich diente seine Begriffsbildung gerade der Erfassung der Eigenlogik all dieser Bereiche und ihrer aktuellsten Wissenschaften.

Bei Hans-Georg Gadamer in Heidelberg hat Pöggeler sich im Wintersemester 1963/64 habilitiert mit einer Arbeit über „Hegels Jugendschriften und die Idee einer Phänomenologie des Geistes“. Hegels Buch dieses Titels bleibt eines der schwierigsten und rätselhaftesten Werke der neuzeitlichen Philosophie, das von Marx über den französischen Existentialismus bis neuerdings den amerikanischen Neopragmatismus immer wieder philosophische Revolutionen auslöst. Pöggeler hat es erstmals auf dem Hintergrund von Hegels gedanklicher Entwicklung  entschlüsselt. „Hegels Idee einer Phänomenologie des Geistes“ hieß ein einige Jahre später publiziertes Buch, in das er auch die Erträge der ersten Bände der Gesamtausgabe einfließen lies. Es wurde in der Hegel-Forschung weltweit rezipiert – aber nach meinem Urteil noch nicht so hinreichend, das nicht immer wieder „naive“ Lesarten der Phänomenologie ohne diesen entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund Aufmerksamkeit zu erregen suchten. Pöggeler ging es darüber hinaus um die interdisziplinäre Erforschung des historischen Kontextes von Hegels Werken. Dazu widmete er auch den Städten, die für Hegel wichtig waren eigene Tagungen und Veröffentlichungen – über den Philosophen Jacobi und über die Malerschule zählte auch Düsseldorf dazu. Das war eine ideale Voraussetzung für die Leitung der historisch-kritischen Ausgabe, die sich nun ihrer Vollendung nähert.

Dass Hegels absolute Systemphilosophie, vor allem seine teleologische Geschichtsphilosophie, in mancher Hinsicht auch der Vergangenheit angehört, davon war Pöggeler seit seiner frühen Vertrautheit mit einer geschichtsoffenen Hermeneutik überzeugt. Er war kein Hegelianer so wenig er ein Heideggerianer war. Kritik aber stand immer vor dem Hintergrund einer umfassenden Text- und Kontextkenntnis. Durch diesen Geist der kritischen Aneignung, der auch bei vielen ebenfalls bedeutenden Mitarbeitern und Editoren herrschte, ist das Bochumer Hegel-Archiv buchstäblich zum Mekka der internationalen Hegel-Forschung geworden. Auch wenn die Wallfahrten nur kurz waren, wie meine eigenen seit den frühen siebziger Jahren aus Freiburg, haben sie doch nachhaltig auf die Forschungen gewirkt. 

Für Pöggelers frühe und umfassende Interdisziplinarität bot ihm unsere Akademie nicht nur bedeutende Anregungen, er hat auch an ihrem Leben und am gelehrten Austausch ein seltenes Interesse gezeigt. Nicht  nur seine sieben Vorträge zwischen 1993 und 2009 zeugen davon, sondern auch die Themen seiner Arbeiten: Immer wieder suchte er das Gespräch der Philosophie mit der Literatur und der Theologie. Unter den Vorträgen ist auch einer über Paul Celan, mit dessen Person und Werk er sich seit ihrer Pariser Begegnung – schon während seiner Studentenzeit – beschäftig hat. Später hat er sich für die Herausgabe von Celans Werken eingesetzt, auch mithilfe dieser Akademie. In einem Interview während der Zeit der Diskussionen über ein deutsches Holocaust-Denkmal hat er einmal folgende Worte zu Celans Dichtung gefunden:  „Ich habe immer gemeint, daß hier in deutscher Sprache da ist, worum man gegenwärtig in der Öffentlichkeit ringt: ein Holocaust-Mahnmal, aber eines, mit dem sich jeder einzelne und in Stille für sich auseinandersetzen kann.“

Ebenso kontinuierlich wie mit der Literatur blieb Pöggeler mit der Theologie im Gespräch. Er hat sowohl für Hegel wie für Heidegger die Herkunft wesentlicher Elemente ihrer philosophischen Werke aus den theologischen Auseinandersetzungen der Jugendzeit herausgearbeitet. Eines seiner letzten Bücher war dem Verhältnis Heideggers zu Bultmann gewidmet (Philosophie und Theologie. Heidegger, Bultmann und die Folgen, 2009). Es ist auch ein Kommentar zum theologisch-philosophischen Gespräch des 20. Jahrhunderts. Faszinierend ist, dass Pöggeler fast alle Protagonisten dieses Gespräches persönlich gekannt hat. Davon legen seine autobiographischen Texte ein höchst lebendiges Zeugnis ab.

In einem Brief, den ich im April 2009 erhielt, als er kurz vor seiner zweiten Operation am grauen Star stand – und übrigens humorvoll über ähnliche Augenprobleme bei berühmten Musikern, Theologen und Philosophen sinnierte – schreibt er: „Doch wann ist man alt? Oskar Becker wie Joachim Ritter wurden 75 Jahre und galten da als alt und krank. Heidegger schaffte 86 Jahre, was ich auch erreichen möchte“. Nun, in diesem Bestreben hat er Heidegger erreicht und in puncto politischer Klarsicht und stupender Gelehrsamkeit war er ihm weit voraus. Unsere Akademie und Klasse hat eines ihrer bedeutendsten Mitglieder der letzten Jahrzehnte verloren.

Ludwig Siep