AWK - Nachruf auf Rolf Staufenbiel

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Rolf Staufenbiel, 1923 – 2016

Nachruf auf Rolf Staufenbiel

Gehalten von Professor Dr.-Ing. Wolfgang Schröder in der Klasse für Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften am 16. Juni 2016

Am 27. Januar 2016 ist das Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und Ordinarius der RWTH Aachen Prof. Dr. Rolf Staufenbiel zwei Tage vor seinem 87. Geburtstag in Roetgen verstorben.

Prof. Staufenbiel hat Physik an der Universität Mainz studiert. Nach Erhalt des Diploms in 1954 blieb er für zwei weitere Jahre als Assistent am Institut für Theoretische Physik, bevor er bis 1960 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Flugdynamik der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Mülheim tätig war. Anschließend wechselte er in die Luftfahrtindustrie. Er arbeitete bei Focke-Wulf und Nachfolgegesellschaften bis 1974 in dem Bereich Forschung und Entwicklung. Am Ende seiner Industrietätigkeit, in der Prof. Staufenbiel bahnbrechende Entwicklungen wie die Flugregelung des Passagierflugzeugs VFW 614 und des Senkrechtstarter-Experimentalflugzeugs VAK 191B begleitete, war er Leiter der Direktion „Projekte und Systemanalyse“. Darüber hinaus verfasste er während seiner Industriezugehörigkeit seine Dissertation „Dynamische Eigenschaften elektrohydraulischer Stellantriebe. Ein Beitrag zur Auslegung von Flugsteuerungen“ und wurde 1967 zum Dr.-Ing. promoviert.

1974 nahm Prof. Staufenbiel den Ruf der RWTH Aachen als Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Luft- und Raumfahrt an. Diese Position bekleidete er bis zu seiner Emeritierung. Einen Ruf an die TU Braunschweig lehnte er in den 80er-Jahren ab.

In der Luft- und Raumfahrt setzte er sich eingehend mit der Flugleistung und Flugmechanik von Bodeneffektgeräten, der Analyse der Lärmentstehung und der Lärmreduktion an Fluggeräten und den Wirbelströmungen auseinander. Prof. Staufenbiel liebte die Lehre – seine Hauptvorlesungen waren Flugzeugbau I, II und die Technik der Drehflügler – die Wissenschaft und die Zusammenarbeit mit den Studierenden und den Doktoranden. In der Zeit von 1976 bis 1997 promovierte er 26 Wissenschaftler, von denen 13 in die Flugzeugindustrie gingen. Der kooperative Ansatz, durch theoretische und experimentelle Arbeiten physikalische und aerodynamische Mechanismen zu verstehen und in technische Lösungen umzusetzen, hat ihn als Forscher geprägt. Die Multidisziplinarität in seinen Forschungsarbeiten spiegelt sich auch in der Sprecherrolle des Sonderforschungsbereichs SFB 25 „Wirbelströmungen in der Flugtechnik“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie in seiner Initiative für die Einrichtung von vier Sonderforschungsbereichen im Rahmen des nationalen Hyperschalltechnologie-Programms wider. In Ergänzung zu diesem vom Bundesministerium für Forschung und Technologie zur industriellen Entwicklung eines wiederverwendbaren Raumtransportsystems geförderten Programm wurde an der RWTH Aachen der Sonderforschungsbereich SFB 253 „Grundlagen des Entwurfs von Raumflugzeugen“ etabliert, in dem sich Prof. Staufenbiel mit der Aerodynamik und Flugmechanik von Raumflugzeugen im Niedergeschwindigkeitsbereich auseinandersetzte. Im Mittelpunkt der Arbeiten stand die Entwicklung eines generischen Modells eines Raumflugzeugs (ELAC (Elliptical Aerodynamic Configuration)), das als Leitkonfiguration für die erwähnten Sonderforschungsbereiche in der Hyperschalltechnologie herangezogen wurde. Ein Modell des ELAC, das eine Länge von sechs Metern aufwies, wurde im Deutsch-Niederländischen Windkanal getestet und nach Ablauf der 15-jährigen Forschungsarbeit im SFB 253 vor dem Deutschen Museum in Bonn aufgestellt.

Prof. Staufenbiel war für die Einrichtung des ersten interdisziplinären Forums Raumfahrtforschung an der RWTH Aachen verantwortlich, wodurch der fach- und fakultätsübergreifende Wissenschaftsaustausch intensiviert wurde. Sein internationales Engagement war u. a. durch die von ihm intensivierte Zusammenarbeit zwischen dem Space Institute der University of Tennessee (UTSI) und dem Institut für Luft- und Raumfahrt (ILR) geprägt. Über die Grenzen seiner wissenschaftlichen Aktivitäten hinaus erwarb er sich durch seine Arbeit in internationalen Gremien, u. a. als Executive Secretary des International Council for Aeronautical Sciences (ICAS)  in der Zeit von 1978 bis 1986, hohes Ansehen. Wir alle kannten Prof. Staufenbiel als

ein sehr aktives Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, der er seit 1983 angehörte. Sein breites wissenschaftliches Interesse, auch nach seiner Emeritierung, wird durch eine seiner letzten Publikationen, in der er sich mit den Grenzen von Prognosen, insbesondere Wirtschaftsprognosen, auseinandersetzte, verdeutlicht.

Mit seinem Tod verlieren die Akademie und die RWTH Aachen einen hochgeschätzten Kollegen, bedeutenden Wissenschaftler und beliebten Hochschullehrer. Wir werden Prof. Staufenbiel stets ein ehrendes Andenken bewahren.