AWK - Nachruf auf Theo Mayer-Kuckuk

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Theo Mayer-Kuckuk, 1927 - 2014

 

Nachruf auf Theo Mayer-Kuckuk

Gehalten von Professor Dr. rer. nat. Norbert Wermes in der Sitzung der Klasse für Naturwissenschaften und Medizin am 25. März 2015

Am 21. September 2014 verstarb das langjährige Akademiemitglied Professor Dr. Theo Mayer-Kuckuk, emeritierter Ordinarius für Physik an der Universität Bonn im Alter von 87 Jahren.

Er war:

  • Ordentliches Mitglied unserer Akademie seit 1982
  • Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft von 1990 bis 1992 und
  • Ehrenmitglied der DPG seit 2002.

Theo Mayer-Kuckuk wurde in Rastatt geboren; er studierte Physik in Heidelberg, wo er 1953 am MPI für Kernphysik bei dem Nobelpreisträger Walther Bothe promovierte mit einer experimentellen Arbeit zum Schalenmodell des Atomkerns, das in Heidelberg um diese Zeit entwickelt wurde und für das Hans Jensen und Maria Goeppert-Mayer (zusammen mit Wigner) 1963 den Nobelpreis erhielten.

1960–61 ging Mayer-Kuckuk als Research Fellow an das California Institute of Technology nach Pasadena, Los Angeles. Zurück in Heidelberg führte er viel be- achtete Messungen zu den theoretisch vorhergesagten Ericson-Fluktuationen in Kernen durch und habilitierte sich 1962. Nach einer Lehrstuhlvertretung im Wintersemester 1963/64 an der TU München erhielt er 1965 einen Ruf auf eine ordentliche Professur für experimentelle Kernphysik an der Universität Bonn. Dort leitete er das Institut für Strahlen- und Kernphysik bis zu seiner Emeritierung 1992. Er widmete sich der Aufklärung der Struktur komplexer Kerne und später der Rolle subnuklearer Freiheitsgrade in Hadronen.

Theo Mayer-Kuckuk war ein souveräner Institutschef, der seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern große Selbständigkeit einräumte und sie stets ermunterte, eigene Forschungsideen mutig zu verfolgen. In seinem Institut entstanden auch Arbeits- gruppen, die sich mit der Anwendung kernphysikalischer Methoden beschäftigten, zur Medizinphysik und zur Archäometrie, sowie zur Entwicklung von Quellen für polarisierte Teilchenstrahlen. In den 80er-Jahren entwickelte er gemeinsam mit

Jülicher Kollegen das Konzept des Cooler- Synchrotrons COSY, das am Forschungs- zentrum Jülich (damals noch KfA Jülich) gebaut wurde und einer internationalen Nutzergemeinschaft neue Möglichkeiten erschloss, subnukleare Freiheitsgrade aufzuklären. Es entstand eine langjährige enge und erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Jülicher Kollegen. Für viele war Mayer-Kuckuk ein Ideengeber, in der Phy- sik ebenso wie in der Wissenschaftspolitik. Er setzte sich stets kenntnisreich und engagiert ein, wenn es darum ging, die Wissenschaft zu stärken und voranzubrin- gen. Sein Rat wurde in nationalen wie internationalen Gremien geschätzt; er war u. a. Hauptgutachter bei der DFG und Berater im Bundesforschungsministerium. Zudem war er gewähltes Mitglied der International Union of Pure and Applied Physics IUPAP und von 1984 bis 1990 deren Vizepräsident.

1989 wurde Mayer-Kuckuk zum DPG-Präsidenten gewählt und ihm fiel die histori- sche Aufgabe zu, die Physikalischen Gesellschaften in Ost und West zusammenzu- führen. Er erkannte die außergewöhnliche Chance für die Physik auf beiden Seiten und die Möglichkeiten für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Lebensumstände in dem wiedervereinten Land. Er löste die Aufgabe mit großer Sensibilität und Geschick mit seiner behutsamen, gleichwohl entschlossenen Art und führte diesen Prozess bruchlos durch, ein diplomatisches Meisterwerk. In den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens begleitete er das Zusammenwachsen der beiden Teile weiter und förderte es. Dazu gehört insbesondere sein Engagement für das Berliner Magnus-Haus der Physik, das er von 1994 bis 2006 als Wissen- schaftlicher Leiter zu einem Juwel entwickelte, in dem sich bis heute Wissenschaft mit Wirtschaft und Politik in einem ansprechenden Ambiente regelmäßig trifft.

Dabei kamen ihm seine Erfahrungen zugute, die er beim Aufbau des Physikzen- trums in Bad Honnef gesammelt hatte, das unter seiner Leitung zu einem angesehenen Ort für Seminare und Tagungen und zu einem gefragten Treffpunkt für Wissenschaftler und Gelehrte geworden ist. In dieser so wichtigen Zeit nach dem Mauerfall war Mayer-Kuckuk die richtige Persönlichkeit an der richtigen Stelle – ein Glücksfall für die Deutsche Physikalische Gesellschaft, für die Physik insgesamt und generell für die Wissenschaft.

Der akademischen Lehre galt Mayer-Kuckuks besondere Liebe. Aus seinen Vor- lesungen in Bonn entstanden die beiden Lehrbücher „Atomphysik“ und „Kernphysik“, die Generationen von Studenten begleitet haben. Zu seinen zahlreichen Ehrungen gehört die erwähnte Ehrenmitgliedschaft der DPG im Jahr 2002. Unsere Akademie bereicherte er mit drei Vorträgen:

  • 1967 zum Thema „Kernstrukturuntersuchungen mit modernen Beschleunigern“
  • 1980 zum Theme „Hermes und das Schaf – interdisziplinäre Anwendungen kernphysikalischer Beschleuniger“
  • 1987 zum Thema „Das Kühler-Synchrotron COSY und seine wissenschaft- lichen Perspektiven“

Theo Mayer-Kuckuk war ein Mensch der leisen Töne mit einem feinen Gespür für das jeweils Notwendige und Machbare. Er hatte die Gabe, für seine stets uneigennützigen Ziele überzeugend zu werben und diese entschlossen zu verwirklichen. Seine Schüler, Kollegen und Freunde vermissen einen geistvollen, engagierten und sympathischen Hochschullehrer, dazu eine liebenswürdige und hilfsbereite Per- sönlichkeit, die die Naturwissenschaften stets als integralen Bestandteil der Kultur unserer Zeit verstand.

Wir werden sein Andenken in Ehren halten.