AWK - Nachruf auf Walter Hinck

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Nachruf auf Walter Hinck

Gehalten von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hartmut Steinecke in der Sitzung der Klasse für Geisteswissenschaften am 15.02.2016

Professor Dr. Walter Hinck verstarb am 21. August 2015 im Alter von 93 Jahren. Er war Mitglied unserer Akademie seit 1974, seit seinem Wegzug aus Köln 2009 korrespondierendes Mitglied. 1984-1987 war Walter Hinck zunächst stellvertretender Sekretar, sodann Sekretar der Klasse für Geisteswissenschaften.

Über 40 Jahre lang war Walter Hinck einer der prägenden Gelehrten unserer Akademie. Er hat ihr Ansehen, national wie international, durch die Brillanz seines wissenschaftlichen Werkes, aber auch durch seine Präsenz in der kulturellen Öffentlichkeit gefördert.

Walter Hinck wurde am 8. März 1922 im niedersächsischen Selsungen geboren. Er besuchte Schulen in Bremervörde und Berlin, wo er 1940 das Abitur ablegte. Das Jahrzehnt 1940-1950 war geprägt von Kriegsdienst und Gefangenschaft in Jugoslawien. 1951-56 studierte Walter Hinck in Göttingen Deutsche Philologie, Theaterwissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte. 1956 wurde er promoviert. Er arbeitete als Wissenschaftlicher Assistent in Göttingen und Kiel. 1964 habilitierte er sich. Im gleichen Jahr wurde er auf den Lehrstuhl für Neue deutsche Literatur an die Universität Köln berufen. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1987.

Hinter diesen kargen Daten verbergen sich einige bemerkenswerte biographische Wendemarken und eine Fülle wissenschaftlicher Leistungen von Rang. Von diesen soll zunächst die Rede sein.

Aufsehen erregte bereits Hincks Dissertation „Die Dramaturgie des späten Brecht“. Sie befasste sich, damals höchst ungewöhnlich, mit einem noch lebenden Autor, und, noch skandalöser, einem seinerzeit in der Bundesrepublik Deutschland aus politischen Gründen höchst umstrittenen. Ein Jahrzehnt später galt Brecht als bedeutendster deutscher Dramatiker des 20. Jahrhunderts und Hincks Buch als eines der ersten fundierten Werke über ihn. Es erfuhr bis 1977 6 Auflagen und wirkte weit über die Literaturwissenschaft hinaus in die Theaterszene und die kulturelle Öffentlichkeit.

Hincks Liebe zum Theater zeigte auch seine Habilitationsschrift „Das deutsche Lustspiel des 17. und 18. Jahrhunderts und die italienische Komödie – Commedia dell´arte und Théâtre italien“ (1965). Das Werk weitete den Blick durch die Beschäftigung mit der zweiten Hauptgattung des Dramas, durch die breite historische Fundierung und die Einbeziehung einer anderen Literatur. So wurde Hincks Schrift auch zu einem prägenden Werk der Komparatistik, die sich in Deutschland in dieser Zeit zu formieren begann.

Aus mehr als 40 Publikationen  der folgenden Jahrzehnte über Drama, Tragödie, Komödie, Theater nenne ich nur vier Bücher, die die Spannweite der Interessen von Walter Hinck in diesem Bereich andeuten können: „Das moderne Drama in Deutschland. Vom expressionistischen zum dokumentarischen Theater“ (1973); „Zwischen Satire und Utopie. Zur Komiktheorie und zur Geschichte der europäischen Komödie“ (1982); „Goethe – Mann des Theaters“ (1982); „Theater der Hoffnung. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ (1988).

Die zweite Gattung, mit der sich Walter Hinck ähnlich intensiv befasste, war die Lyrik. Auch hier bildete Brecht einen Schwerpunkt, historisch gesehen einen vorläufigen Endpunkt, wichtiger Entwicklungslinien. 1968 veröffentlichte Walter Hinck das Werk „Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht“, 1978 die Studie „Von Heine zu Brecht – Lyrik im Geschichtsprozess“. Später befasste er sich mit dem „Selbstbild des Dichters in der deutschen Lyrik“ unter dem Titel „Magie und Tagtraum“ (1994) und entfaltete die gesamte Geschichte der deutschen Lyrik  „Von Luther bis in die Gegenwart“ in der Interpretation von 100 Gedichten (2000).

Der Lyrik und der Komödie galten auch zwei der Vorträge, die Walter Hinck vor dieser Klasse hielt: „Das Gedicht als Spiegel der Dichter. Zur Geschichte des deutschen poetologischen Gedichts“ (1985) sowie „Vom Ausgang der Komödie. Exemplarische Lustspielschlüsse in der europäischen Literatur“ (1977).

Der bedeutendste deutsche Lyriker nach Goethe, Heinrich Heine, war der zweite Schriftsteller, den Walter Hinck in besonderer Weise schätzte. Seine Monographie über den Autor gehört zu seinen bedeutendsten Werken: „Die Wunde Deutschland. Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus“ (1990). Hinck bearbeitete dieses schwierige, ja verminte Gebiet in souveräner Klarheit, mit abgewogenen, gut begründeten Urteilen -  ein Werk, das die beiden in Ost und West lange sehr divergierenden Forschungsrichtungen verband und durch sein Erscheinen im Jahr der deutschen Einigung zugleich zum Ausgangspunkt einer neuen gesamtdeutschen Forschung wurde. Wie intensiv sich Walter Hinck bereits zuvor mit Fragen der Kultur im geteilten Deutschland befasst hatte, zeigte den Mitgliedern der Akademie ein weiterer vor ihnen gehaltener Vortrag von 1981: „Haben wir heute vier deutsche Literaturen oder e i n e ? Plädoyer in einer Streitfrage“.

 Ein generelles Merkmal der literaturwissenschaftlichen Arbeiten Walter Hincks war die enge Verknüpfung von Interpretation, also Konzentration auf den einzelnen Text, und literaturgeschichtlichem Blick, der auch stets geöffnet war für kulturgeschichtliche, historische, soziale Kontexte. Daher fand er schon früh zu der Gattung, die diese Elemente vereint: der Literaturkritik. In der Romantik wurde sie als höchste Form des Umgangs mit Literatur gerühmt. In der Folgezeit trennten sich die Wege: der Literaturwissenschaftler wurde zum Literaturhistoriker, der Literaturkritiker richtete sein Interesse primär auf das Tagesgeschehen.

Walter Hinck war der erste renommierte Literaturwissenschaftler, der diese Tätigkeiten auf hohem Niveau und kontinuierlich zusammenführte. Kontinuierlich, das bedeutet konkret: nicht als gelegentlicher Rezensent und Essayist, sondern als eine Art ständiger (wenn auch freier) Mitarbeiter. Diese zweite Karriere begann in den 1970er Jahren: Seit 1974 war Walter Hinck als Literaturkritiker hauptsächlich für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ tätig – allein dort erschienen im Laufe der Jahrzehnte über 900 Beiträge. Natürlich reflektierte er auch über diese erweiterte Rolle des Literaturwissenschaftlers: Sein Buch „Germanistik als Literaturkritik“ (1983) verband Theorie und Praxis dieses Tätigkeitsfeldes. Sein Ideal war dabei nicht die richtende Kritik bis hin zum Verriss –wie bei dem Feuilletonchef der FAZ Marcel Reich-Ranicki -, sondern die verstehende Kritik, die Urteile begründet, Schriftsteller zu fördern versucht, insbesondere Anfänger ermutigt.

Der Brückenschlag zur Literaturkritik bedeutete zugleich: die permanente Beschäftigung mit der Gegenwartsliteratur. Das machte Walter Hinck zu einer der zentralen Persönlichkeiten in der Vermittlung dieser Literatur: Seine Urteile hatten Geltung durch ihre Begründungen und ihre Ausgewogenheit. So wurde er auch ein gern gehörtes Mitglied von Literaturpreis-Jurys, etwa beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis oder dem Mülheimer Dramatiker-Preis.

Literaturkritik ist Vermittlung – Vermittlung läuft über Sprache. Walter Hinck betrachtete von Beginn an Verständlichkeit und Klarheit als selbstverständliche Tugenden eines Schreibenden, des Wissenschaftlers wie des Kritikers: konkret hieß das: präziser Ausdruck, treffende Bildlichkeit, Witz im Sinne der Aufklärung, Ironie als Erbe der Romantik. Kein Wunder, dass Hinck für sein Schreiben auch in einer Weise ausgezeichnet wurde, die für einen Wissenschaftler höchst selten ist: mit  einem Literaturpreis für grotesken Humor 1992 und dem Preis der Frankfurter Anthologie 2003.

Der Wissenschaftler, Kritiker und Essayist Walter Hinck erschloss sich seit den 90er Jahren zwei neue literarische Felder: den Roman und die Autobiographie. Beide Gattungen spiegeln die Zeit – und Hinck sah sich in den Jahren nach seiner Emeritierung mehr und mehr auch als einen Zeugen seiner Zeit, seines Jahrhunderts.

So stellte er eine Romangeschichte dieses Jahrhunderts in 37 Interpretationen von Heinrich Mann 1900 bis Dieter Wellershoff 2000 zusammen unter dem Titel „Romanchronik des 20. Jahrhunderts. Eine bewegte Zeit im Spiegel der Literatur“ (2006).

In ähnlicher Weise sammelte er Aufsätze, Essays und Kritiken von Selbstzeugnissen in dem Band „Selbstannäherungen. Autobiographien im 20. Jahrhundert von Elias Canetti bis Marcel Reich-Ranicki“ (2004).

„Selbstannäherungen“ – dieser Titel war bezeichnend für Hincks Verständnis der Gattung. Und es musste ihn reizen, sich selbst, dem eigenen Leben, auf diese Weise näherzutreten. Dies bedeutete eine doppelte Herausforderung: einerseits weil er die bedeutendsten Zeugnisse der Gattung kannte und analysiert hatte, andererseits weil er dadurch mit den Problemen der Erinnerung, des Verdrängens, der Selbstentblößung sehr genau vertraut war. Walter Hinck stellte sich der schwierigen Aufgabe, er schrieb eine Autobiographie „Im Wechsel der Zeiten. Leben und Literatur“ (erschienen 1998), später führte er das Projekt fort in dem Band „Jahrgang 1922. Autobiographische Skizzen“ (2011). In diesen Werken werden die eingangs aufgeführten Lebensstationen in spannenden und spannungsreichen Bildern veranschaulicht: die Verführung der Generation 1922 in der nationalsozialistischen Zeit und die spätere Reflexion darüber; die Erfahrung des Krieges; der Schauprozess aufgrund seiner Weigerung, für Titos Jugoslawien geheimdienstlich tätig zu werden; die Folgen einer jahrelangen Lagerhaft – um nur einige der frühen Stationen zu nennen.

Autobiographien bieten Dichtung und Wahrheit. Eine Autobiographie ist eine narrative Gattung, eine Autobiographie schreiben mithin ein literarisches Unternehmen. Als Walter Hinck feststellte, dass diese Selbstbefragung nicht nur schmerzhaft war, sondern dass die Schreibarbeit daran zunehmend auch Freude bereitete, entschloss er sich, im mittlerweile hohen Alter noch einmal Neues zu wagen, den Schritt zur Fiktion. Genauer gesagt: Er kehrte zu fiktionalen Ausdrucksformen zurück, denn bereits in den fünfziger Jahren hatte er Gedichte geschrieben. Der fast 90jährige veröffentlichte 2011 „Die letzten Tage in Berlin. Drei Erzählungen“, sodann in rascher Folge „Lebensspuren. Warn-, Überlebens- und Liebesgedichte“, „Mielkes lauerndes Ohr. Drei Erzählungen“, schließlich die Sammlung „Wenn aus Liebesversen Elegien werden“ (2015).

Walter Hinck blieb bis an sein Ende interessiert an allem, was um ihn herum von Wissenschaftlern und Schriftstellern gedacht und geschrieben wurde. Wir haben diese Neugier, seine Offenheit geschätzt, und ebenso seine Art der Humanität, die man mit Brecht Brecht „Freundlichkeit“ nennen könnte.

Walter Hinck verkörperte geradezu das Aristotelische Diktum, dass Erkenntnis Freude bereitet. Er ließ seine Leser und Zuhörer spüren, dass er die Literatur liebte.

Wir haben mit Walter Hinck einen international angesehenen Wissenschaftler verloren, einen von vielen geschätzten Kollegen, einen ungewöhnlichen Menschen. Die „Akademie der Wissenschaften und der Künste“ wird sich seiner gerne und dankbar erinnern.