AWK - Angelika Nußberger

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Der Ausweicher,
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Mai 2020

#Zeitzeugnis2020: Prof.’ in Dr. Dr. Dr. Angelika Nußberger


Blickwechsel


Ausschnitte aus einem Tagebuch von März bis Mai 2020, mit Illustrationen des Münchner Malers Wolfgang Müller-Jakob aus dem Zyklus „Bilder eines besonderen Frühjahrs“


9. März 2020

Das Corona-Virus geht um, man weiß nicht, ob die Schwarzseher oder die Weißseher Recht haben. Die Krankheit scheint sehr weit entfernt zu sein, in der chinesischen Provinz Wuhan, aber es ist klar, dass sie näherkommen wird. Sie kommt in Schüben, im Live-Ticker nachgezeichnet. Immer mehr Kranke und Tote.


13. März 2020

Verordnete Langsamkeit. Das Leben in Deutschland wird heruntergefahren.

Zeit nachzudenken.

Der Konjunktiv bekommt einen neuen Sinn. Wir wären jetzt …, würden dann …., gingen vielleicht, … wären gerne …

Nichts ist wie geplant, wir sind zuhause und starren auf die Nachrichten. Alles wird geschlossen, Grenzen, Restaurants, Läden, das Leben kommt zum Stillstand. Jeder ist betroffen. Und niemand weiß, wie es weitergeht. In Italien sterben 200 Menschen pro Nacht, es heißt, die Ärzte müssten zwischen den Schwächeren und Schwachen auswählen, wem sie Intensivhilfe gewähren. In Deutschland will man Ärzte aus dem Ruhestand zurückholen. Man bereitet sich auf Schlimmes vor. Man weiß nicht worauf.


14. März 2020

Es ist, als läge eine dicke Decke auf unserem Frühling, als dürfte er nicht durchdringen, nicht bemerkt werden, als müssten wir ihn alle für eine Nebensache halten.

Die Regale sind leer, kein Gemüse mehr, kein Klopapier, kaum Nudeln, wenig Büchsen, keine H-Milch. Wenige Käufer, verstörte Verkäufer. Ein Herzklopfmoment, das erste Mal im Laden. So war es nach 9.11., als man von den mit Viren verseuchten Briefen erzählte und wir in die Münchener U-Bahn gingen und die Welt verändert fanden, obwohl die Rolltreppen und U-Bahn-Schächte noch dieselben waren; sie strahlten plötzlich kühle Angst aus. Es war eine andere Luft zum Atmen. Oder es waren wir, die anders atmeten.

Die Zukunft schien lange planbar. Sie ist es nicht mehr.


17. März 2020

Wir wollten die Wirklichkeit draußen vor der Tür lassen. Würde man den Live-Ticker nicht lesen, wüsste man von nichts. Aber man liest. Es ist ein Sog, wissen zu wollen, was man von sich weisen will.

Es wird gestorben, die Zahlen der Toten sind vierstellig, die Zahlen der Kranken sechsstellig, weltweit. Fast gewöhnt man sich an Nachrichten, die menschliches Leid in Zahlen packen.

What next? Wird das Leben auf Wochen, auf Monate oder auf Jahre heruntergefahren? Wie schlimm wird es? Wird uns die Bewegungsfreiheit genommen, mehr noch, alles? Werden wir hungern, wir, die wir nur volle Kühlschränke kennen? Werden wir aus dem Lot gerückt und verlieren unsere Gewissheiten?

Wir gehen im Garten auf und ab. Mehr gibt’s nicht an Bewegung.


20. März 2020

Die Seuche dauert an, die Hiobsbotschaften kommen stündlich, wir rufen sie ab. Der live ticker wird vom life ticker zum death ticker. Hunderte von Toten, bald Tausende. Die Friedhöfe reichen nicht aus, es gibt keine Beerdigungen mehr, die Militärfahrzeuge fahren im Konvoi. Bilder aus Italien.

Da verabreden sich die Musiker für abends 18 Uhr auf den Balkonen zu einem Ständchen. Europaweit.


24. März 2020

Wir kommen zur Ruhe. Wir verpassen ja auch nichts. Es findet nichts mehr statt.

Wir schreiben Briefe an alte Freunde. Es tut gut, etwas von ihnen zu hören. Es geht ja alle an. Und jeder hat etwas zu erzählen.


2. April 2020

Wie war das noch, wenn man ankam in fremden Städten, durch regennasse Straßen fuhr, sich manchmal ein Taxi leistete, Meldebögen ausfüllte und dann den Koffer durch Korridore zog, graue, lindgrüne, um irgendwo eine Türe aufzusperren und für eine Nacht in einem Nicht-Zuhause zu sein, meist mit großem Bett und kleinem Tisch, immer unpersönlich. Um dann wieder in einen anderen Zug, in ein anderes Flugzeug zu steigen.

Wie lange liegt dieses Leben zurück? Zwei Wochen, vielleicht etwas mehr. Jetzt reisen wir nicht mehr, die Grenzen sind geschlossen. Wir geben niemandem die Hand, jeder ist jedem Gefahr, wir meiden uns, nicht unfreundlich, aber mit deutlich großem Bogen.

Wir sind gefangen zwischen Zahlen und Kurven und Hiobsbotschaften.

Was wird von Demokratie und Europa übrigbleiben? Wenns ums Überleben geht, zählen Regeln wenig. Wer hätte gedacht, die Polizei würde einschreiten, wenn drei Menschen auf der Straße nebeneinanderstehen und Brötchen essen? In Frankreich muss man schon einen Ausgehschein haben; länger als eine Stunde am Tag darf man nicht draußen sein. Überall ist es gleich, nur mancherorts noch schlimmer.


4. April 2020

Im Garten sind die Leberblümchen zartblau wie immer, das Gras vermoost, der Zitronenfalter ein Punkt im Grün, die Bank lädt schon jetzt am Nachmittag ein, die Abendsonne zu genießen.

Die Welt draußen ist auch nicht viel anders als sonst, nur ruhiger, weniger Autos, weniger Menschen, weniger Das-muss-auch-noch-ganz-schnell-sein.

Die Kalender sind leer, was immer eingetragen war, ist gestrichen. Die Sonne scheint auf die Füße und wärmt. Wir lesen alte Tagebücher.

Wir leben in den Zeiten von Corona. Eigentlich klingt das poetisch. Anders das Wort: Seuche.


8. April 2020

Wir haben plötzlich ein Auge für die kleinen Dinge, vermögen der Natur zuzuschauen, wie sie alles entwickelt und zu Schönheit entfaltet, langsam, Schritt für Schritt. Auch der Mond und die Nacht werden zum Ereignis.

Im öffentlichen Diskurs gibt es nur noch Superlative. Die schlimmste Krise seit Generationen, der größte Einbruch, die herbsten Verluste, erschreckende Todeszahlen. Noch ist es gottgegeben, niemand hat Schuld, aber es wird schon viel gezündelt mit Freund und Feind, ob Europa hält, weiß niemand. Auch die sozialen Spannungen waren noch nie so extrem. Beamte sitzen in Villen mit Gärten und bekommen das Gehalt weiterbezahlt, andere hocken in engen Wohnungen aufeinander und bangen um ihre Existenz und schreiben sich die Finger wund mit Anträgen für kleine Hilfszahlungen. Gleichzeitig gedeiht Fantasie und Ideenreichtum, sind die Menschen besser als sie dachten zu sein. Es ist eine Erfahrung wie Krieg ohne Krieg. Auch damals, als Krieg war, ging das Leben ja irgendwie weiter, nur anders, und, auch wenn es alle traf, dann doch sehr unterschiedlich.


Ostern 2020

Ein Ostern, an dem es verboten ist, in die Kirche zu gehen, an dem wir getrennt sind und uns allenfalls im virtuellen Raum begegnen. Die Seuche hat uns bei strahlendem Sonnenschein und Vogelgezwitscher mit apokalyptischen Aussichten fest im Griff. Kein Gott weit und breit, nur viele, die von Moral und Solidarität sprechen. Mir gefällt, dass die Menschen ruhig und freundlich sind, es nehmen, wie es kommt, sich „einrichten“. Nur ein alter Mann mit Rollator hat gestern geschimpft, dass es in der Bäckerei schon um 11 Uhr kein Brot mehr gab, ausverkauft.

Wir wissen viel über das Morden im 20. Jahrhundert. Das ist vorbei. Was steht uns bevor, wenn die schicksalsgegebene Lebensgefahr vorbei ist, wird unsere Wut, dass alle alles verloren haben und doch manche mehr und manche weniger, sich dann gegen uns selbst richten? Kommen nach den Wellen des Virus die Wellen der Gewalt? Wo fangen wir wieder an? So viel Unsicherheit war noch nie.


16. April 2020

Es ist wie bei einer Krankheit. Ist sie kurz und schmerzhaft, leidet man, atmet tief durch und dann geht alles gut weiter. Kränkelt man lange, fällt man leicht ins Bodenlose.


18. April 2020, Frankenforst

Die Quarantäne dauert an. Der Frühling hat sich inzwischen um uns geschlossen, mit einem dichten und weichen Grün bis in den Himmel. Die Knospen platzen auf, Schönheit.

Hat man uns unser Leben genommen oder gegeben? Die Tage vergehen schnell und sind fast gleich. Wir nehmen uns etwas vor oder auch nicht. Begegnungen bleiben aus oder verharren bei einem fragenden Wie-geht-es-dir?

Es ist eine neue Wirklichkeit mit Gesichtsmasken. War es nicht die Bedingung für unser „vivre ensemble“, dass wir unser Gesicht zeigen?


23. April 2020

Mit dem Zug unterwegs. Gespenstisch. Kaum Menschen am Hauptbahnhof, im Abteil zu fünft, die Passagiere so weit verstreut, dass man nicht einmal die Hinterköpfe sieht. Manche Läden sind offen, aber niemand kauft. Wir wollen eine Creme besorgen, ein Mann mit Maske erklärt am Eingang, man müsse im Kringel rechts rum durch den Laden laufen. Doch, die Rolltreppe nach oben dürfe man nutzen, ohne den Kringel zu laufen. Die Verkäuferin hält Abstand, als sie zum Regal geht, müssen wir zurücktreten.

Leben mit dem unsichtbaren Feind.

Es macht keinen Spaß.

Das alte Leben ist nicht mehr das alte Leben. Es ist nicht mehr stimmig. Auch nicht im Hotelzimmer. Hier gehören wir nicht hin. Wir müssen sogar eine Erklärung unterschreiben, dass unsere Reise zwingend notwendig sei und den Grund angeben.

Es kommt eine Absage nach der anderen. Dass für lange Zeit nichts mehr sein wird, wie es war, wird zur Gewissheit.

Selbst in Augenblicken, in denen wir es vergessen: Draußen in der Welt wird noch immer zu viel gestorben.


27. April 2020

Das Leben ist kleinschrittig geworden.

Das kleine Bild von einer Wurzel im Wasser ersetzt das Foto von einer feierlichen Eröffnung, von geschichtsträchtigem Händeschütteln und dem obligatorischen Foto am Rednerpult. Die Baumreihe auf der Hügelkuppe wird zur Kunst.

Kommen wir ohne die „echten“ Anderen aus, wird die Dreidimensionalität einfach zur Zweidimensionalität? Es fehlt etwas, es fehlt viel. Auf dem Laufband laufen statt in der Natur ist wie Abpumpen statt Stillen, Konserven statt Markt. Die Natur ist echt, aber unser Leben ist es nicht mehr. Wir alle wünschten, ein sicheres Ende dessen, was wir als Ausnahme zu unserer gemütlichen Eingerichtetheit im Leben empfinden, wäre in Sicht.


15. Mai 2020

Wenig gibt es, woran man sich festhalten könnte in dieser verseucht sterilen Zeit. Abstand, Abstand, Abstand. Als ob das Leben aus Abstand bestünde. Und Gesichtsmasken. Es wird normal, was nie normal sein dürfte. 1000 Kranke pro Tag – viel oder wenig? Die Menschen werden nicht nur ungeduldig, sondern auch böse. Schon scheint es, als spräche man mehr über Verschwörungstheorien als über Viren. Soziales Leid wird kommen. Das verwunderte Einfach-so-Hinnehmen und Ruhig-Bleiben der Anfangszeit („Was soll man denn machen?“) ist einem Dauerstreit zwischen Vorsichtigen und Wütenden gewichen.

Grau ist das Innen. Das Außen ist frühlingsbunt. Die Welt blüht mehr als sonst, wie es scheint.


18. Mai 2020

Gut zwei Monate sind vergangen.

Und schon wieder – ein Stück dessen, was einmal „Normalität“ war. Ein Besuch im Restaurant. Ein Einkauf. Unterwegs mit dem Fahrrad. Aber wir tragen Masken. Sitzen nur zu dritt im an auseinandergerückten Tischen.

Ein Schritt zurück, dahin, woher wir kamen. Aber wir fühlen uns fremd in unserem eigenen Leben.

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