Kulte im Kult

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Kulte im Kult


Bedeutung und Funktion des sakralen Mikrokosmos in extraurbanen griechischen Heiligtümern am Beispiel von Didyma

 

Das von der Akademie geförderte Forschungsprojekt „Kulte im Kult“ hat sich zum Ziel gesetzt, auf zwei Ebenen einen spezifischen Typus griechischer Heiligtümer zu untersuchen. Es handelt sich hierbei um sog. extraurbane Heiligtümer, also Kultbezirke, die außerhalb der antiken Städte lagen und in der Regel durch ihre topographische Lage als räumliche Einheiten klar definiert waren. Abgesehen davon, daß bis heute eine übergreifende Untersuchung dieser Teméne fehlt, ist mit ihrer spezifischen Ausprägung ein für die Struktur griechischer Heiligtümer ganz wesentlicher Aspekt verbunden, dem die Forschung bisher jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt hat. Denn erst eine solche klar definierte sakrale Zone erlaubt es, die interaktive Bedeutung der bislang weitgehend unberücksichtigt gebliebenen ‘kleineren Kultbezirke’ innerhalb eines Hauptheiligtums, also dessen sakralen Mikrokosmos zu analysieren. Die Koexistenz verschiedener Gottheiten ist an sich kein unbekanntes Phänomen, erklärungsbedürftig ist jedoch nach wie vor, inwieweit sich ihre verschiedenen Funktionsbereiche im Gefüge einer sakralen Zone ergänzten, deren ‚religiöse‘ Ausrichtung durch eine Hauptgottheit festgelegt war.

 

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[v.l. Prof. Dr. Manfred J.M. Neumann (Präsident der Akademie der Wissenschaften und der Künste), Projektleiterin PD Dr. Helga Bumke (Abteilung Klassische Archäologie, Universität Bonn), Innovationsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Günther Schulz (Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn) und Kristina Kornmesser (Vizekanzlerin der Universität Bonn)]

 

Eine Antwort auf die Frage nach den Funktionen solcher ‘untergeordneten Kultbezirke’ ist zumeist nur durch schriftliche Zeugnisse und die archäologischen Befunde selbst zu erhalten. Aussagekräftig können hier ihre topographische Lage, Formen ihrer Ausstattung und vor allem das Spektrum der Weihgaben und Kultgeräte sein, lassen diese doch zuweilen auf eine bestimmte Klientel und spezifische Kulthandlungen schließen. Im Rahmen des Forschungsprojektes soll, ausgehend von einem konkreten Fall, dem Apollonheiligtum von Didyma, eine vergleichende Studie zur religiösen Struktur von ‘autonomen’ Heiligtümern griechischer Poleis entstehen.

Im Fall von Didyma, dem bislang weitgehend noch unausgegrabenen extraurbanen Hauptheiligtum der Stadt Milet, bietet sich die seltene Möglichkeit, Lage von Milet und Didyma durch die Auswertung der schriftlichen Überlieferung und gezielte Ausgrabungen einen Zugang zum Verständnis dieser besonderen Ausprägungen solcher Kultbezirke zu erlangen.

Mit dem berühmten Orakelheiligtum, das an der Westküste Kleinasiens direkt südlich von Milet liegt, verbindet man nämlich auch heute noch in erster Linie nur den monumentalen Apollontempel, der zu den am besten erhaltenen Tempeln der Antike zählt. Aus den Inschriften wissen wir jedoch, dass Didyma nicht nur den Apollonbezirk, sondern weitere, kleinere Heiligtümer besessen haben muss, die sicherlich zum Teil auch mit Tempeln ausgestattet waren, wie es im Fall des Artemisheiligtums ausdrücklich von den Inschriften belegt wird. Erst seit jüngster Zeit eröffnet DIDYMA sich jedoch die Möglichkeit, Kultplätze anderer Gottheiten innerhalb Didymas zu lokalisieren und gezielt auszugraben. Damit verbunden ist die vielversprechende Gelegenheit, exemplarisch die Funktion und Bedeutung von Kultbezirken zu ermitteln und zu differenzieren, die innerhalb eines vor der Stadt liegenden und somit topographisch abgegrenzten Hauptheiligtums gegründet worden sind.

Die geplante Erforschung extraurbaner Heiligtümer darf sicherlich als ein Desiderat bezeichnet werden, da im Vordergrund bisheriger Betrachtungen vor allem deren Bedeutung für die räumliche Definition des entsprechenden Polisterritoriums und somit die politische Dimension des Phänomens an sich stehen. In diesen Untersuchungen und der damit verbundenen, von François de Polignac angestoßenen Diskussion geht es hauptsächlich um die Frage, warum ein Heiligtum außerhalb der Stadtgrenzen gegründet wird und welche Kriterien bei seiner Platzierung, also der Ortswahl entscheidend waren. Eine Untersuchung der sakralen Strukturen extraurbaner Heiligtümer und ihres rituellen Gesamtgefüges fehlt dagegen bis heute. Dass in Abhängigkeit von den jeweiligen Hauptgöttern, den regionalen sowie historischen Vorraussetzungen in den extraurbanen Heiligtümern mit verschiedenen Formen von Nebenkulten zu rechnen ist, liegt freilich auf der Hand. Ziel ist es, innerhalb des jeweils topographisch klar definierten sakralen Raumes, der von einer Hauptgottheit mit bestimmten Wirkungsbereichen auch inhaltlich definiert ist, die Funktion der „Nebenkulte“ im Hinblick auf den Gesamtorganismus, insbesondere die rituelle Interaktion bzw. Kommunikation mit den religiösen Primäraspekten zu erschließen.

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