AWK - Käte Meyer-Drawe

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#Zeitzeugnis2020: Prof.’ in Dr. Käte Meyer-Drawe

„Wie nicht selten wurzelt Wertschätzung im Verlust. Dass das gemeinsame Akademieleben mir viel bedeutet, das habe ich von Anfang an empfunden, heute aber weiß ich es. Wie schnell wird doch das Angenehme zur Gewohnheit. Die unterschiedlichen Begegnungsformen, die nicht nur durch das Format der Veranstaltungen bestimmt werden, sondern durch den lebendigen Austausch von Angesicht zu Angesicht, sind durch digitale Formate nicht zu ersetzen. Wo sollte sich hier auch eine gemeinsame Stimmung ausbreiten? Die frontale Begegnung von Bildschirm zu Bildschirm ist hochartifiziell. In Wahrheit begegne ich dem anderen von der Seite, nähere mich von hinten, drücke seine Hand, höre sein Flüstern, sehe gerunzelte Brauen, bemerke ein Lachen, das sich auf den Weg macht.


Manch ein akademischer Klatsch schafft unerwartete Verbindungen

In den Klassensitzungen spürt man bereits beim Zuhören, wie sich Aufmerksamkeit verdichtet, das Vorgetragene in den eigenen Gedankenkreis eindringt, nach Bestätigung oder Widerspruch sucht. Danach dient die Pause nicht nur zur Erfrischung, sondern zum gesuchten Dialog. Gesucht wird das Gespräch von mir mitunter, weil ich einfach die Gunst der Stunde nutze und meine Fragen stelle, für die ich stets offene Ohren finde. Wie viele Anregungen für Studien, an denen ich gearbeitet habe, hat man mir geschenkt! Hier ist auch Raum und Zeit für kühne, ungeschützte Vermutungen. Vieles erfährt man über die Anliegen, Projekte und Reisen der anderen. Manch ein akademischer Klatsch schafft unerwartete Verbindungen.


Stattdessen bin ich vor allem mit mir selbst konfrontiert

Der Philosoph, dem ich wohl das Meiste verdanke, Maurice Merleau-Ponty, hat einmal die Erfahrung des Dialogs in der leibhaftigen Begegnung beschrieben: „In der Erfahrung des Dialogs konstituiert sich zwischen mir und dem Anderen ein gemeinsamer Boden, mein Denken und seines bilden ein einziges Geflecht, meine Worte wie die meines Gesprächspartners sind hervorgerufen je durch den Stand der Diskussion und zeichnen sich in ein gemeinsames Tun ein, dessen Schöpfer keiner von uns beiden ist. Das ergibt ein Sein zu zweien, und der Andere ist hier nicht mehr für mich ein bloßes Verhalten in meinem transzendentalen Felde, noch übrigens in dem seinen, sondern in vollkommener Gegenseitigkeit sind wir für einander Mitwirkende, unser beider Perspektiven gleiten ineinander über, wir koexistieren durch ein und dieselbe Welt hindurch. Im gegenwärtigen Dialog werde ich von mir selbst befreit, die Gedanken des Anderen sind durchaus die seinigen, die nicht ich etwa hervorbringe, wiewohl ich sie schon in statu nascendi erfasse, ja ihnen vorweg bin; und Einwände meines Gesprächspartners entreißen mir sogar Gedanken, von denen ich nicht wußte, daß ich sie hatte, so daß also der Andere ebensosehr mir zu denken gibt, wie ich ihm Gedanken zuschreibe.“ Das fehlt mir. Stattdessen bin ich vor allem mit mir selbst konfrontiert, überrasche mich aber nicht, weil oft der andere fehlt, der mir meine Gedanken entreißen kann und der mich von selbst befreit. Meine Sprache, die sich im Reden oft selbst überrascht, skelettiert, und schon kommt mir der seltsame Satz über die Lippen: Man muss das Beste daraus machen – ein eigentümlicher Superlativ.

Für die Klasse in oder außerhalb des Sitzungssaals gilt darüber hinaus, was Kleist im Hinblick auf die Bedeutung seiner Schwester für die „Fabrikation [s]einer Idee auf der Werkstätte der Vernunft“ zum Ausdruck bringt: „Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben.“