AWK - Martin Breul

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#Zeitzeugnis2020: Dr. Dr. Martin Breul


Habilitation, Home-Office und Handgemenge

„Die Habilitation am Heimcomputer – inmitten von Kinderlärm, Nachrichten-Overkill und der hektischen Umstellung des universitären Betriebs auf eine digitale Funktionsweise. Auch für einen vergleichsweise behüteten, von der Corona-Krise weder gesundheitlich noch ökonomisch unmittelbar betroffenen wissenschaftlichen Angestellten stellt das Jahr 2020 eine Herausforderung dar. Karl Marx definierte das Geschäft der Philosophie bekanntermaßen als ‚Kritik im Handgemenge‘. In diesem Jahr hat sich diese Definition in einer weiteren Hinsicht bewährt – nicht nur als Kurzdefinition der philosophischen Methode, sondern als Existenzweise des (Nachwuchs-)Wissenschaftlers. Wie geht man als Wissenschaftler*in mit den manchmal überzogenen Erwartungen, aber auch mit den manchmal hanebüchenen Vorwürfen an ‚die Wissenschaft‘ um? Wie geht man damit um, dass eine Störung des ‚Regelbetriebs‘ die nach wie vor patriarchale Struktur des Wissenschaftssystems ans Licht bringt? Wie bekommt man die Betreuung der Kinder, den notwendigen Fortschritt an der Habilitation, die Ängste um die Gesundheit der eigenen Eltern, die Sorgen um die Zukunft der Demokratie und die psychische Belastung der sozialen Distanzierung von Freund*innen, Kolleg*innen und Verwandten unter einen Hut?


Eintreten für soziale und ökologische Gerechtigkeit

Für mich persönlich hat zur Beantwortung dieser schwierigen Fragen auch zu einem Teil die Themenstellung meiner Habilitation beigetragen: In dieser Arbeit erforsche ich, wie sich die theologisch unverzichtbare Rede von einem Handeln Gottes in der Welt eigentlich zu einer aufgeklärten und naturwissenschaftlich geprägten Weltsicht verhält. Wie unter einem Brennglas kristallisiert sich in der Pandemie aufs Neue heraus, dass ein handelnder Gott nicht als ein Gott gedacht werden darf, der episodisch in naturkausale Zusammenhänge interveniert. Diese Vorstellung würde Gott zu einem Magier machen, der sein Handwerk zudem nicht einmal besonders gut beherrscht. Wenn theologisch an der Rede von einem Handeln Gottes festgehalten werden soll, dann als kommunikative Selbstzusage Gottes als Liebe, die um die Anerkennung ihrer Geschöpfe wirbt. Gott wirkt nicht an der Freiheit der Menschen vorbei, er wirbt um die Freiheit der Menschen. Ein solches Verständnis des Handelns Gottes kann helfen, die pandemische Krise zu bewältigen – und zwar nicht, indem man sich als Geschöpf Gottes zurücklehnt und zum passiven Empfänger einer erhofften gnadenhaften Intervention Gottes macht, sondern indem die Geschöpfe Gottes als Mit-Subjekte seines Handelns betrachtet werden. Die christliche Rede vom Handeln Gottes hat eine politisch-theologische Grundsignatur: Wenn christliche Glaubenspraxis die Praxis der Nachfolge Jesu ist, dann impliziert auch und gerade eine theodizeesensible Rede vom ausstehenden und vermissten Handeln Gottes zugleich eine solche Praxis der Nachfolge, d. h. ein Eintreten für soziale und ökologische Gerechtigkeit auf globaler Ebene.


Versuche der Destabilisierung des demokratischen Staates durch die Neue Rechte

In dieser Hinsicht ermöglicht die Arbeit an der Habilitation dann auch wieder eine Perspektive der Hoffnung in Zeiten der Pandemie – nicht in der passivischen Erwartung magischer göttlicher Interventionen, aber in der aktiven Mitgestaltung des Lebens in und nach der Corona-Krise. Geisteswissenschaftliche Forschung wäre also auch hier wieder Kritik im Handgemenge: Als ideologiekritische Begleiterin des politischen Prozesses, als Proponent einer wirklich nachhaltigen Frauenförderung, als Katalysator einer weiter verbesserungswürdigen Wissenschaftskommunikation, und natürlich als vehemente Kritikerin der unverfrorenen Versuche der Destabilisierung des demokratischen Staates durch die Neue Rechte. Noch bevor die Pandemie hierzulande ein Thema war, hatte sich im Januar 2020 das Junge Kolleg der Akademie für den diesjährigen Forschungstag des Jungen Kollegs das Thema „Demokratie – Perspektiven zwischen Vision und Krise“ gesetzt. Ich freue mich auf diese Gelegenheit im November, die ganz neuen, aber auch die altbekannten Herausforderungen für eine demokratische Gesellschaft diskutieren zu können. Und vielleicht ist dann ja, irgendwann im Jahr 2021, schon bald wieder vieles anders: Die Pflicht zum Home-Office aufgehoben, die Habilitation endlich fertig, der Heimcomputer wieder zugunsten des Dienst-Laptops eingetauscht, und die universitäre Lehre in Präsenz endlich wieder möglich. Nur eines wird wohl bleiben: Die Notwendigkeit von Kritik im Handgemenge – denn ob mit oder ohne Covid 19 bleibt noch viel zu tun, um den Fliehkräften zu begegnen, die derzeit an der liberalen Demokratie ziehen und zerren."