AWK - Nachwuchswissenschaftlerinnen

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#Zeitzeugnis2020: Stipendiatinnen des Jungen Kollegs


„Nachwuchswissenschaftlerinnen in der Krise

‚Fünf Wochen Corona-Ferien‘, so kündigte die NRW-Landesregierung im März drei Wochen vor den Osterferien und ironischerweise an einem Freitag, dem 13., optimistisch an. Zu diesem Zeitpunkt waren auch wir Jungen Kollegiatinnen mit Kindern im betreuungspflichtigen Alter noch recht unbesorgt. Für viele überwogen anfangs sogar die positiven Aspekte, und ein Gefühl der Entschleunigung setze ein: Im Arbeitsalltag entfielen Dienstreisen oder auch das Pendeln zum Arbeitsort, viele der zeitraubenden Sitzungen wurden gestrichen, die eigene Forschung konnte ausnahmsweise für einige Wochen auf Sparflamme betrieben werden und Lehre stand während der vorlesungsfreien Zeit ohnehin nur sehr bedingt an. Tagungen wurden verschoben und im Privaten genoss man auf verschiedene Art und Weise die unverhofft gewonnene Familienzeit.

Doch dabei blieb es nicht. Schleichend setzte bereits im April die Ahnung ein, dass sich die Situation doch länger hinziehen würde, nicht nur für fünf Wochen, sondern auf unbestimmte Zeit. Der Stress begann, als gleichzeitig das beginnende Sommersemester eilig auf eine noch nie dagewesene Online-Version umgestellt werden musste. Dass die Konzepte hierfür nun ‚irgendwie‘ neben der Betreuung der Kinder und dem (ebenfalls noch nie dagewesenen) Homeschooling ausgearbeitet werden mussten – geschenkt. Dass die anschließende Durchführung aber ebenfalls ohne Betreuung in Schule und KiTa stattfinden sollte, war eine riesige Herausforderung! Zumal rasch klar wurde, dass neben der Online-Lehre und der Kinderbetreuung nun auch zwingend die eigene Forschung wieder vorangetrieben werden musste, denn schließlich hängen auf unserer jetzigen Karrierestufe unser eigener weiterer akademischer Werdegang, die Ausbildung von Doktorand*innen sowie die Arbeit anderer Mitarbeiter*innen von unserer Leistung ab. Doch die wenige Zeit, die neben der Kinderbetreuung und unseren administrativen Aufgaben blieb, wurde fast vollständig durch die digitalisierte Lehre gefüllt. Zusammen mit den Schließungen vieler Labore und/oder dem vollständigen Fehlen von Muße zum Nachdenken, machte dies das Forschen nahezu unmöglich.

Der Blick auf die diversen Preprint-Server unserer Disziplinen fällt seit Beginn der Corona-Pandemie sehr schwer: Zu offensichtlich ist es, dass große Teile der eigenen Peergroup im Vergleich zu uns jungen Eltern während der Pandemie noch mehr Zeit zum Forschen, Schreiben und Publizieren haben. War dieser Eindruck zunächst subjektiv, wird er nun auch zunehmend durch Studien und Statistiken bestätigt:

• Frauen reichen (insbesondere als Alleinautorinnen) im Vergleich zum gleichen Zeitabschnitt in den letzten Jahren weniger Arbeiten bei Zeitschriften ein (https://www.insidehighered.com/news/2020/04/21/early-journal-submission-data-suggest-covid-19-tanking-womens-research-productivity)

• Frauen publizieren aktuell weniger auf Preprint Servern als Männer und starten weniger neue Projekte (https://www.nature.com/articles/d41586-020-01294-9)

• Wissenschaftler*innen mit Kindern im Alter 0-5 Jahren haben während der Pandemie im Schnitt noch 17% weniger Zeit für die Forschung als alle anderen (Myers, K.R., Tham, W.Y., Yin, Y. et al. Unequal effects of the COVID-19 pandemic on scientists. Nat Hum Behav (2020). (https://doi.org/10.1038/s41562-020-0921-y).

Und wir wissen: Wenn dies schon zu Beginn der Pandemie so offensichtlich ist, wird die Diskrepanz mit fortlaufender Zeit noch weiter zunehmen, denn das zukünftige Einwerben von Drittmitteln wird auch weiterhin die Forschungsleistung der Zeit davor zur Grundlage haben. Und selbst wenn es einen ‚Corona-Bonus‘ für Eltern geben sollte, so bleibt die Frage, inwieweit dieser auf Dauer in diesem kompetitiven Geschäft eingesetzt werden kann. Im Gegensatz zu denjenigen unserer Peergroup, die keine Kinder zu betreuen haben, wenden wir weiterhin einen beträchtlichen Teil unserer Zeit für die Kinderbetreuung auf, denn Schulen und Kitas waren über Monate (wenn überhaupt) nicht vollständig geöffnet und selbst nun, da sie wieder im Regelbetrieb geöffnet sind, ist ungewiss, wie lange das möglich sein wird. Das Gleiche gilt für viele Freizeitangebote wie Sportgruppen, die nur sehr eingeschränkt wieder anlaufen. Dazu kommen unvorhergesehene Ereignisse wie eine laufende Nase, ein Corona-Fall in der Einrichtung, ein bisschen Fieber – die Planbarkeit unseres wissenschaftlichen Alltags ist auf absehbare Zeit nicht möglich.

Wir fragen uns, was dies für unsere Zukunft in der Wissenschaft bedeutet: Wird man unseren Output mit dem der kinderlosen Wissenschaftler*innen unserer Peergroup vergleichen? Oder wird es hier einen fairen Ausgleich geben?


Ausgleichsmaßnahmen

Viele Universitäten, die DFG und andere Drittmittelgeber wurden mit entlastenden Ideen aktiv:

• Schnell wurde beschlossen, dass Verträge von befristet beschäftigten Wissenschaftler*innen in der Qualifikationsphase pauschal um sechs Monate verlängert werden (können) und auch Antragsfristen für viele Drittmittelprojektanträge wurden verlängert.

• Projekten, deren Laufzeit während der Corona-Pandemie endet(e), wurde eine Laufzeitverlängerung ermöglicht.


Universitäten

• Mancherorts konnten die administrativen Verantwortlichkeiten und Lehrverpflichtungen für Eltern substanziell reduziert werden. Bspw. bieten die Universitäten Köln und Paderborn durch Corona belasteten Nachwuchswissenschaftler*innen mit kleinen Kindern die Möglichkeit, im Wintersemester Unterstützung durch eine Hilfskraft für die Lehre zu erhalten.

• Die Universität Bielefeld bietet vielfältige Maßnahmen zur Unterstützung von Lehrenden, Nachwuchswissenschaftler*innen und Studierenden mit Familienaufgaben in der Corona-Pandemie an. So wird es eine Kontaktstelle zur Vermittlung von individueller Kinderbetreuung im eigenen Haushalt geben (die Kosten dafür werden allerdings leider nur für (Promotions-)Studierende übernommen) und Wissenschaftler*innen in der Qualifikationsphase wird Unterstützung in der Forschung durch forschungsunterstützende Hilfskräfte und/oder die Finanzierung von ergänzenden Lehraufträgen ermöglicht.

• An der Bergischen Universität Wuppertal ist u.U. eine Unterstützung der digitalen Lehre durch zusätzliche Hilfskraftstunden möglich.

In Gesprächen mit den jeweiligen Referent*innen anderer Universitäten in NRW wurde vermittelt, dass weitere Maßnahmen außerhalb des Lehrrahmens nur schwierig umzusetzen sind.


Vorschläge

Aus unserer Sicht wären weitere Maßnahmen sinnvoll und z.T. zwingend nötig:


• Universitäten

– Eine sinnvolle Entlastung wäre eine flexible (Ersatz-)Kinderbetreuung (analog zur manchmal während Tagungen angebotenen Betreuung), die außerhalb der wie-auch-immer gestalteten Betreuungssituation auf die Kinder aufpasst und/oder sogar kurzfristig im Krankheitsfall die Betreuung zu Hause übernehmen könnte. Gerade diese Maßnahmen würden es ermöglichen, dass junge Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern ohne Nachteil durch diese Krise kommen. Die Universität Bielefeld hat kürzlich ein Vermittlungsportal eingerichtet, finanziell unterstützt werden Nachwuchswissenschaftler*innen jedoch nicht.

– Die tenure clock sollte – analog zur Möglichkeit der Verlängerung befristeter Verträge – verlängert werden.

– Eltern sollten, wenn sich die Betreuungssituation während der Corona-Pandemie schwierig gestaltet, von der Gremienarbeit befreit werden können, ohne dass ihnen hieraus Nachteile entstehen.


• Berufungskommissionen sollten die Zeit der Schul-und Kitaschließungen pauschal als
Elternzeit zählen (sprich: als Zeit ohne nennenswerte Forschungstätigkeit). Der Verlauf des Wintersemesters 2020/2021 wird es möglicherweise erfordern, eine Karenzzeit mit den Forschungsergebnissen zu verrechnen, wenn Eltern sich gehäuft um kranke Kinder kümmern müssen, was immer auch Effekte auf die Forschungstätigkeit hat.


• Drittmittelgeber. Die pauschal anerkannten Elternzeiten bei Bewerbung um Fördermittel (z.B. DFG, ERC) sollten verlängert werden. Diese Pauschalen könnten beispielsweise um vier Monate erhöht werden, wenn man Kinder im betreuungsrelevanten Alter von 0-12 Jahren hat.


• Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. In Fördereinrichtungen wie dem Jungen Kolleg der Akademie der Wissenschaften und Künste sollte es flexible Elternzeitregelungen geben, um Ausfallzeiten, wie etwa durch die Corona-Pandemie, berücksichtigen zu können. Autorinnen: Claudia Alfes-Neumann (Universität Paderborn), Luisa Banki (Bergische Universität Wuppertal), Sabrina Disch (Universität zu Köln), Lore Knapp (Universität Bielefeld), Kerstin Ludwig (Universität Bonn)


Young Scientist in Crisis

“Early 2020, the Corona Pandemic came to us unexpectedly. It brought many new challenges and no doubt that it has largely influenced our work and life. As a young scientist and a young mother with a three-year-old child, it has been a very difficult period for me at the beginning of the crisis when handling the childcare and professional work, e.g. the research progress, digital teaching, student supervision, project work, etc., together at home office. However, even it’s difficult for me and my family during the Corona Pandemic, we are not the most impacted people – we still have the power to take immediate coordinated actions to protect our family and fulfill our professional responsibilities.

In my opinion, facing the new challenges, we need to be ready to make changes. We need to re-set up the priorities of research work and only focus on the most important things, be coordinated with family members and colleagues and be flexible. Different from the work plan and/or work habit before, I might need to write my scientific publications, habilitation chapters and project proposals when the child is sleeping, when the child is running around, within a fixed time slots limit and/or discontinuous flash time slots, at night or at weekend. The work atmosphere is different from in my university office. However, a change might not be bad for scientific creativity and solution exploration – it finally worked out. Through this tough period with hundreds of disciplined days and nights, I have in the end finalized my habilitation monograph; my research group became more experienced in preparing scientific publications and data mining; surprisingly, my child became more skillful in switching German, English and Chinese, most probably due to the very precious “more” time that all family members spend together.

In the end, I would like to say: Make a change during the crisis - it might be a completely new opportunity for you and those you care about.”

Wenwen Song

Aug.31, 2020, RWTH Aachen