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25.10.2013

Stellungnahme der AG Hochschulpolitik des Jungen Kollegs zum Thema "Frauenqoute in der Wissenschaft"

Die AG Hochschulpolitik des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälschen Akademie der Wissenschaften und der Künste spricht sich im Falle einer Einführung einer Frauenquote in der Wissenschaft für ein flexibles Kaskadenmodell aus. Dieses solle auf die Neuberufungen von Professorinnen und Professoren angewendet werden, aber nicht auf die in der betroffenen Fakultät zum jeweiligen Zeitpunkt bereits installierten Professuren. Außerdem mahnt das Junge Kolleg eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft an und setzt sich insbesondere für eine flexible Kinderbetreuung in direkter Nähe zu Universitäten und Forschungseinrichtungen ein.

Zu beurteilende Aussage: Eine Frauenquote ist für die Besetzung leitender Positionen in Forschung und Lehre grundsätzlich sinnvoll

Zu beurteilende Aussage: Eine Frauenquote ist für die Besetzung leitender Positionen in Forschung und Lehre grundsätzlich sinnvoll

Frauenquote spaltet Wissenschaftswelt:

Befragung unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

Die politische Debatte um die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für die Vorstände deutscher DAX-Unternehmen hat die Diskussion darüber, ob eine Quotenregelung ein probates Mittel staatlicher Gleichstellungspolitik ist, an einem konkreten Beispiel festgemacht und intensiviert. Auch im Hinblick auf die deutschen Hochschulen und Forschungsinstitute wird seit längerem über Mechanismen nachgedacht, mit denen eine Erhöhung des Anteils von Wissenschaftlerinnen, insbesondere in den leitenden Positionen, erreicht werden kann.

Die Arbeitsgruppe „Hochschulpolitik“ des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste hat sich deshalb im Rahmen einer Online-Umfrage mit dem Thema „Frauenquote in der Wissenschaft“ beschäftigt, um so ein Meinungsbild unter unmittelbar betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu erhalten. Die Umfrage, an der 1172 Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter aus ganz Deutschland teilgenommen haben, ist zwar nicht repräsentativ, bietet aber dennoch einen aufschlussreichen Einblick in die Auffassungen dieser Berufsgruppe zur Frauenquote. Das Spektrum der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erstreckt sich vom Studenten bis zur Universitätsprofessorin, wobei die Gruppe der Promovierenden und Postdocs am stärksten vertreten ist und weitaus mehr Frauen als Männer abgestimmt haben (66.4 % weiblich, 33.6% männlich).

Die Umfrage zeigt zunächst einen deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschied in der grundsätzlichen Beurteilung einer Frauenquote für die Wissenschaft: Frauen bewerten eine Quotenregelung überwiegend positiv. Sie gehen, im Gegensatz zu Männern, mehrheitlich von einer noch immer bestehenden Diskriminierung von Frauen im Wissenschaftssystem aus und sind der Meinung, dass eine Frauenquote die Gleichstellung von Frauen und Männern an Universitäten und mittelbar die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie verbessern könnte. Männer stehen einer Frauenquote dagegen mehrheitlich kritisch gegenüber. Sie können sich die Einführung einer Frauenquote eher als längerfristiges Ziel vorstellen. Die männlichen Teilnehmenden bezweifeln außerdem, dass eine Frauenquote die Gleichstellung von Männern und Frauen in der Wissenschaft verbessern und Frauen verstärkt zur Entscheidung für den Professorenberuf bringen könnte. Auch an mittelbare positive Effekte einer Frauenquote zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Forschungsarbeit glauben sie nicht. Dieser geschlechterspezifische Unterschied bei der Beurteilung der Frauenquote ist umso stärker ausgeprägt, je höher die Befragten in der universitären Hierarchie stehen. So ist die Meinungsdifferenz zwischen Professorinnen und Professoren besonders stark, bei jüngeren Akademikern und Akademikerinnen hingegen weniger ausgeprägt.

Bei beiden Geschlechtern findet hinsichtlich der Ausgestaltung einer Quotenregelung das sogenannte Kaskadenmodell die breiteste Akzeptanz. Bei einem Kaskadenmodell wird die anzustrebende Frauenquote in einer Beschäftigungsgruppe durch die auf der jeweils darunter stehenden Qualifizierungsstufe erreichte Quote bestimmt. Überdies bevorzugen Männer und Frauen eine langfristig zu erfüllende Quotenregelung gegenüber einer Regelung, die die Erfüllung einer Quote kurzfristig verlangt.

Die AG Hochschulpolitik plädiert angesichts der Ergebnisse der Umfrage und der Erfahrungen der Mitglieder als Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler dafür:

  • Im Falle der Einführung einer Frauenquote ein präzises, im Einzelnen zu diskutierendes Kaskadenmodell zu wählen.
  • Die sich aus dem Kaskadenmodell ergebenden Quoten sollten auf die Neuberufungen von Professoren und Professorinnen angewendet werden, nicht auf die in der betroffenen Fakultät zum jeweiligen Zeitpunkt bereits installierten Professuren. Damit soll vermieden werden, dass nur Frauen eingestellt werden, bis die Quote erfüllt ist. Denn dies würde eine ganze Generation männlicher Nachwuchswissenschaftler faktisch von der Berufung ausschließen und so benachteiligen.

Zur Erklärung unseres Modells soll das folgende Beispiel dienen: In einer Fakultät sind 20% der Gruppenleiter und nur 10% der Professoren Frauen. Nach dem Kaskadenmodell ist nun eine Erhöhung des Anteils an Professorinnen auf 20% erstrebenswert. Nach dem Modell der AG Hochschulpolitik müsste deshalb innerhalb eines bestimmten Zeitraums mindestens jede fünfte neu zu besetzende Professorenstelle mit einer Frau besetzt werden. Dieses Modell würde für Chancengleichheit unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs sorgen und langfristig das angestrebte Geschlechterverhältnis herstellen. Eine Quote, die demgegenüber sofort auf die Gesamtzahl der Professuren der gesamten Fakultät bezogen wäre, würde verlangen, dass so lange nur Frauen berufen werden müssten, bis die Professuren zu 20% mit Frauen besetzt sind.

  • Die regelmäßige Evaluierung einer Quotenregelung hinsichtlich ihrer Effekte auf die Herstellung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Wissenschaftsbetrieb und die Qualität von Wissenschaft und Lehre sollte vorgesehen werden.
  • Neben der Einführung einer Quote ist über weitere Instrumente zur Erreichung der Gleichstellung nachzudenken. Es bleibt nämlich zu berücksichtigen, dass die Situation in den einzelnen Fächern sehr unterschiedlich ist. Es bedarf daher der angemessenen Analyse und Adressierung fachspezifischer Gründe für einen Mangel an Wissenschaftlerinnen in Leitungspositionen.
  • Die Arbeitsgruppe mahnt unabhängig von der Diskussion um eine Frauenquote in der Wissenschaft zu einer schnellen Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft. Die Vereinbarkeit von Karriere und Familienleben ist aufgrund gewandelter Rollenverständnisse heute Verantwortung und Herausforderung für beide Geschlechter. Ausgebaut werden sollten daher insbesondere qualitativ hochwertige Angebote für eine flexible Kinderbetreuung in direkter Nähe zu Universitäten und Forschungseinrichtungen.