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12.09.2014

Veranstaltung der Klasse für Geisteswissenschaften am 8. September 2014: „Latein in den Schulsprachen. Universitäre Erfahrungen und Vorschläge.“

Im Schulministerium von NRW werden Überlegungen angestellt, die bisher gültigen Latinumsvoraussetzungen für Lehramtsstudenten moderner Fremdsprachen wie Englisch und Französisch gänzlich aufzugeben und die Lateinanforderungen für Geschichte und Philosophie zu verringern. Die Klasse für Geisteswissenschaften hatte sich bereits im Februar dieses Jahres in einem Memorandum, das der Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes NRW sowie anderen politischen Instanzen des Landes zugesandt worden war, gegen einen solchen Abbau der Lateinanforderungen gewandt. Zur Erörterung desselben Themas vereinte die Klasse am 8. September im großen Saal der Akademie Professoren, die die betroffenen Sprachfächer in verschiedenen Universitäten des Landes NRW vertreten.

Da Professor Hatt, der Präsident der Akademie, kurzfristig verhindert war, übernahm zunächst Professor Lebek, der Sekretar der Klasse für Geisteswissenschaften und zugleich einer der Vizepräsidenten, die Begrüßung der zahlreichen Zuhörer. Die Moderation lag dann in den Händen von Professor Rosen, der dafür sorgte, dass die Diskussion zügig vonstatten ging.

Im ersten Vortrag stellte Professor Lebek, Köln, nunmehr als Fachvertreter des Lateins, die Ergebnisse einer Studie zum deutschen Textverständnis von 3200 Studenten verschiedener Fakultäten vor. Die Studenten mit Latinum schnitten dabei höchstsignifikant besser ab als die Studenten ohne Latinum. Das Ergebnis deckt sich mit den Daten des amerikanischen Universitätszugangstests SAT, in dessen Teil „Englisch“ seit 1997 durchweg die Lateinlerner an der Spitze liegen.

Für die Germanistik legte Professor Wegera, Bochum, in einem fesselnden Überblick über die Entwicklung des Deutschen dar, wie stark das Deutsche durch das Latein geprägt ist. Ohne Berücksichtigung dieser Zusammenhänge ist eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der deutschen Sprache nicht möglich.

Die Anglistikprofessorin Martina Häcker, Siegen, zeigte eindringlich an Hand vieler Beispiele, dass deutschsprachige Englischstudenten ohne Lateinkenntnisse englische Texte produzieren, die von Engländern nicht mehr verstanden werden können. Für solche Englischstudenten, die aus bildungsfernen Familien kommen, ist eine Nachrüstung mit Latein unerlässlich. Ihnen wird nur geschadet, wenn ihnen vorgespiegelt wird, sie könnten ohne Latein ein gutes Sprachniveau erreichen. Die deutschen anglistischen Erfahrungen stimmen frappant mit den Daten überein, mit denen der amerikanische Universitätszugangstest SAT regelmäßig seit 1997 den hohen Nutzen der Lateinkenntnisse für die Beherrschung des Englischen bestätigt.

Den Beschluss machte ein weitgespannter Vortrag des Romanisten Professor Lebsanft, Bonn. Unter ständiger Einbeziehung des Französischen, des Italienischen und des Spanischen, der drei aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangenen und vom klassischen bis zum Neulatein kontinuierlich relatinisierten romanischen Schulsprachen, zeichnete Professor Lebsanft anhand konkreter Beispiele aus Orthographie, Grammatik, Wortbildung und Wortschatz die sprachlichen Entwicklungslinien bis in die Gegenwart nach, die immer wieder auch erst durch die Heranziehung des Lateinischen verständlich werden.

Die Vorträge verdeutlichten unter verschiedenen Gesichtspunkten, dass auf das Latein nicht verzichtet werden kann, wenn das Studium der Schulsprachen nicht auf ein unvertretbar tiefes Niveau herabsinken soll. Die Universitätslehrer, die zu der Veranstaltung zusammengekommen waren, drängten darauf, dem Universitätstudium der modernen Fremdsprachen für die Studenten ohne Latinum ein lateinisches Propädeutikum vorzuschalten, das nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet wird und durch das die Bafögzahlung entsprechend verlängert wird.