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02.02.2016

"Anforderungen, Chancen und Risiken der Interdisziplinarität aus Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses" Statement der AG Interdisziplinarität des Jungen Kollegs

Die Erfahrung mit und die Bereitschaft zu interdisziplinärem Arbeiten ist in den letzten Jahrzehnten zu einer wichtigen Anforderung für Wissenschaftler/innen geworden. Universitäten sowie öffentliche und private Förderer und Stiftungen weisen vermehrt darauf hin, dass sie sich Forscher/innen wünschen, die nicht nur innerhalb ihrer Disziplinen, sondern auch in der Kooperation mit anderen Disziplinen Höchstleistungen vollbringen. Im Zuge dieser weit verbreiteten Forderung nach einer Arbeit „zwischen den Disziplinen“ können die konkreten Auswirkungen der Interdisziplinarität auf die Situation von Wissenschaftler/innen aus dem Blickfeld geraten.

Interdisziplinäres Arbeiten lässt sich in einer ersten Annäherung als eine Integration mehrerer Disziplinen verstehen, die auf die Lösung eines gemeinsamen Problems abzielt. Interdisziplinarität beschreibt in diesem Sinne eine stärkere Form der Kooperation als multidisziplinäres Arbeiten, das lediglich ein Nebeneinander der verschiedenen Disziplinen darstellt.1 Interdisziplinarität steht andererseits Transdisziplinarität gegenüber, welche eine noch stärkere Form der Kooperation beschreibt, die „zu einer andauernden, die fachlichen und die disziplinären Orientierungen selbst verändernden wissenschaftssystematischen Ordnung führt“2 oder die neben akademischen Disziplinen auch außerakademische Perspektiven auf das Problem mit einschließt.3 Jede Diskussion über Interdisziplinarität wird dadurch erschwert, dass es keine allgemein anerkannte Begriffsdefinition gibt.4 Zudem werden Multi- und Transdisziplinarität teilweise auch als Formen der Interdisziplinarität in einem schwachen und starken Sinne aufgefasst.5

Unser Ziel ist es, die Anforderungen, Chancen und Risiken interdisziplinären Arbeitens für den wissenschaftlichen Nachwuchs aufzuzeigen und einige Vorschläge zu machen, wie Universitäten, Forschungs- und Fördereinrichtungen auf diese reagieren sollten.

Anforderungen für Interdisziplinarität

Erfolgreiches interdisziplinäres Arbeiten von Nachwuchswissenschaftler/innen setzt eine solide methodenorientierte Ausbildung im eigenen Fachgebiet voraus. Insbesondere im Studium aber auch zu Beginn der Promotionsphase sollte Wert auf die Methoden, Arbeitsweisen und Historie der eigenen Disziplin gelegt werden, bevor interdisziplinäre, in der Regel problemorientierte, Projekte angegangen werden. Die Beteiligung von Nachwuchswissenschaftler/innen an interdisziplinären Forschungsvorhaben sollte kein Selbstzweck sein. Wichtig ist die Bereitschaft und das Interesse die eigenen Stärken in ein Expertenteam einzubringen. Dies erfordert neben der bereits erwähnten fachlichen Qualifikation entsprechende soziale Kompetenzen wie Integrationsfähigkeit und Toleranz gegenüber anderen Disziplinen und Arbeitsweisen. Häufig muss zunächst eine eigene projektspezifische wissenschaftliche Sprache innerhalb des Forscherteams gefunden werden, mit der komplizierte Zusammenhänge auch für fachfremde Kolleginnen und Kollegen nachvollziehbar formuliert werden können.

Chancen durch Interdisziplinarität

Zweifelsohne birgt Interdisziplinarität vielfältige Chancen in sich. Ihr Vorzug liegt zuallererst darin, dass Probleme, die sich nicht trennscharf den etablierten Disziplinen zuordnen lassen, gelöst werden können und neue Forschungsfelder erschlossen werden müssen. Zudem bringt interdisziplinäre Arbeit Nachwuchswissenschaftler/innen nicht nur inhaltliche Vorteile, sondern fördert auch die Persönlichkeitsentwicklung und ihr Selbstverständnis als Forschende.

Dies zeigt sich anhand einer formlosen Umfrage unter den Mitgliedern des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Darin wurde nach dem persönlichen Begriff, nach der Bedeutung der Interdisziplinarität innerhalb der eigenen Disziplin (sowohl in Bezug auf die Ausbildung als auch auf die Forschung) und nach Erfolgskriterien für interdisziplinäre Projekte gefragt.

Die Mitglieder des Jungen Kollegs betonen den innovativen Charakter und die persönliche Freude an Interdisziplinarität. Interdisziplinarität sei nicht nur hilfreich im Rahmen der Beantragung von Fördergeldern, sondern könne vor einer zu eingeschränkten disziplinären Sichtweise schützen.

Die fachübergreifende Kooperation erweitert den wissenschaftlichen Horizont und kann zudem die Sichtweise auf die eigene Disziplin verändern, indem Methoden reflektiert und Reichweite und Grenzen ihrer Anwendbarkeit hinterfragt werden. Darüber hinaus fördert interdisziplinäres Arbeiten wichtige Vermittlungskompetenzen, da die eigene Forschung jenseits von Fachbegriffen verständlich gemacht werden muss. Welche positiven Effekte interdisziplinäre Projekte hervorbringen, hängt von der Problemstellung, den beteiligten Akteuren und den Rahmenbedingungen ab. Es zeigte sich, dass die Mitglieder des Jungen Kollegs insbesondere solche interdisziplinären Projekte positiv bewerten, bei denen benachbarte Disziplinen miteinander kooperieren, die eine große Schnittmenge im Hinblick auf ihre eigenen Methoden und projektspezifische Ziele aufweisen.

Risiken durch Interdisziplinarität

Jedoch birgt interdisziplinäres Arbeiten auch Risiken für den wissenschaftlichen Nachwuchs, der sich erst fachlich qualifizieren muss. Da die Forschungslandschaft in Deutschland stark fachspezifisch organisiert ist, wird eine hohe Spezialisierung vorausgesetzt, um neue Forschungsergebnisse hervorbringen zu können. Die hierfür notwendige Wissenstiefe erlaubt es kaum, in angemessener Zeit eine gewisse Breite an Forschungsfeldern abzudecken.

Während Fachbegriffe sogar innerhalb einer Fachdisziplin in ihrer Definition umstritten sein können, werden diese oft beim fachübergreifenden Dialog zum Verhängnis der Forschenden. Um Missverständnisse bei der Zusammenarbeit zu vermeiden, ist meist ein größerer Einarbeitungs-  oder Kommunikationsaufwand erforderlich, der mit einem erheblichen Zeitaufwand einhergeht. Insgesamt binden interdisziplinäre Projekte, die mit solchen Herausforderungen zu kämpfen haben, ein oft unterschätztes Maß an Ressourcen. Neben Geld und Zeit fehlen Vermittler, die die unterschiedlichen Sprachen der Disziplinen „übersetzen“ und den interdisziplinären Austausch im Hinblick auf die gemeinsame Zielsetzung fokussieren.

Insbesondere wenn die Untersuchungsgegenstände und -methodik(en) stark voneinander abweichen, sind dem Gedankenaustausch bestimmte Grenzen gesetzt. Zudem kann eine zu starke interdisziplinäre Ausrichtung zum Verlust des wissenschaftlichen Profils der fachlichen Heimat führen. Denn interdisziplinäre Forschung kann nur selten in renommierten fachtypischen Publikationsorganen veröffentlicht werden, wodurch die disziplinspezifische Publikationsleistung der Nachwuchswissenschaftler/innen geschwächt wird. Damit sinken die Chancen, auf einen Lehrstuhl berufen zu werden oder eine andere dauerhafte Stelle in der eigenen Disziplin zu finden.

Eine hohe Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten ist für interdisziplinäre Projekte unabdingbar. Sowohl die Vorgabe als auch die Einhaltung von Qualitätsmaßstäben ist herausfordernd. Neben einer Beurteilung der interdisziplinären Forschungsleistung ist eine angemessene disziplinäre Bewertung erforderlich. Dieses erschwert den Begutachtungsprozess, da Gutachter/innen aus der Schnittmenge der beteiligten Disziplinen gefunden werden müssen. Zudem ist eine angemessene Berücksichtigung und Gewichtung der jeweiligen disziplinären und interdisziplinären Faktoren wichtig. Sowohl das Erstellen als auch das Zusammenführen der Gutachten zu einem Gesamturteil ist äußerst anspruchsvoll. Vor diesem Hintergrund besteht die Gefahr, dass personenbezogene Erfolgsfaktoren (z. B. Drittmittel, Preise, Mitgliedschaften in Gremien) in stärkerem Maße zur Beurteilung der wissenschaftlichen Qualität herangezogen werden.

Bei der weit verbreiteten Forderung nach mehr Interdisziplinarität sollte daher immer hinterfragt werden, aus welchen Gründen und auf welcher Ebene interdisziplinäres Arbeiten benötigt wird. Gerade weil interdisziplinäres Arbeiten ein hohes Maß an Ressourcen bedarf, stellt es für Nachwuchswissenschaftler/innen eine große Herausforderung in Bezug auf ihre akademische Karriereplanung dar: Wer sich auf Interdisziplinarität einlässt, steigert zwar in einem gewissen Maße seine Karrierechancen, läuft aber Gefahr, den Anforderungen innerhalb der eigenen Disziplin nicht in gleichem Maße gerecht zu werden.

Entwicklungsperspektiven

Die hier aufgezeigten Herausforderungen geben Anlass, die Rahmenbedingungen für interdisziplinäres Arbeiten zu überdenken und zu verbessern. Im Folgenden werden einige Entwicklungsperspektiven aufgezeigt.

Interdisziplinarität fördern, nicht fordern

Wenn Wissenschaftler/innen zur Lösung von Fragestellungen interdisziplinäre Forschungsinitiativen ergreifen, weil sie an die Grenzen ihrer eigenen Disziplin stoßen, sollten diese Vorhaben gewürdigt und strukturell unterstützt werden. Zudem erfordern einige gesellschaftliche Herausforderungen in hohem Maße interdisziplinäre Forschung, weil sie wissenschaftliche Fragen aufwerfen, die sich nicht innerhalb von Einzeldisziplinen beantworten lassen. Wird interdisziplinäre Forschung hingegen zum Trend, und wird dabei die Konstellation der fächerübergreifenden Zusammenarbeit diktiert, kann der eigentliche Sinn von Forschungsfreiheit verloren gehen.

Wenn Forschungsförderer interdisziplinäre Projekte ausschreiben, sollte die Relevanz der Themen im Vordergrund stehen und zudem bedacht werden, welche Fachrichtungen angesprochen werden, und wie groß die Zielgruppe der Antragstellenden potenziell sein könnte. Insbesondere ist dabei auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit bei den Verbundpartnern zu achten, damit alle beteiligten Wissenschaften Forschung betreiben und nicht zum Dienstleister für andere Disziplinen werden.

Es sollte stets die Forschungsidee im Vordergrund stehen und kein Zwang zur Interdisziplinarität bestehen: „Interdisziplinarität fördern, nicht fordern“.

Mehr Zeit für den interdisziplinären Diskurs

Der Zeitaufwand in interdisziplinären Projekten ist meist größer als in disziplinären und sollte nicht unterschätzt werden. Dies stellt alle, die in interdisziplinären Forschungsvorhaben mitarbeiten, beim eigenen Zeitmanagement vor die Herausforderung, auf eine ausgewogene Gewichtung von disziplinärer und interdisziplinärer Arbeitszeit zu achten.

Von Forschungsförderern sollte bedacht werden, dass bei einer längeren Gesamtlaufzeit von interdisziplinären Verbundprojekten mit qualitativ und quantitativ besseren Forschungsergebnissen zu rechnen ist.

Interdisziplinäre Projekte benötigen deshalb einen eingeplanten, erhöhten Zeitaufwand: „Mehr Zeit für den interdisziplinären Diskurs.“

Interdisziplinäre Projekte nachhaltig stärken

Schon vor der Planung von interdisziplinären Forschungsvorhaben steht die Nachhaltigkeit der Projekte im Vordergrund. Ein nachhaltiges interdisziplinäres Forschungsvorhaben setzt seine materiellen und immateriellen Ressourcen so ein, dass nachfolgende Projekte bessere Voraussetzungen für die Gestaltung ihrer Zusammenarbeit vorfinden als die gegenwärtigen. Jenseits der gemeinsamen Forschung zu einer konkreten inhaltlichen Fragestellung sollte sich ein echter Mehrwert durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf theoretischmethodischer Ebene ergeben. Darum sollten die während der fächerübergreifenden Kooperation gewonnenen Erkenntnisse ebenso wie die metatheoretische Reflexion über die Chancen und Grenzen der Interdisziplinarität für die jeweilige Heimatdisziplin nicht nur in die Forschungspraxis, sondern ebenso in die forschungsorientierten Doktorandenausbildungen und Masterstudiengänge der jeweiligen Disziplinen eingehen. Denn es entspricht dem Selbstverständnis der Universität, in allen Phasen der akademischen Ausbildung Forschung mit Lehre zu verknüpfen. Nur auf diese Weise können künftige Generationen von Nachwuchswissenschaftler/innen interdisziplinäres Arbeiten als etwas Selbstverständliches erfahren und zugleich kritisch reflektieren.

Interdisziplinarität als Schlüssel zum Erfolg?

Da interdisziplinäre Projekte besonders komplexe Herausforderungen an Wissenschaftler/innen stellen, ist es wichtig, sich zunächst im eigenen Fach und der eigenen Disziplin zu etablieren, bevor der Weg in die Interdisziplinarität gegangen wird. Natürlich eröffnen interdisziplinäre Projekte auch Karrierechancen für Nachwuchswissenschaftler/innen. Allerdings sollte deren Arbeit an interdisziplinären Projekten von Beginn an von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren begleitet werden, um das Ziel der fachlichen Etablierung innerhalb der eigenen Disziplin nicht aus den Augen zu verlieren. Ohne Disziplinarität kann Interdisziplinarität langfristig nicht gelingen, und dies gilt sowohl auf inhaltlicher Ebene als auch auf der Ebene der akademischen Karriere.

Es ist ebenfalls davon auszugehen, dass Interdisziplinarität vielfältige Auswirkungen nicht nur auf die Hochschullandschaft, sondern auch auf außeruniversitäre Berufsfelder haben wird. All die angesprochenen Punkte stellen den Umgang mit Interdisziplinarität aus Sichtweise der Mitglieder des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste dar, die aus voller Überzeugung interdisziplinär zusammenarbeiten.

1 Holbrook 2013, 1866.

2 Mittelstraß 2001, 93.

3 Vgl. Holbrook 2013, 1867.

4 Vgl. ebd., 1865f.

5 Vgl. Chettiparamp 2007, 19.

Literatur

Chettiparamp, A.: »Interdisciplinarity: a literature review«, hrsg. v. The Interdisciplinary Teaching and Learning Group, Subject Centre for Languages, Linguistics and Area Studies, School of Humanities, University of Southampton, November 2007.

Holbrook, J. B.: »What is interdisciplinary communication? Reflections on the very idea of disciplinary integration«, in: Synthese (2013) 190: 1865–1879.

Mittelstraß, J.: Wissen und Grenzen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.