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01.08.2018

Bibelwissenschaftler stellen ihre weltweit einzigartige Editionstechnik vor

Die Digitalisierung bedeutet für die Geisteswissenschaften eine ähnlich epochale Zeitenwende wie der Übergang von der handschriftlichen Überlieferung zum Buchdruck. Texte und Handschriften, die nicht digitalisiert werden, könnten als kulturelles Erbe verloren gehen. Gefördert von der Akademie im Rahmen eines Langzeitforschungsvorhabens hat das Institut für Neutestamentliche Textforschung in Münster eine computergestützte Methode entwickelt, um die Urtexte des Neuen Testaments zu rekonstruieren: mit der Kohärenzbasierten Genealogischen Methode, der Coherence-Based Genealogical Method, kurz CBGM.

Ab. 1: Der Anfang des Markusevangeliums in der Minuskelhandschrift 1432 (aus dem Athoskloster Andreu, jetzt Bibelmuseum Münster) aus dem 12. Jahrhundert. ©Bibelmuseum Münster

Ab.2: CBGM-Textflussdiagramm. Für acht Zeugen einer Variante c werden die engsten Verwandten bei einer anderen Variante (a) angezeigt, ein Zeichen für Mehrfachentstehung der Variante c aus Variante a. ©INTF Münster

Diese elektronische Auswertung der Handschriften bietet ein Maximum an datenbankgestützten Informationen und ermöglicht erstmals eine Textedition, in der die Kontamination, also eine bisher nicht zu vermeidende „Verunreinigung“ von Textquellen, neutralisiert ist. Um auf diese Methode aufmerksam zu machen, hat die Akademie jetzt eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der diese Technik vorgestellt wird.

Neueste Computertechnik für die ältesten Handschriften

Bibelwissenschaftler entwickelten für die Textedition ein weltweit einzigartiges elektronisches Programm: die Kohärenzmethode oder Coherence-Based Genealogical Method

Das Editionsprojekt „Novum Testamentum Graecum – Editio Critica Maior“ (ECM) am Institut für Neutestamentliche Textforschung in Münster erforscht die Überlieferung des Neuen Testaments in seiner griechischen Ursprache und dokumentiert dessen Textgeschichte. Die ECM hat das Ziel, das gesamte Neue Testament im griechischen Urtext auf der Basis aller textgeschichtlich relevanten Quellen neu zu edieren. Dabei ist die Druckfassung nur eine Form der Publikation. Alle Teile der Edition entstehen zunächst in einer Datenbank, die Instrumente zur Vorbereitung und Erforschung des Materials sind digital, und ein zunehmender Teil der Publikation erfolgt online. Basis für die Forschung bilden die Fotografien und Transkriptionen von rund 5.700 griechischen Handschriften, die im Institut seit der Gründung 1959 zusammengetragen wurden.

Die Kohärenzbasierte Genealogische Methode - Coherence-Based Genealogical Method (CBGM)

In reichen handschriftlichen Überlieferungen wie der des Neuen Testaments ist es immer wieder zu wechselseitigen Einflüssen der Überlieferung in einem Traditionsstrang durch einen anderen gekommen, so dass die direkte Überlieferungslinie gestört oder kontaminiert wurde. Diese Kontaminationen, so der philologische Fachbegriff, konnten bisher mit den klassischen Mitteln der Philologie nicht verhindert werden. Mit der CBGM ist es nun möglich geworden, mit Kontamination so umzugehen, dass Stemmatik trotzdem funktioniert – also eine grafische Gliederung in historischer Abfolge der Texte, nicht der Handschriften selbst. Das ist das Besondere an der Kohärenzmethode: Sie neutralisiert Kontamination, indem die Texte stemmatologisch erfasst werden und nicht die Handschriften, in denen die Texte überliefert sind.

Die CBGM schreitet von einer Beurteilung der Genealogie von Varianten fort zu einer Genealogie der Textzeugen, die die Varianten überliefern. Wenn nach dem Urteil der Editoren eine Variante y von einer Variante x abhängt, ist damit zugleich eine Aussage über das Verhältnis der Textzeugen gemacht, die die Varianten enthalten. Eine quantitative Auswertung der Aussagen über die Varianten und ihre Zeugen führt zu einem differenzierten Bild der Beziehungen zwischen den Zeugen, aus denen sich wiederum neue Kriterien für die Beurteilung der Beziehungen zwischen den Varianten ergeben. Es handelt sich hier um einen iterativ fortschreitenden Prozess, dessen Ziel ein globales Stemma der Textzeugen ist.

Lohn der Akribie
Die Anwendung der Kohärenzmethode hat bereits zu einer Neukonstitution des Ausgangstextes an 88 Stellen in der Apostelgeschichte und den Katholischen Briefen geführt. Welche Bedeutung diese akribische textkritische Forschung hat, zeigt ein Beispiel aus dem Judasbrief. In Vers 5 des Briefes hieß es bislang: „Obwohl der Herr das Volk aus Ägypten gerettet hatte, hat er später alle vernichtet, die nicht glaubten.“ Durch die Kohärenzmethode konnte nun aufgezeigt werden, dass mit großer Wahrscheinlichkeit an dieser Stelle „Jesus“ zu lesen ist. Damit sehen wir hier ein Beispiel für ein theologisches Denken, nach dem Jesus Christus als der präexistente Sohn Gottes bereits in der alttestamentlichen Geschichte Israels tätig war. Auch im 1. Korintherbrief, Kapitel 10, in den Versen 4 und 9 wird diese Sicht bestätigt, was beweist, dass diese Auffassung in der Frühzeit keineswegs so ungewöhnlich war, wie es uns Heutigen erscheinen mag. Von den beiden heute einflussreichsten Übersetzungen folgt die Einheitsübersetzung dem neu konstituierten Text der Editio Critica Maior: Die revidierte Lutherübersetzung von 2017 lässt zwar „Herr“ im Text, verweist aber in einer Fußnote auf „Jesus“ in der älteren Überlieferung.

Modell für andere Editionen
Institutsdirektor Holger Strutwolf ist stolz auf die Ergebnisse der intensiven Forschungsarbeit: „Wir bahnen den Weg zu den Quellen.“ Wichtig ist dem Universitätsprofessor für Patristik und neutestamentliche Textforschung, dass die methodischen Erkenntnisse auf andere philologische Handschriftenforschungen übertragen werden können: „Es ist ein mögliches Modell für andere Editionsprojekte, zum Beispiel für die Koranwissenschaft. Unsere offene digitale Edition kann flexibel auf die Bedürfnisse von Handschriftenforschern eingestellt werden.“ Denn die CBGM ist eine Textkritik mit quantifizierender Methodik. „Damit können wir und andere Forscher unser kulturelles Erbe, unser kulturelles Gedächtnis, nicht nur bewahren“, fasst der Professor zusammen, „sondern auch in eine neue Epoche, in das digitale Zeitalter, überführen.“ Denn für die Geisteswissenschaften, fährt der Patristiker fort, werde es dringend Zeit, die Schwelle zum neuen Medienzeitalter zu überschreiten. „Wer es nicht schafft, die auf Mikrofilm oder Fotografie gespeicherten Quellen zu digitalisieren“, warnt Holger Strutwolf, „verliert diese Quellen über kurz oder lang, denn Mikrofilme sind nicht unendlich haltbar - sie zerfallen.“

Das Herzstück der Forschung: die offene digitale Edition
Beispiel Apostelgeschichte, Band III der Editio Critica Maior (ECM): Darin beschreibt der Evangelist Lukas das Leben der christlichen Urgemeinde und die Verbreitung der christlichen Botschaft im Römischen Reich durch die Apostel - vor allem durch Paulus. Die Druckfassung der Apostelgeschichte ist im August 2017 erschienen, gleichzeitig wurde der kritische Apparat im „virtuellen Lesesaal“ veröffentlicht. Das Forschungsportal „New Testament Virtual Manuscript Room (NTVMR)“ mit der Internetadresse http://ntvmr.uni-muenster.de/nt-transcripts verzeichnet jeden Eintrag einer Handschrift, verknüpft mit einer Abbildung und dem Transkript der Seite, auf der sich die Stelle in der Handschrift befindet. Über einen Link ist die Anwendung der Coherence-Based Genealogical Method (CBGM) auf die jeweilige Stelle abrufbar. Für die textkritisch interessanten Varianten gibt es einen Kommentar der Editor*innen, der ebenfalls online verfügbar ist. Die Leser*innen können ihrerseits Stellungnahmen zu vorhandenen Kommentaren hinzufügen. Weitere Links binden die altlateinischen Handschriften, die Zitate aus der christlichen Literatur der Spätantike und des Mittelalters und schließlich die Amsterdamer Datenbank der neutestamentlichen Konjekturen ein.

Die Elemente der digitalen Edition manövrieren den Benutzer in einem direkten Weg von der handschriftlichen Urquelle zur Textkritik - öffentlich zugänglich für die Lehre und fachkundig Interessierte über die Internetseite und den „virtuellen Handschriftensaal“, der sehr rege genutzt wird.

 

Das Institut

Am Institut für Neutestamentliche Textforschung (INTF) mit dem angeschlossenen Bibelmuseum werden die weltweit rezipierten Ausgaben des griechischen Neuen Testaments ediert, der „Nestle-Aland“ (28. Auflage 2012) und das „United Bible Societies Greek New Testament“ (GNT, 5. Auflage 2014). Diese im Lesetext identischen Handausgaben werden sukzessive nach Maßgabe der „Editio Critica Maior“ (ECM) revidiert. Die einflussreichsten modernen Übersetzungen der Bibel in diversen Sprachen nutzen die Ausgaben des Institutes. Die vom INTF vorgenommenen Änderungen des griechischen Textes werden in der Regel übernommen und die Übersetzungen entsprechend angepasst.

Gegründet wurde das Institut, das an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Teil der Evangelisch-Theologischen Fakultät ist, vom evangelischen Theologen Kurt Aland (1915-1994). Seit 2004 ist Prof. Dr. Holger Strutwolf Direktor des INTF wie auch des Bibelmuseums und Lehrstuhlinhaber für Patristik und Neutestamentliche Textforschung. Das Institut für Neutestamentliche Textforschung ist Teil des Exzellenz-Clusters „Religion und Politik“ der Universität Münster.

Die Finanzierung
Die Förderung des Editionsprojektes Novum Testamentum Graecum - Editio Critica Maior (ECM), einschließlich der Weiterentwicklung der Kohärenzbasierten Genealogischen Methode, trägt die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste seit 2008 (bis voraussichtlich 2030) - im Rahmen des von Bund und Ländern finanzierten Akademienprogramms. Die Entwicklung des virtuellen Lesesaals, New Testament Virtual Manuscript Room, wurde von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) finanziert.

Kontakt:

Institut für Neutestamentliche Textforschung
Pferdegasse 1
D-48143 Münster
Tel.:+49 (251) 83-22581 (oder -22546)
Fax: +49 (251) 83-22582
ECM@uni-muenster.de
egora.uni-muenster.de/intf/