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13.03.2019

Interview des Jungen Kollegs mit der Wissenschafts- und Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen

Die Arbeitsgruppe Hochschulpolitik des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste hat die Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen zu aktuellen hochschulpolitischen Themen befragt. Das Interview wurde am 25.09.2018 im Ministerium für Kultur und Wissenschaft mit Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, MD Ralf Thönnissen (Leiter der Abteilung Hochschulen) und MR Arno Einck (Leiter des Referats Finanzen der Hochschulen, Haushalt der Einrichtungen und des Ministeriums) geführt. Die von der AG Hochschulpolitik vorbereiteten Fragen wurden von Lennart Gilhaus und Steffen Freitag gestellt.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. (Bild: MKW/Bettina Engel-Albustin 2017)

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Berührungspunkte von Kultur und Wissenschaft als Chance

Gilhaus: Innerhalb der neuen NRW-Landesregierung hat es eine „Umressortierung“ gegeben, die zur Folge hat, dass die Ressorts Kultur und Wissenschaft nun in einem Ministerium zusammengefast werden. Welche besonderen Gestaltungsmöglichkeiten sehen Sie in dieser Umressortierung? Werden durch die neue Ressortzuschneidung die Geistes-/
Kulturwissenschaften in Zukunft stärker in den Fokus der Wissenschaftsförderung gerückt?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Die Zusammenarbeit im neu zugeschnittenen Ministerium klappt – das kann man jetzt nach einem Jahr sagen – sehr gut. Das liegt auch daran, dass es viel mehr Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Themenbereichen gibt, als man vielleicht ursprünglich gedacht hat. Um ein Beispiel zu nennen: Auch in der Kunst wird sehr stark mit wissenschaftlichen Methoden künstlerisch gearbeitet, mit den Mitteln der Digitalisierung. Dadurch gibt es eine Reihe von Schnittpunkten. Im 19. Jahrhundert übrigens stand gar nicht in Frage, dass Kultur und Wissenschaft etwas miteinander zu tun haben. Die Geisteswissenschaften spielen aber unabhängig von diesen Querverbindungen eine wichtige Rolle.

250 Mio. Euro zur Verbesserung der Grundfinanzierung der Hochschulen

Freitag: In der Regierungserklärung der neuen NRW-Landesregierung heißt es, dass Sie die Hochschulen in NRW „an die akademische Qualität der besten Hochschulen in der Welt heranführen“ will. Wie genau soll dies geschehen und woher sollen die Mittel für die Umsetzung dieses Ziels stammen?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Das ist natürlich nicht so einfach zu beantworten, dass man jetzt sagt, wir machen eine bestimmte Maßnahme und alles wird gut. Es ist ein Bündel von Maßnahmen, die man ergreifen muss. Wir sind jetzt in der speziellen Situation, dass wir sehr viele Studierende und auch immer noch viele Studienanfänger haben, die Zahlen aber nicht mehr steigen. Das war bisher anders. Wir befinden uns also auf einem hohen Plateau, das wahrscheinlich auch eine Weile so bleiben wird. Das gibt uns, wenn wir es richtig angehen, die Chance, uns jetzt mehr zum Beispiel um das Thema Qualität der Lehre zu kümmern. Das ist auch ein Ziel bei den Verhandlungen über den neuen Hochschulpakt, der ab 2021 gelten soll und entsprechende finanzielle Möglichkeiten schafft. Was die Forschung betrifft, so sind – um einen Aspekt herauszugreifen – die Universitäten in Nordrhein-Westfalen bisher sehr erfolgreich in der Exzellenzstrategie. Das ist ein Instrument, das man klug einsetzen kann. Für Exzellenzuniversitäten gibt es besondere Finanzierungsmöglichkeiten für die Forschung, zu der auch immer die Nachwuchsförderung gehört. Es sind also sehr unterschiedliche Maßnahmen, die möglich sind, damit sich die Hochschulen weiterentwickeln können, und an diesen Maßnahmen arbeiten wir parallel.

Freitag: Wird dann auch die Grundfinanzierung verbessert? Also, sollen mehr Mittel für die Grundfinanzierung der Universitäten an sich und auch der anderen Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten zur Verfügung stehen und nach welchen Kriterien sollen diese grundfinanzierten Mittel verteilt werden?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Das ist schon eingeleitet worden und das führen wir fort. Es wird jedes Jahr ein Betrag von 50 Millionen Euro in die Grundfinanzierung der Hochschulen verlagert, sodass es am Ende 250 Millionen Euro sind. Diese Mittel stehen dann dauerhaft zur Verfügung, was den Hochschulen Planungssicherheit gibt. Die Verteilung der Mittel ist natürlich Gegenstand von Diskussionen mit den Hochschulen.

Freitag: Ein konkreter Finanzierungsvorschlag ist die Einführung von Studiengebühren i. H. v. 1.500€/Semester für Nicht-EU-Studierende. Halten Sie dies oder Studiengebühren insgesamt für das geeignete Mittel? Und ist eine Ausweitung auf andere Studierendengruppen geplant?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Im Koalitionsvertrag steht die Absicht, Studienbeiträge für Nicht-EU-Studierende einzuführen. In der Diskussion wird dieses Thema aber meines Erachtens viel zu hoch gehängt. Die Einführung von Studienbeiträgen für Nicht-EU-Studierende muss man sine ira et studio einfach prüfen. Wenn wir solche Studienbeiträge einführen, dann unter Bedingungen, die vergleichbar mit denen in Baden-Württemberg sind, das heißt insbesondere mit den entsprechenden sozialen Abfederungen. Es gibt eine Reihe von Herkunftsländern, deren Studierende von Studienbeiträgen gar nicht betroffen wären. Es gibt Definitionen von Ausnahmetatbeständen, wie sie auch für das BAföG gelten. All diese Dinge sind für mich gesetzt. Und dann muss man am Ende fragen, und das ist für mich der entscheidende Punkt: Stehen Aufwand und Ertrag im Verhältnis? Das müssen wir in Ruhe prüfen und dann unsere Schlüsse ziehen. Deshalb sind für uns die Erfahrungen aus Baden-Württemberg so wichtig. Ansonsten gibt es ja im Koalitionsvertrag auch eine klare Aussage: Allgemeine Studienbeiträge wird es nicht geben.

Kriterienbestimmung für leistungsorientierte Mittel in Diskussion mit den Hochschulen

Gilhaus: Halten Sie an der leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) als Teil der Finanzierung fest? Falls ja, welche Parameter werden in Zukunft in welchem Maße herangezogen? (Derzeit sind es die Parameter Lehre (Absolventinnen und Absolventen), Forschung (Drittmitteleinnahmen) und Gleichstellung (Professuren) mit der prozentualen Gewichtung 45/45/10 an Universitäten und 70/20/10 an Fachhochschulen.)

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Man muss hier einen Weg finden, eine transparente Verteilung zu gewährleisten. Gleichzeitig gibt es historisch gewachsene Gegebenheiten, die man in der Regel nicht einfach gleichsetzen kann. Es ist mithin eine ziemlich komplexe Angelegenheit und natürlich hat jedes Modell Gewinner und Verlierer. Schlägt das Ministerium also ein verändertes Verteilungsmodell vor, dann stößt das nicht überall auf Gegenliebe. Jetzt im Moment haben wir das bestehende Modell erst einmal fortgeschrieben. Zum aktuellen Diskussionsstand kann sicher Herr Einck noch etwas sagen.

Einck: Wir sind mit den Hochschulen im ständigen Gespräch. Wir haben jetzt die Kriterien für 2019 abgestimmt. Wir werden im November mit einer Arbeitsgruppe wiederbeginnen, die dann für die Zeit danach neue Kriterien diskutiert. Es müssen nicht zwangsläufig neue Kriterien sein, aber es soll noch einmal offen diskutiert werden, ob diese Kriterien bearbeitet werden müssen, wie ihr Verhältnis zueinander ist, ob man andere Kriterien einbauen sollte. Das ist ein Prozess, den wir mit den Hochschulen gemeinsam gestalten.

Gilhaus: Welche Kriterien, insbesondere auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften, sehen Sie als Zeichen von Qualität für Forschung an, von denen Mittelvergaben, Beförderungen, tenure-Verleihung o.ä. abhängig gemacht werden sollten? Drittmittelakquise hat dabei eine große Bedeutung, aber welche Rolle spielt ihres Erachtens gerade in den Geisteswissenschaften der Einzelforscher, der vielleicht sogar ohne bedeutende Drittmittel die Forschung in einem bestimmten Bereich voranbringt?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Man kann nicht, um mal das Extrem zu benennen, nach Gutsherrenart das Geld verteilen, sondern es muss Kriterien geben, etwa Förderanträge zu bewerten. Auch das Ministerium muss das tun, wobei wir allerdings wenig unmittelbar Forschungsprojekte fördern. Was die Kriterien angeht, muss es natürlich – um ein Beispiel zu geben – genauso wertvoll sein, wenn eine Geisteswissenschaftlerin oder ein Geisteswissenschaftler ein großes Werk schreibt wie wenn eine Naturwissenschaftlerin oder ein Naturwissenschaftler Artikel in internationalen Fachzeitschriften publiziert.

Relevanz der Akademisierung – aber auch Gleichwertigkeit von Ausbildungsberufen

Freitag: Wie stehen Sie zu der von der Politik in den letzten Jahren stark gemachten Leitlinie, dass wir „mehr Studierende“ brauchen? Immer mehr Schülerinnen und Schüler sollen ein Studium beginnen, obwohl auch in vielen Ausbildungsberufen Fachkräfte fehlen. Universitäten werden bei hohen Abbrecherquoten bei der Mittelzuweisung "bestraft". Gibt es hier inzwischen ein Umdenken im Ministerium, dass Studieneingangszahlen bzw. -ausgangszahlen zwar gut messbar sind, aber nichts über die Qualität der Lehre aussagen bzw. eher zu einer "Massenabfertigung" und "Noteninflation" führen könnten? Wie wollen Sie dieser Gefahr entgegenwirken?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Es gibt ja zum einen vor allem im Gesundheitsbereich eine ganz starke Akademisierungswelle. Diese hat ihren Grund darin, dass sich die Anforderungen an die entsprechenden Berufe ganz anders gestalten als noch vor 30 Jahren. Da wird es sicher mehr Akademisierung geben, als wir das früher kannten. Auf der anderen Seite muss es durch gute Beratung auch gelingen, Studierende rechtzeitig darauf zu bringen, wo eigentlich ihre Stärken liegen und wo sie am Ende auch beruflich glücklich werden. Was mir zum Beispiel eingeleuchtet hat, war ein Beispiel in Aachen, wo man zwischen Fachhochschule und RWTH im ersten Semester einen sehr engen Austausch pflegt und Studierende noch an die jeweils andere Hochschule wechseln können, wenn sie merken, dass sie nicht am richtigen Ort sind. Das finde ich sehr pragmatisch und sinnvoll. Wir müssen aber gleichzeitig aufpassen – Sie haben das ja angesprochen –, dass wir auch außerhalb der Hochschulen genügend Nachwuchs haben. Das heißt, dass man nicht alle dahingehend berät, an die Hochschulen zu gehen. Das finde ich den falschen Weg. Es muss gelingen, deutlich zu machen, dass andere Bildungswege die gleiche Wertigkeit haben und für die einzelne Persönlichkeit vielleicht die bessere Option sind. Da finde ich, muss man ein Stück weit, ich will nicht sagen, umsteuern, aber man muss vielleicht noch intensiver beraten. Zur Frage nach der „Bestrafung für Abbrecherquoten“ – die es so nicht gibt – bitte ich Herrn Thönnissen noch um Hinweise zu den konkreten Regelungen.

Thönnissen: Es gab früher mal die Idee, beim Thema Abbrecherquoten quasi auch mit einer monetären „Bestrafung“ zu operieren. Es ist im Moment aber eigentlich nicht so. Es wird aber die Zahl der Absolventen belohnt. Man könnte also sagen, dass dies inzident vielleicht auch „Bestrafung“ für Abbrecherquoten ist, aber eigentlich ist es das nicht, sondern es ist ein positiver Anreiz, denn es ist gut, wenn die Hochschulen viele Studierende anziehen, die die Voraussetzungen für das Studium erfüllen, die dann gut durch das Studium durchkommen und die dann letztlich als Absolventen auftauchen.

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Die Hochschulen sind frei, ob sie so etwas machen, aber es gibt zunehmend Angebote, zum Beispiel, bevor man sich für ein Studienfach einschreibt, ein Self-Assessment zu machen, also zu testen: Was wird eigentlich in diesem Studienfach am Anfang von mir verlangt? Die ASten, mit denen ich darüber gesprochen habe, finden das manchmal etwas fragwürdig. Ich glaube aber, dass es gut ist, wenn einem auf die Weise vermittelt wird: „Ist das wirklich das Richtige für mich?“, und: „Kann ich das eigentlich?“, und: „Interessiert es mich auch?“

Gilhaus: Sehen Sie Bedarf, die Mittelverteilung stärker von anderen Kriterien als bisher abhängig zu machen und z. B. etwa Lehre oder Aufgaben in der Selbstverwaltung, insbesondere Gremientätigkeiten stärker zu akzentuieren?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Wir haben ja in Nordrhein-Westfalen, wie Sie wissen, ein Gesetz, das den Hochschulen große Freiheiten gibt. Das ist auch sehr gut und wichtig. Das Ministerium hat nur noch, formal betrachtet, die Rechtsaufsicht über die Hochschulen. Wir können natürlich steuern durch Vereinbarungen, die wir mit den Hochschulen schließen, wenn wir zum Beispiel sagen: „Wir wollen, dass ihr mehr Lehrer und Lehrerinnen ausbildet in den und den Fächern.“ Dann macht man einen Vertrag und sagt: „Ihr macht mehr für die Lehrerausbildung und bekommt dafür auch entsprechende Mittel.“ Aber wie man sich dann intern aufstellt und wie die Mittel verteilt werden zwischen den einzelnen Gremien, Fachbereichen und Unterorganisationen, das ist Sache der Hochschulselbstverwaltung.

Gilhaus: Welche Bedeutung sollte zukünftig die Lehramtsausbildung an den Universitäten haben, die in jüngerer Zeit häufig als Hemmschuh für die Forschung gesehen worden ist?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so ist. Es gibt ja große Universitäten wie Köln oder Münster, die einen sehr großen Anteil Lehramtsausbildung haben und gleichzeitig forschungsstark sind. Deshalb sehe ich das nicht so negativ. Im Übrigen bin ich überzeugt davon, dass die Lehramtsausbildung für die Hochschulen eine ganz zentrale Bedeutung hat, einfach weil die Schulen für die Gesellschaft insgesamt eine überragend wichtige Funktion haben und damit auch die Ausbildung der Lehrkräfte an den Hochschulen. Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch – und das ist eine gesellschaftliche Frage –, wie wir den Lehrerberuf wertschätzen. Hier muss es eine wirkliche Bewusstseinsänderung geben, wie wichtig Lehrer für unsere Gesellschaft sind.

Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler als Zukunft der Unis – Bedeutung nachhaltiger Berufsperspektiven

Freitag: In einer Umfrage, die das Junge Kolleg 2016 unter Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern in Deutschland durchgeführt hat, beurteilen die Befragten ihre beruflichen Perspektiven in der Wissenschaft sehr kritisch. Welche Instrumente für die wissenschaftliche Nachwuchsförderung, insbesondere für Postdocs, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, wollen Sie entwickeln, um NRW für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler noch attraktiver zu machen?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Eine der Maßnahmen ist natürlich die allmähliche Umsetzung von mehr verstetigten Mitteln im Haushalt, die ja auch dazu führt – so ist jedenfalls unsere Vorstellung und unser Wunsch –, dass mehr dauerhafte Arbeitsverhältnisse geschaffen werden. Es ist ein ganz zentraler Punkt für viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, dass man nicht immer nur befristete Stellen hat, sondern dass es eine langfristige Perspektive gibt. Dann gibt es kleinere Programme, die wir jetzt ausbauen, z.B. das „NRW-Rückkehrprogramm“, das sehr gut nachgefragt ist. Dieses Programm zielt darauf ab, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die eine Weile im Ausland waren, nach Nordrhein-Westfalen zu locken, indem sie ihre wissenschaftlichen Vorhaben hier mit attraktiver Ausstattung weiterführen können. Das sind wichtige Maßnahmen, aber das große Thema ist sicherlich die allgemeine Frage der Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Karriereplanung. Hier setzt auch das Instrument „Tenure Track“ an, bei dem es ja auch um eine perspektivische Planungsmöglichkeit geht.

Freitag: Tenure Track-Verfahren sind in aller Munde, um dem wissenschaftlichen Nachwuchs langfristigere Perspektiven bieten zu können. Allerdings müssen Universitäten die entsprechenden W2- oder W3-Planstellen vorsehen, wenn Sie solche W1-Tenure-Track Juniorprofessuren ausschreiben wollen. Wird dies dazu führen, dass dann dauerhafte W2- und W3-Stellen fehlen, auf den sich der bereits qualifizierte Wissenschaftsnachwuchs (habilitiert oder vergleichbar qualifiziert) bewerben kann?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Das ist natürlich eine schwierige Berechnung. Es ist klar, dass Stellen vorgehalten werden müssen, wobei wir hier aber von sehr langfristigen Planungen reden, wo durch natürliche Fluktuation Spielräume für die Hochschulen entstehen. Deshalb haben die Hochschulen alle, soweit ich das wahrgenommen habe, das Tenure Track-Programm des Bundes sehr begrüßt. Aber natürlich gibt es einen Wettbewerb um die festen Stellen. Und dieser Wettbewerb wird durch das Instrument Tenure Track ein Stück weit vorgezogen. Wichtig ist dann vor allem, dass für alle die gleichen Qualitätskriterien gelten.

Thönnissen: Also wichtig ist ja zunächst, dass es wirklich zusätzliches Geld vom Bund gibt, um diese Tenure Track-Stellen einzurichten. Dann ist erst einmal für sehr viele Jahre die Finanzierung gesichert. Es gibt dann von Seiten des Bundes ein Monitoring dieses ganzen Verfahrens. Der Bund will seine Bedingung erfüllt wissen, dass am Ende des Tages auch entsprechend mehr Stellen insgesamt da sind. Das kommt dann ungefähr 2027. Aber das ist mit den Hochschulen genau besprochen, und die Hochschulen lassen sich jetzt auf dieses Risiko ein und wissen, warum sie das tun. Nordrhein-Westfalen hat übrigens sehr gut abgeschnitten bei diesem Programm. Die Hochschulen sind in ihrer Personalbewirtschaftung sehr frei, können da hin- und herschieben und sind selber in der Lage, die Dinge so zu managen, dass das funktioniert.

Freitag: Wenn ich das Bund-Länder-Programm richtig verstanden habe, soll ja dann eigentlich aus den Ländern die langfristige Finanzierung gewährleistet werden. Das heißt, in sieben, acht Jahren müssten ja dann auch zusätzliche Landesmittel dafür bereitstehen, um die erforderlichen Zusatzprofessorenstellen zu schaffen. Ist das so geplant oder ist das jetzt noch nicht absehbar, wie sich das genau entwickeln wird?

Thönnissen: Planen kann man so etwas über einen langen Zeitraum nicht. Wir haben ja eben darüber gesprochen, dass wir beabsichtigen, die Hochschulpaktmittel in den kommenden Jahren nicht wesentlich geringer werden zu lassen, und der Bund das Ziel hat, dass solche Mittel dauerhaft werden. Das heißt, wir werden voraussichtlich auch künftig die Möglichkeit haben, Mittel zu verstetigen. Natürlich werden verstetigte Mittel dann auch in neue Professorenstellen fließen.

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Deswegen sind auch die Hochschulpakt-Verhandlungen, in deren Mittelpunkt ja die konkrete Ausgestaltung steht, für uns jetzt so wichtig. Der kommende Hochschulpakt soll länger laufen als die bisherigen. Das heißt, es läuft alles in die Richtung einer längerfristigen Absicherung. Und da will – salopp gesprochen – natürlich jedes der 16 Länder einen möglichst großen Anteil am Kuchen, der verteilt wird.

Freitag: Welche Leistungsfaktoren sehen Sie als besonders wichtig für Tenure-Track-Verfahren bei Juniorprofessuren?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Also, im Grunde das, was ich auch vorhin gesagt habe: Das Thema Qualität steht ganz oben und ist ja definiert, auch bei jeder normalen Berufung. Und unter dem Gesichtspunkt, dass die dann berufene Person möglicherweise auch lange da ist, dürfen bei Tenure-Track-Verfahren keine grundsätzlich anderen Standards angelegt werden als an Verfahren für dauerhafte Berufungen.

Gilhaus: Welche Möglichkeiten sehen Sie für Entfristungsmodelle von Mittelbaustellen, die mit Langzeitaufgaben befasst sind?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Der Mittelbau ist ein großes Thema bei den Fachhochschulen, die wenig Mittelbau haben und damit auch ein Stück weit hadern, weil es teilweise Schwierigkeiten gibt bei der Nachwuchsgewinnung für Professuren. Das ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt. Bei den Universitäten gibt es einen stark ausgeprägten Mittelbau, und darunter sind natürlich auch zahlreiche Dauerstellen, die die Hochschulen im Rahmen ihrer Personalplanung einsetzen können.

Thönnissen: Natürlich sagen die Fachhochschulen „Wir hätten auch gerne einen Mittelbau“, aber ebenfalls wichtig wäre ihnen, wenn sie mehr Professorinnen und Professoren hätten, und da setzt ja auch unser Förderprogramm für Fachhochschulen an, mit dem wir gerade versuchen, den Fachhochschulen hier die Personalgewinnung zu erleichtern. Manchmal hängen da Personen sozusagen fest, weil sie aufgrund von bestimmten formalen Voraussetzungen nicht reif sind für eine Professur, insbesondere bei der Praxisberufszeit. Mit dem Bund verhandeln wir über ein ähnliches Programm, das aber noch weiter gefasst werden soll. Bei den Unis haben wir natürlich einen akademischen Mittelbau. Es müssen ja erst einmal Personen da sein, die sagen „Die akademische Karriere ist für mich eine Option“. Hier kommen wir dann zu einem ähnlichen Aspekt wie gerade eben: Es muss natürlich auch gesellschaftlich anerkannt sein, dass eine gute Wissenschaftlerin oder ein guter Wissenschaftler nicht unbedingt Professorin oder Professor sein muss. Aber als Ministerium setzen wir hier wieder nur die Rahmenbedingungen durch Verstetigung von Mitteln, die die Hochschule dann einsetzen kann, um Tenure Track-Professuren zu verstetigen, die sie aber auch anders einsetzen und sagen kann: „Wir müssen in bestimmten Bereichen den Mittelbau verstärken und zwar auch den unbefristeten Mittelbau.“

Gilhaus: Vielleicht noch eine Nachfrage zu diesem ganzen Komplex: Eigentlich alle Stellen für Professoren und Professorinnen, für Nachwuchsgruppenleiter und Nachwuchsgruppen­leiterinnen und auch die meisten entfristeten Stellen im Mittelbau sind in der Regel in der Post-Doc-Phase Vollzeitstellen. Gerade im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere kann dies durchaus problematisch werden. Aber Professuren in Teilzeit – so etwas gibt es so gut wie gar nicht. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier auch für dauerhafte Teilzeitoptionen?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Wo es das schon seit Jahren gibt, ist bei den Kunsthochschulen. Dort war die Motivation damals – ich habe ja früher einmal einige Zeit an einer Musikhochschule gearbeitet – eine andere. Da hat man gesagt: „Wir wollen auch Künstlerinnen und Künstler an die Hochschule binden, die nicht ganztags dort arbeiten können, weil sie sonst ihre Kunst nicht mehr ausüben können“, und hat deshalb Teilzeitprofessuren geschaffen. Es gab einmal eine Anfrage zweier Wissenschaftlerinnen aus Bonn, die mit Blick auf die Familie gesagt haben: „Wir schaffen nicht alles nebeneinander, neben kleinen Kindern, Familie, den Lehrbetrieb durchzuführen und noch in der Forschung dranzubleiben“, und dann von einem Beispiel aus – ich glaube – Kanada berichtet haben, wo man für einige Zeit eine Lehrentlastung bekommen kann, um das besser hinzukriegen und in der Forschung dranzubleiben. Im Kontext dieser Anfrage habe ich gelernt, dass es bei uns längst eine entsprechende Verordnung gibt, die solche Entlastungen grundsätzlich ermöglicht. Die wird aber von den Hochschulen relativ selten angewandt.

Thönnissen: Also, es gibt ja schon lange die Möglichkeit, schlicht eine Teilzeitprofessorin oder einen Teilzeitprofessor einzustellen. Das war und ist aber interessanterweise für Bewerberinnen und Bewerber seltener interessant als man denkt. Eine Professorin oder ein Professor an einer deutschen Hochschule hat ja eine gewisse Flexibilität in der Arbeitszeit, die andere Menschen nicht unbedingt haben. Das heißt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist möglicherweise auch im Vollzeitjob durchaus vernünftig zu managen, jedenfalls in dem einen oder anderen Fall, nicht in jedem. Außerdem – die Ministerin hat es angesprochen – kann die Lehrverpflichtung aus den unterschiedlichsten Gründen ermäßigt werden. Das ist in der Lehrverpflichtungsverordnung geregelt. Daneben gibt es auch Forschungsfreisemester. Die Hochschulen gehen mit ihren verschiedenen Mitteln auch flexibel und verantwortlich um, sodass sich auf diese Weise vielfach Dinge entschärfen lassen, bei denen man in einem anderen Beruf sagen würde: Hier kommt nur eine Teilzeitbeschäftigung in Frage.

Gilhaus: In der Hochschulvereinbarung NRW 2021 der vorherigen Landesregierung werden die Hochschulen in NRW dazu angehalten, die dauerhaften Mittel, die vom Land in die Hochschulen fließen, zur Verstetigung von Stellen zu nutzen und dabei insbesondere die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Auge zu behalten. Wird die neue Landesregierung an dieser Forderung festhalten oder werden andere Programme verfolgt, die der Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Hochschulen dienen sollen?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Diese Vereinbarung besteht fort und sie zu unterbrechen, wäre auch nicht sinnvoll gewesen.

Gilhaus: Welche Rolle spielen im Programm der Landesregierung die Interessen des wissenschaftlichen Nachwuchses insgesamt?

Ministerin Pfeiffer-Poensgen: Der wissenschaftliche Nachwuchs ist die Zukunft, wenn ich das einfach mal banal beantworten darf. Ich war selbst vor vielen Jahren persönliche Referentin eines Wissenschaftssenators, der seinerseits aber eigentlich Uniprofessor war und mal einen Ausflug in die Politik gemacht hat. Und der hat mir immer gesagt: „Also, die kreativsten Jahre sind eigentlich so die Zwanziger und die frühen Dreißiger, in denen werden oft die ganz großen Würfe gemacht.“ Bei den Geisteswissenschaftlern ist das ein bisschen später, würde ich jetzt sagen. Ich will das aber ohnehin nicht als allgemeingültige These verstanden wissen. Doch klar scheint mir zu sein, dass die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ein ganz wichtiges Kapital für die wissenschaftliche Weiterentwicklung sind. Deshalb sind die Maßnahmen, über die wir gesprochen haben, auch so wichtig. Wir können Bedingungen schaffen, um die Arbeitssituationen in den Forschungseinrichtungen und vor allem in den Hochschulen gut zu gestalten. Das ist ein zentraler Fokus der Wissenschaftspolitik.

Übrigens, nebenbei bemerkt, das Junge Kolleg wird ja auch vom Land gefördert und ich war nicht umsonst schon häufig da. Ich würde gerne meine Tage gelegentlich bei Ihnen verbringen und zuhören. Das ist mir leider zeitlich nicht möglich. Das Junge Kolleg ist eine Einrichtung, die dazu beiträgt, dass man sich vernetzt. Das ist auch eine Form der Förderung für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, zumal Sie ja auch immer den Kontakt zu den anderen Mitgliedern der Akademie haben. Das finde ich ebenfalls sehr interessant und wichtig.