AWK - Detailansicht Presse

Übersprungnavigation

Navigation

Inhalt

08.04.2019

AG Hochschulpolitik des Jungen Kollegs: Plädoyer für mehr Transparenz

Das von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz verabschiedete Tenure-Track-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses geht im Frühjahr 2019 in die zweite Runde. Eine Analyse von Mitgliedern der AG Hochschulpolitik des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Plädoyer für mehr Transparenz

Mit der Einrichtung des Tenure-Track-(TT)-Programms des Bundes soll die TT-Professur als dauerhaftes Instrument auf dem Weg zur Lebenszeitprofessur etabliert werden. Zudem sollen langfristig 1000 zusätzliche Dauerprofessuren geschaffen werden [1].

Laut Verwaltungsvereinbarung ist die Zielgruppe des Programms der wissenschaftliche Nachwuchs in der frühen Postdoc-Phase. Auch für den fortgeschrittenen Nachwuchs (Emmy-Noether-Gruppenleiter*innen, Habilitand*innen, etc.) kann das Programm „zu einem frühen Zeitpunkt“ eine attraktive Karriereoption darstellen [2]. Es mehren sich jedoch Bedenken, dass sich dies kontraproduktiv auf bereits über andere Wege für eine Professur qualifizierte Wissenschaftler*innen auswirken könnte, im Sinne einer „lost generation“ [3].

In der ersten Förderrunde wurden im Herbst 2017 an 34 Universitäten 468 TT-Professuren bewilligt [1]. Im Laufe des Jahres 2018 wurde damit begonnen, die ersten dieser Professuren auszuschreiben und zu besetzen. Ein guter Zeitpunkt, existierende Bedenken auf Basis verfügbarer Informationen zu prüfen.   

Wie und für wen werden die TT-Stellen ausgeschrieben?

Belastbare, systematische Zahlen zur Ausschreibepraxis der TT-Stellen finden sich (bisher) nicht. Zwar wird im Rahmen des Programms ein offizielles Monitoring durchgeführt [4, 5], entsprechende Zahlen sind jedoch bisher öffentlich nur begrenzt verfügbar. Auch die jeweiligen Ausschreibungstexte verweisen nicht durchgehend auf das TT-Programm. Anhand eigener, im Rahmen eines unabhängigen Forschungsprojekts erhobenen Daten berichtete die Junge Akademie[1] (JA) kürzlich, dass bei den bereits ausgeschriebenen Stellen 58% W1- einem Anteil von 42% W2-Professuren gegenüberstehen [6].

Obwohl die Zielgruppe der W2-Professuren in den Ausschreibungen nicht klar definiert ist, scheint deren signifikanter Anteil an den Ausschreibungen auch dem qualifizierten Nachwuchs grundsätzlich eine Teilhabe am Programm zu ermöglichen. Hier entsteht allerdings ein bedeutender Konflikt: Trotz bereits erworbener Qualifikation für eine Lebenszeitprofessur muss erneut ein Befristungsverhältnis eingegangen werden. Somit wird TT zum konsekutiven Karriereweg, der die Qualifikationsphase deutlich verlängert und dadurch der Idee des Nachwuchspakts klar entgegensteht. Gleichzeitig erscheint der Karriereweg über das TT-Programm angesichts einer möglichen Verknappung regulärer W2-Positionen (siehe nächster Absatz) unumgänglich.  

Eine eindeutige Definition der Zielgruppe durch das Programm (z.B. über das akademische Alter), sowie die Möglichkeit einer vorgezogenen Evaluation für Erstberufene mit vorangegangener Qualifikationsphase kann die Situation des qualifizierten Nachwuchses verbessern. Auch mehr Transparenz in den Ausschreibungs- und Berufungsverfahren, z.B. durch systematische Erwähnung des TT-Programms in den Ausschreibetexten sowie zeitnahe Veröffentlichung aktueller Zahlen aus dem übergreifenden Monitoring, würden dazu beitragen.

Werden tatsächlich 1000 neue Lebenszeit-Professuren durch das TT-Programm geschaffen?

Da allein das Erreichen individueller Zielvereinbarungen über die Verstetigung einer TT-Stelle entscheiden sollte, ist zu erwarten, dass nicht jede der vom Bund anfinanzierten Professuren verstetigt wird. Formuliertes Ziel des TT-Programms ist allerdings die nachhaltige Schaffung zusätzlicher 1000 Lebenszeitprofessuren bis zum Jahr 2032 – dies ist wichtig, um einen Stellenengpass nach Ablauf des Programms zu verhindern.

Es sind Zweifel angebracht, ob der Aufwuchs an Lebenszeitprofessuren wirklich durch das TT-Programm erreicht werden kann. Aus der Statistik des NRW-Ministeriums für Kultur und Wissenschaft [7] lässt sich z.B. entnehmen, dass in NRW im Zeitraum 2014-2017[2] insgesamt 104 Professuren geschaffen wurden. Für NRW wäre damit die im TT-Programm erforderte Zahl neuer Professuren im relevanten Erhebungszeitraum bereits vor Beginn des TT-Programms erreicht. Gleiches gilt für den durch die JA festgestellten Stellenzuwachs an der Humboldt Universität Berlin [6]. Es scheint stillschweigender Konsens zu sein, dass die Länder ihrer Zusage zur Schaffung der Stellen nicht im Rahmen des TT nachkommen werden (oder können) und stattdessen über anderweitige Haushaltssteigerungen eingerichtete Professuren nominal dem Aufwuchs aus dem TT-Programm zurechnen [8,9].

Darüber hinaus ist fraglich, wie Daten zur Stellenzunahme durch das TT-Programm deutschlandweit nachprüfbar erhoben werden sollen. Allein die Erfassung des Ist-Zustandes scheint aufgrund verschiedener Melde- und Erfassungssysteme zwischen Universitäten und Ländern nicht zweifelsfrei möglich. Eine Differenzierung des allein dem TT-Programm zuzurechnenden Aufwuchses ist allerdings wichtig, um die Nachhaltigkeit des TT-Programms zu gewährleisten, und damit auch der im Rahmen der Exzellenzinitiative (und weiterer Förderprogramme) in den letzten Jahren gestiegenen Zahl an qualifizierten Nachwuchswissenschaftler*innen Rechnung zu tragen. Die Erhebung der Professuren und deren Finanzierung im zeitlichen Verlauf kann hier ein erster Lösungsansatz sein.

Welchen Einfluss hat das Programm auf struktureller Ebene?

Weitere Ziele des Programms sind die Etablierung des TT-Verfahrens als dauerhaftes Alternativinstrument zu Habilitation und Nachwuchsgruppenleitung, sowie die Verbesserung der Chancengleichheit. Positive Schritte auf dieser strukturellen Ebene sind die Erstellung von Tenure-Track-Satzungen an den Universitäten und die Berücksichtigung von W1-Professuren in den Hochschulgesetzen. Durch die frühe Berufung (gemessen am akademischen Alter) wird jedoch die Bewertung der Kandidat*innen mehr von deren evidenter, wissenschaftlicher Leistung in Richtung Potenzialbewertung verschoben und damit subjektiver und abhängiger von Netzwerken. Dies birgt das Risiko einer verstärkten Chancenungleichheit: „Juniorprofessuren verschärfen daher die ohnehin ausgeprägte soziale Selektivität in wissenschaftlichen Karrieren […] deutlich“, legte kürzlich eine Studie der FH Dortmund dar. Diese zeigt, dass gerade bei den W1-Professuren Nachwuchswissenschaftler (besonders weibliche) strukturell benachteiligt sind, die aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau stammen [10].

Die Chancengleichheit im TT-Programm muss durch objektive Qualitätsstandards und transparente Berufungsverfahren gewährleistet werden. Eine verstärkte Etablierung der TT-Professur darf keine Verstärkung der Chancenungleichheit im Wissenschaftssystem zur Folge haben.

Fazit: Das TT-Programm setzt in seiner grundlegenden Idee ein richtiges und wichtiges Signal: Es schafft neue Lebenszeitprofessuren bei gleichzeitiger Etablierung des Tenure-Tracks als alternativem Karriereweg. Ein Teil der (insbesondere jüngeren, gut vernetzten) Nachwuchswissenschaftler*innen scheint damit auch tatsächlich eine planbarere Karriere vor sich zu haben. Bei anderen Teilen des Nachwuchses führt es jedoch zu Verunsicherung, v.a. aufgrund mangelnder Transparenz in den TT-Verfahren sowie der Interpretationsfreiheit der einzelnen Universitäten in der praktischen Umsetzung des Programms [8, 9]. In Anbetracht der Vielzahl noch auszuschreibender Professuren bleibt noch Zeit, die eigentlichen Ziele des Programms zu reflektieren und den benannten Risiken entgegenzuwirken. Dann hat das Programm die Chance, tatsächlich eine Verbesserung der Situation des gesamten wissenschaftlichen Nachwuchses zu bewirken.

Die Autorinnen danken den Mitgliedern der AG Hochschulpolitik für ihr konstruktives Feedback.

 

Quellen:

[1] https://www.bmbf.de/de/wissenschaftlicher-nachwuchs-144.html

[2] https://www.tenuretrack.de/de/assets/dateien/hinweise-auswahlgremium.pdf

[3] http://www.awk.nrw.de/fileadmin/redaktion/Publikationen/Stellungnahmen/Stellungnahme_JK_NWP_final_20180125.pdf

[4] https://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Papers/Verwaltungsvereinbarung-wissenschaftlicher-Nachwuchs-2016.pdf

[5] https://vdivde-it.de/auftrag/projekttraegerschaft-wissenschaftlicher-nachwuchs

[6] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/akademischer-mittelbau-eine-verlorene-generation-scheint-es-nicht-zu-geben-15911044.html

[7] Amtliche Hochschulpersonalstatistik, Stichtage 1.12.2013 bis 1.12.2017

[8] ‚Kein Automatismus‘, Forschung & Lehre, Ausgabe 12/18, 1060.

[9] https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2018/09/26/tenure_track_programm_stellen_fuer_wissenschaftlichen_dlf_20180926_1440_4313777e.mp3

[10] Christina Möller, „Diverse Professorenschaft? Intersektionale Erkenntnisse am Beispiel der Universitäten in Nordrhein-Westfalen“, CEWS Journal 114, 67-70 (2018).


[1] Vollständiger Name: Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina

[2] Das programmbegleitende Monitoring beginnt am 01.12.2014, die erste Bewilligungsrunde des TT-Programms war im September 2017.