AWK - Detailansicht Presse

Übersprungnavigation

Navigation

Inhalt

08.04.2020

Kunst ohne Publikum

„Heimarbeit 1“ und „Heimarbeit 2“ heißen zwei Werke von Marcel Odenbach. Sie wurden 2013 in der NRW-Akademie gezeigt und haben keinen Bezug zur Corona-Pandemie. Trotzdem regen die Titel der Papierarbeiten in der aktuellen Krise zum Nachdenken an. Wer kann, arbeitet in diesen Tagen zu Hause. Das öffentliche Leben steht still. Kunstausstellungen werden geschlossen oder erst gar nicht eröffnet. Was macht das mit den Künstlerinnen und Künstlern? Darüber haben wir mit unserem Akademie-Mitglied Marcel Odenbach gesprochen.

Der Künstler Marcel Odenbach ist seit 2010 Mitglied der NRW-Akademie. Photo: Julia Sellmann

Heimarbeit 1: (c) Photo: Vesko Gösel Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln

Heimarbeit 2: (c) Photo: Vesko Gösel Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln

Mehrere Monate arbeitet der Kölner Künstler Marcel Odenbach in der Regel an seinen Werken. Dabei handelt es sich um aufwendige Videoinstallationen und großformatige Collagen auf Papier. Jetzt werden seine Präsentationen reihenweise verschoben. Im Museum Ludwig in Köln sollte seine Arbeit in diesen Wochen gezeigt werden, genau wie im Kunstmuseum Bonn. Für die John Heartfield-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste hat Marcel Odenbach eine Mediencollage geschaffen. Die Ausstellung war bereits aufgebaut, doch dann konnte sie wegen der Corona-Pandemie nicht eröffnet werden. „Es ist alles verschoben und bestimmte Dinge lassen sich auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen. Das ist natürlich schade“, sagt der Videokünstler im Telefoninterview.

Marcel Odenbach betont aber auch, dass ihm in der aktuellen Krise vor allem die jungen Kolleginnen und Kollegen leid tun, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. „Für junge Künstler ist diese Situation existenziell“, findet der 67-Jährige. Er selbst muss sich nicht mehr beweisen. Marcel Odenbach macht seit fast 50 Jahren Kunst und gehört heute zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern Deutschlands.

Sonst ist er mit seiner Kunst in der ganzen Welt unterwegs

Was ihm persönlich in der aktuellen Situation zu schaffen macht, ist die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Für gewöhnlich gibt es in seinem Terminkalender nur wenige Lücken. Er ist für Monate im Voraus verplant und mit seiner Kunst in der ganzen Welt unterwegs. „Ich war noch nie länger als zwei Wochen am Stück in Köln“, gesteht er und ergänzt: „Eigentlich habe ich immer zwei gepackte Koffer in der Ecke stehen.“ Jetzt muss er viele Tickets stornieren.

Seine Kunst steht aber nicht still. Fast täglich fährt der Künstler mit dem Fahrrad in sein Kölner Atelier. Er arbeitet dort an Werken, die erst in einigen Monaten oder im nächsten Jahr gezeigt werden sollen. Ob diese Ausstellungen dann tatsächlich wie geplant stattfinden können, weiß Marcel Odenbach natürlich nicht. Aktuell kann noch niemand sagen, wie lange die Corona-Pandemie andauern und wie danach der Weg zurück in die Normalität aussehen wird. Möglicherweise schafft der Videokünstler also gerade Kunst, die niemals jemand sieht.

Zu den Werken „Heimarbeit 1“ und „Heimarbeit 2“:

Marcel Odenbach hat die Papierarbeiten für seine Ausstellung „Schutzräume“ geschaffen, die von September 2012 bis April 2013 in der Sammlung Friedrichshof im österreichischen Zurndorf zu sehen war. Thematisch stellen die Werke „Heimarbeit 1“ und „Heimarbeit 2“ eine Abrechnung mit dem Faschismus in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus dar. Offiziell war niemand Nazi und niemand hat etwas gewusst. Der Künstler lässt den Betrachter hinter die saubere Fassade beziehungsweise ins Innenfutter der dargestellten Lodenmäntel blicken. 2013 wurden die Arbeiten auch in der Ausstellung „Abgelegt“ in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste gezeigt.