AWK - Jochen Kreusel

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#Zeitzeugnis2020: Prof. Dr. Jochen Kreusel


Beobachtungen in der Corona-Krise

„Mit der pandemischen Ausbreitung von Covid-19 hat uns das Jahr 2020 eine wohl für alle neue Erfahrung beschert. Chronologisch stand am Anfang die eigene Annäherung an das Thema: Zunächst war da etwas Beunruhigendes, aber in weiter Ferne. Als Mitarbeiter eines Unternehmens, das sowohl in China als auch in den in Italien am stärksten betroffenen Regionen vertreten ist, habe ich zwar sehr früh selbst Vorsichtsmaßnahmen vertreten und auch selbst initiiert. Dennoch gehört zum vollständigen Bild, dass die ersten Überlegungen eher ein langsames Herantasten waren – es kann doch nicht so schlimm sein…


Die Menschen hörten auf Wissenschaftskommunikation

Ehrlicherweise sei ergänzt, dass es eine Weile gedauert hat, bis ich selbst konsequent Verhaltensweisen geändert habe. Ausschlaggebend dafür waren ganz wesentlich wissenschaftliche Darstellungen zum Ablauf der Pandemie und zum vorliegenden, teils widersprüchlichen Zahlenmaterial. Und das ging wohl nicht nur mir so, denn diese Beiträge wurden in den sozialen Medien vielfach geteilt – und plötzlich sprachen alle davon, die Ausbreitung verlangsamen zu müssen. #flattenthecurve wurde zum allgemein akzeptierten Ziel, und diese Einsicht trug sicherlich dazu bei, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland breit getragen wurden. Eine erste positive Erfahrung der Krise war ohne Zweifel, dass die Menschen auf Wissenschaftskommunikation hörten, auch auf komplexe und nicht leicht verdauliche. Für mich war der bisherige Höhepunkt dieser sehr ermutigenden Erfahrung die Aufnahme des YouTube-Videos der Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim Anfang April diesen Jahres. Zu dieser Zeit hatten wohl viele das Gefühl, die Beschränkungen des öffentlichen Lebens dauerten schon sehr lange (Es waren tatsächlich erst rund drei Wochen.) und es sei Zeit, die Rückkehr in die Normalität zu planen. Und dann kam dieses Video mit der Botschaft, wir stünden gerade erst am Anfang und es sei völlig müßig zu diskutieren, ob die Pandemie in der zweiten Jahreshälfte diesen Jahres oder doch erst Anfang 2021 zu Ende sei. Die Pandemie ende erst, wenn es einen Impfstoff gibt, und davon seien wir noch recht weit weg. Niemand hatte diese ebenso unbequeme wie klare Tatsache vorher ausgesprochen. Es gab aber keinen Aufschrei, sondern eine große, interessierte Aufmerksamkeit – und Frau Dr. Nguyen-Kim fand sich plötzlich in der Tagesschau wieder. Was können wir Wissenschaftler daraus lernen? Die Menschen sind sehr wohl daran interessiert, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, und sie sind auch bereit, Experten zu vertrauen – beides wird ja mitunter bestritten. Dies sollte uns allen als Ermutigung dienen, uns zu Wort zu melden – aber auch Verpflichtung sein!


Es gab Hilfsangebote und einen großen Zusammenhalt

Der zweite Teil der Erfahrungen war der Aufbruch in die Phase der Kontaktminimierung und des so noch nie dagewesenen Herunterfahrens eines ganzen Landes. Natürlich war die Situation beunruhigend und schwer vorstellbar. Entsprechend entwickelten sich düstere Krisenszenarien. Wenn man allerdings genauer hin schaute, sah man von Anfang an auch viel Positives. Zuerst fiel mir auf, dass die viel geschmähten sozialen Netzwerke – oder genauer, der Ton in ihnen – sich wandelte. Plötzlich gab es Hilfsangebote und einen großen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Vielleicht hätte man statt von sozialer Distanz besser von physischer Distanz sprechen sollen, denn der soziale Zusammenhalt nahm durchaus zu.

Die nächste Überraschung war der Ausbildungssektor bisher in Deutschland nicht gerade ein Vorreiter in der Digitalisierung. Entsprechend schwierig war die Ausgangssituation, aber dennoch gab es sehr schnell Lösungen. Schüler bekamen Aufgaben per E-Mail zur Verfügung gestellt und nach recht kurzer Zeit gab es Online-Sprechstunden. Ähnlich verlief die Entwicklung an den Universitäten und Hochschulen. Inzwischen habe ich bereits eine größere Reihe von Online-Prüfungen abgehalten, und an die Stelle der traditionellen Präsenzvorlesung ist eine Kombination aus Aufzeichnungen der letztjährigen Vorlesung und Online-Sprechstunden getreten. Vermutlich ist das noch nicht die ganz große Kunst der digitalisierten Lehre, aber höchstwahrscheinlich ist es nicht nur eine gute Lösung, die aktuelle Situation zu überbrücken, sondern eine Verbesserung der Lehrqualität.


In den kleinen Geschäften vor Ort gab es viel Kreativität

Ähnliches konnte man im Wirtschaftsleben beobachten – im Großen wie vor allem auch im Kleinen. Während Politiker noch über immer größere Zahlen sprachen, mit denen die Wirtschaft gerettet werden müsse, gab es vor allem in den kleinen Geschäften vor Ort viel Kreativität. Restaurants boten Essen zum Mitnehmen über soziale Medien an, kleine Geschäfte hatten plötzlich Online-Shops und Lieferservice etc… Und auch im Großen gingen plötzlich Dinge, die man noch vor wenigen Wochen kategorisch ausgeschlossen hatte. Große Verträge wurden per Online-Konferenz verhandelt und abgeschlossen, internationale Arbeitsgruppensitzungen lassen sich plötzlich viel einfacher realisieren, weil niemand mehr darauf bestehen kann, dass nur physische Präsenz den wahren Fortschritt bringt und vieles geht erstaunlich gut. Ich hoffe, all diesen guten Ansätze werden bei der Normalisierung nicht wieder zurück gedreht – also keine Rückkehr zur alten, sondern eine Hinwendung zu einer neuen Normalität.

Der dritte Teil der Eindrücke und bisherigen Erfahrungen betrifft die Wirtschaft und meine eigene fachliche Arbeit: Die Pandemie hat den Finger in die Wunde einer in den zurückliegenden Jahren doch recht einseitig gewachsenen, extremen globalen Arbeitsteilung und einer Vernachlässigung von Vorsorge und Resilienz gelegt. Die plötzlich unterbrochenen globalen Lieferketten haben uns das eindrucksvoll vor Augen geführt. Und die Krise hat uns die Bedeutung von Infrastrukturen gezeigt sei es ein funktionierendes Gesundheitswesen mit Notfallreserven oder eine robuste elektrische Energieversorgung in Kombination mit leistungsfähigen Telekommunikationsnetzen. Deutschland hat, das muss man wohl anerkennen, diese Bewährungsprobe bisher gut bestanden, aber wir wissen auch, dass sich unsere Einstellung gegenüber gesellschaftlichen Infrastrukturen in den zurückliegenden Jahren verändert hat. Gesundheitssektor, Energieversorgung und auch Telekommunikation sind ihrer Aufgabe noch gut gerecht geworden, aber wer in Köln oder in Mannheim versucht, den Rhein zu überqueren, weiß, dass der Trend auch bei uns seit langem in eine andere Richtung zeigt.


Krise bietet nicht nur Herausforderungen, sondern auch positive Beispiele

Wir sollten also, wenn unsere Köpfe wieder etwas freier sind, darüber nachdenken, was wir aus der Erfahrung dieser Krise im Hinblick auf Resilienz und Reaktionsfähigkeit lernen können und wo wir unser Verhalten vielleicht ändern sollten. Und dabei ist es sehr wichtig zu erkennen, dass diese Krise an entscheidender Stelle anders ist als andere in der Vergangenheit: Während zum Beispiel in der Finanzkrise vor gut zehn Jahren sozusagen überall Sand im Getriebe der Wirtschaft war, haben wir jetzt zwar eine allgegenwärtige Bedrohung, aber unterschiedliche Bereiche haben ganz unterschiedliche Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Auf der einen Seite gibt es Sektoren, deren Geschäft nicht nur eingebrochen ist, sondern faktisch ausradiert – Fluglinien, Reiseveranstalter oder das gesamte Veranstaltungswesen sind nur die offensichtlichsten Beispiele. Etwas Vergleichbares hat es in keiner Krise der jüngeren Vergangenheit gegeben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Bereiche, in denen schnelle Änderungen von Verhalten und Arbeitsweisen ermöglichten, sehr robust durch die Krise zu kommen. An der Stelle möchte ich noch einmal zum Ausbildungssektor zurück kommen: Ich bin zum Beispiel zuversichtlich, dass viele Schüler und Studenten keine wesentliche Verzögerung ihrer Ausbildung erleben müssen, wenn wir nur wollen.

Und da liegt die große Chance in dieser Krise: Wir können an vielen Stellen lernen, wie wir unsere Welt resilienter und flexibler machen – und damit robuster. Wie wohl jede Krise bietet auch diese nicht nur Herausforderungen und Probleme, sondern auch positive Beispiele – und gar nicht so wenige. Allerdings: Ebenso wie bei jeder anderen Krise werden wir den Schaden sicher haben, um die Wahrnehmung der Chancen und die Bewahrung des Gelernten werden wir uns dagegen aktiv kümmern müssen. Die Wissenschaft ist ohne Zweifel gefragt, ihren Beitrag dazu zu leisten.“

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