AWK - Katharina Kohse-Höinghaus

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#Zeitzeugnis2020: Prof.’ in Dr. Katharina Kohse-Höinghaus


Ein gefühlt ziemlich langer März

"Was kann ich Ihnen denn noch erzählen? Sie erleben diese Phase der COVID-19-Pandemie ja selbst und sind durch die Medien über alle Facetten bestens informiert. Doch die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und Künste bat um Berichte über persönliches Alltagserleben. Wollen Sie durch meine Brille auf die letzten Monate schauen? Ich warne Sie – es dauert ein bisschen, wie die Corona-Lage selbst.


Prolog

Jahresbeginn 2020. Noch plane ich Forschungs- und Vortragsreisen nach China im Rahmen meines Akademiestipendiums und gemeinsamer Forschungsprojekte. Ende Januar die offizielle Warnung meiner Gastuniversität: Besuch verschieben! Aber meine erste Reise war doch erst ab Mai geplant? Entscheidung vertagt auf Anfang März. Flüge nach China werden gestoppt, Fälle in verschiedenen Ländern kommen näher, ein Krisenstab tagt auch bei uns, Großveranstaltungen werden abgesagt.


1.-12. März

Du willst doch nicht etwa nach China? Freunde und Familie sind besorgt. Es macht wohl keinen Sinn, ich sage ab. Ich beginne die Nachrichtenticker zu verfolgen: Epidemie, Pandemie, Reisewarnungen. Bei einem internationalen Workshop mein vorerst letzter wissenschaftlicher Auftritt, die Tagung findet statt, mit Abstand und Vorsicht. Viele sind gekommen, andere dürfen nicht mehr reisen. Danach praktisch täglich Absagen: Vorträge und Tagungen fallen aus, werden verschoben, um ein halbes, ein ganzes Jahr. Ich hatte meine Präsentationen doch schon so gut vorbereitet! Im nächsten Jahr sind sie nicht mehr aktuell.


13.-16. März

Familiengeburtstag. Statt großer Feier sieben Gäste, die letzten Absagen noch am Tag selbst. Galgenhumor: die Reste könnten die Gastgeber über Wochen Quarantäne ernähren. Anreise in den Urlaub – eine Familienwoche in der Schweiz. Kürzer waren wir noch nie dort, kaum angekommen, wurden Grenzen und Einrichtungen geschlossen. Rückfahrt nach einer Nacht Aufenthalt.

Schulen und Kitas werden bis nach den Osterferien schließen. Sind Unis besser dran? Noch auf dem Rückweg Gefährdungsbeurteilung und Notfallplan für die Forschung besprochen. Die Anlagen herunterfahren, alle Hochvakuumsysteme unter Inertgas setzen und abschalten. Bis wann? Und habe ich alles dabei für Arbeit im Homeoffice?


17.-21. März

Weitreichende Änderungen: Kontaktbeschränkungen. Mein Arbeitsplatz in Bielefeld ist 180 km von meinem Wohnort entfernt. Zwar habe ich ein Zimmer nahe der Uni, aber nun richte ich mich zuhause ein, wie sonst am Wochenende. Mein Mann ist im klinischen Labor – Tests werden gebraucht, Schutzausrüstung fehlt allenthalben.

Chinesische Mitglieder unserer internationalen Fachgesellschaft, Profs und Studierende, spenden privates Geld für Schutzmasken für die fünf meist betroffenen Länder in Europa. Als ehemalige Präsidentin bin ich Kontaktperson. Wohin? Wer braucht diese am nötigsten? Über das Wochenende bringen wir die Aktion auf den Weg.

Wer kümmert sich um Einkäufe für unsere älteren Bekannten? Sind alle wohlauf? Organisation einer Chatgruppe. Freunde stecken in Neuseeland fest. Wir verfolgen ihre lange Zeit vergeblichen Versuche, nach Hause zu kommen. Oft wissen wir hier mehr als sie. Andere Freunde sitzen ungewollt noch in Deutschland. Wegen ihres ortsfremden Mietwagen-Kennzeichens wird die Polizei geholt: Was tun Fremde hier?

Ein Postdoc soll auf einem Projekt weiterbeschäftigt werden – sein Vertrag läuft in Kürze aus. Der Antrag wurde noch zu Uni-offenen Zeiten gestellt. Laufen die Verwaltungsprozesse reibungslos, wenn alle im Homeoffice sind? Wir warten mit Anspannung. Was passiert, wenn es nicht klappt?


22.-31. März

Die Homeoffice-Routine: Internetkonferenzen mit aller Welt, und mit der eigenen Arbeitsgruppe. Vorbereitung für digitale Prozesse im Sommersemester – wie hält man Prüfungen ab, wie sollen experimentelle Arbeiten und Laborpraktika stattfinden, wie läuft die Studierendenbetreuung, was braucht es an Vorbereitungen, Gerätschaften, ...? Nicht nur Toilettenpapier wird Mangelware, auch Webcams und Elektronikteile sind schwer zu bekommen. Internetqualität zuhause ist gelegentlich gewöhnungsbedürftig.

Wir werden die Familie so schnell nicht sehen können. Ich beginne eine Vorlesegeschichte für die jüngste Generation zu schreiben und per Email zu verschicken.

Einkäufe: nie zuvor habe ich Alltägliches im Internet bestellt, wir kaufen gern lokal. Viele unserer Läden liefern auch auf Bestellung per Fahrradkurier. Ich meide große Supermärkte, bekomme frische Lebensmittel noch bei einigen wenigen Geschäften, Markt ist geschlossen.

Board Meeting der internationalen Fachgesellschaft: der Weltkongress im Juli in Australien steht an. Digitale Sitzungen sind wir gewohnt, aber lange Diskussionen mit 25 Kolleg*innen in 17 Zeitzonen sind schwierig. Absagen oder nicht? Die Vorträge sind bereits wettbewerblich entschieden, auf Basis eines Auswahlverfahrens mit kompletten Manuskripten und mehr als 60% Ablehnungsquote. Soll man die Chance zum Vorstellen dieser Arbeiten und zu persönlichen Kontakten nehmen, gerade auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs? Wer trägt die Kosten? Verschieben? Wer wird in drei, sechs oder neun Monaten reisen dürfen? Wir verschieben auf Januar 2021.


Gefühlt 32.-76. März

Gleichförmige Tage. Datum und Wochentag verschwimmen. Das Leben spielt sich auf meinem Laptop-Bildschirm ab. Einerseits ist es zusammengeschrumpft auf diese paar Quadratzentimeter, andererseits kommt die Welt ins Wohnzimmer. Ich beginne den Computer zu hassen – und schätze ihn als unersetzliches Mittel zur Teilhabe an Wissenschaft und Forschung.

Wir schreiben fünf Veröffentlichungen, beraten dazu am Bildschirm, kontrollieren gemeinsam Auswertungen, Simulationen. Diskussionen mit Partnern und Arbeitsgruppen in Deutschland, Italien, Frankreich, England, Dänemark, China, USA, Singapur. Es geht erstaunlich gut. Zudem kommen Gutachten für einen großen Reviewartikel – positive Kritiken, aber lange Wunschlisten bezüglich zu ergänzender Details. Ich suche dazu Literatur. In die Bibliothek komme ich zum Glück auch von zuhause.

Internationale Berufungskommission per Internetkonferenz, wegen der unterschiedlichen Zeitzonen am Abend. Auf den Bildschirmen: kleine Kinder mit im Bild, nebenan Familienabendessen. Wir sind uns nicht einig und müssen nochmal auf Start zurück. Stimmungen und Bedenken einzufangen ist im persönlichen Kontakt einfacher.

Der Postdoc-Vertrag hat geklappt. Jedoch Schwierigkeiten für einen Stipendiaten – er muss sicher verlängern – und für ein Projekt. Wir können die geplanten Messungen am Synchrotron in China nicht durchführen. Auch auf andere Länder können wir nicht ausweichen. Messzeit gibt es auf weiteres nicht. Im eigenen Labor ist weiterhin auch Sendepause. Glücklicherweise sind DFG und Humboldt-Stiftung flexibel.

Ostern anders. Kirche auf der Couch ist gewöhnungsbedürftig. Sonst ist dies bei uns ein Familienfest. Nun schicken wir Pakete. Die Menschen im Altenheim sollen Blumen haben. Ich versuche dies zu organisieren. Mehr als 100 Tulpen bekomme ich nicht, alle in einer Farbe. Die Blumenlieferungen kommen nicht, und in den Niederlanden werden die Tulpen geschreddert. Europa ohne Grenzen hatte so gut funktioniert.

Maskenpflicht draußen wird kommen, aber es gibt wenig Angebot. Wiederbelebung von Großmutters mechanischer Nähmaschine. Ich habe keine Zeit, mich zwei Stunden am Handarbeitsladen anzustellen. Ausrangierte Bettücher tun es auch. Gummilitze ist Mangelware. Ich finde noch Reserve in Mutters nachgelassener Nähkiste.

Die chinesische Maskenspende unserer Fachgesellschaft ist in Berlin angekommen. Die Pakete beklebt mit den Flaggen und einem ins Englische übersetzten chinesischen Sprichwort "Though thousands of miles apart, bosom friends share one heart".

So lange waren wir in 28 Jahren nicht zusammen an einem Ort! Gemeinsames Frühstück, mein Mann dann viele Stunden in der Klinik, und abends sitzen wir beim Essen und diskutieren über Lehre, Gesundheitssystem, Weltereignisse.

Als Dankeschön für Hilfe erhalten wir ein Lebensmittelpaket von Bekannten, per Lieferdienst, zum ersten Mal. Riesenkiste, die Zutaten für eine Mahlzeit, alle einzeln verschweißt. Welche Müllmenge! Nett gemeint, schmeckt – aber das passt nicht zu uns.

Gutachtersitzungen national und international. Mal 69, mal 25 Anträge. Statt der üblichen Sitzung nun alles schriftlich. Entschieden werden kann nicht im Team, 1-2 Tage Internetkonferenz am Stück sind nicht machbar. Einige schwierige Fälle, bei denen man gern interdisziplinär diskutiert hätte. Drehbuch für die nächste internationale Institutsbegutachtung: Wie fängt man die Stimmung, den Enthusiasmus vor Ort, die Beiträge der jungen Leute ein?

Überall stöhnen Familien – Home Office in Kombination mit Kinderbetreuung und Schule zuhause kommt an die Grenzen. Ich biete den Editoren meiner Fachzeitschriften an, mehr Gutachten als üblich zu übernehmen. Vielleicht hilft es den Kolleg*innen mit Familie.

Mit Kollegen in USA, Frankreich, Japan und China starten wir ein Webinar – jede Woche samstags. Ich darf den Auftakt machen. Grob 300 Wissenschaftler*innen zugeschaltet, fast 40 Minuten Diskussion. Warum fiel uns das Format erst jetzt ein? Die Termine sind nun bis ins Frühjahr ausgebucht. Guter Ersatz für nicht stattfindende Fachtagungen.


15.-31. Mai

Es geht aufwärts. Für die Labore Hygienekonzept einreichen, Begehung der Arbeitsräume. Wir bekommen grünes Licht, alles in Ordnung. Wir werden die Anlagen aufwecken.

Friseurtermin. Selten so auf Haareschneiden gefreut.

Anfrage von Medizinphysikern: als Physikochemikerin könnte ich doch helfen bei Modellen für Tröpfchenverdampfung, Aerosolausbreitung? Wir diskutieren mehrfach.

Fragen von Studierenden: Was ist mit Auslandssemestern, Bewerbungen für Masterarbeiten oder Promotionen, Finanzierung? Geht es ab Wintersemester wohl wieder wie gewohnt in die Uni?

Die Feiertage – Himmelfahrt, Pfingsten. Wir können draußen sein. Eine internationale Webkonferenz von der Gartenbank. Die Kindergeschichte ist fertig, ich versuche mich an Illustrationen.

Wir bereiten das Messprogramm vor.


2.-3. Juni

Das Vakuum ist gut, die Massenspektrometer funktionieren noch, Kalibrierungen, Optimierungen beginnen. Noch etwa zwei Wochen trennen uns vom Zustand "vor Corona" – hoffentlich.


4. Juni

Das erste Mal zurück in der Uni. Paralleluniversum, Geisterstadt, verlassene Kulisse. Keine Studierenden, kein Lachen, keine Cafeteriaschlange, nur lange leere Gänge, zum Teil abgeklebt für Abstandhalten. Im Büro drehe ich drei Kalenderblätter um, Zeitsprung von März auf Juni. Insgesamt begegne ich an diesem Tag sechs Personen. Zwar haben wir uns online oft gesehen, aber wir freuen uns alle über den persönlichen Kontakt. Am Bielefelder Zuhause treffe ich auch meine Nachbarin, ihr Kommentar: "Ach, arbeiten Sie auch wieder?"


Epilog

Messung läuft. Halten Sie uns die Daumen für brauchbare Ergebnisse!"

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