AWK - Susanne Mohr

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#Zeitzeugnis2020: Dr. Susanne Mohr


Von Abschieden und Neuanfängen – eine (virtuelle) Reise

„In meiner Forschung befasse ich mich seit einigen Jahren mit dem Tourismus. Da mag es nicht verwundern, dass der Ausbruch der COVID19-Pandemie akademisch einiges für mich verändert hat. Plötzlich reiste niemand mehr, der Zug- und öffentliche Nahverkehr wurde eingeschränkt, Flugzeuge blieben am Boden. Noch dazu stellte mich das Reiseverbot in einer Zeit der Abschiede und Neuanfänge als Nachwuchswissenschaftlerin vor diverse Probleme. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, wie die von mir erforschten Reisenden es so oft tun, einige virtuelle Postkarten aus den letzten Monaten an die AWK zu schreiben.


Bayreuth, März 2020


Ich freue mich sehr, mein Fellowship am Exzellenzcluster „Africa Multiple“ der Universität Bayreuth angetreten zu haben. Den kommenden 5 Monaten schaue ich mit Spannung entgegen und freue mich, viele gleichgesinnte Kolleg*innen aus aller Welt kennenzulernen und Ideen auszutauschen. In der ersten Woche traf ich bereits einige nette Kollegen aus diversen Fachbereichen und freue mich auf den interdisziplinären Austausch.


Nach nur einer Woche kommt dieser Neuanfang jedoch zu einem jähen Ende, als die Universität die Arbeit aus dem Home Office empfiehlt. Ich mache mich auf in das heimische Büro in Köln und sehe die besagten Kolleg*innen von nun an nur noch virtuell in Zoom-Konferenzen.


Bei aller Niedergeschlagenheit wird mir in dieser Zeit jedoch bewusst, wie gut ich es noch getroffen habe: ich habe ein schönes Home Office, da ich ein Heim in Deutschland habe, das ich mit meinem Mann teile. Viele der ausländischen Kollegen stehen vor großen Schwierigkeiten durch nur temporär gemietete Zimmer, auslaufende Visa und die Trennung von ihren Familien. So nehme ich im Juni doch mit großer Dankbarkeit Abschied „aus“ Bayreuth und bleibe mit vielen neuen und liebgewonnen Kolleg*innen in Kontakt.


Bonn, Mai 2020


Seit Beginn der Pandemie war unklar, ob ich den letzten, wichtigen Schritt im Rahmen meines Habilitationsverfahrens, meine öffentliche Antrittsvorlesung, würde halten können. Der ursprünglich anvisierte Termin im April musste abgesagt werden, denn es wird geklärt, ob eine per Zoom gehaltene Antrittsvorlesung mit der Habilitationsordnung der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn vereinbar ist.


Dann geht es plötzlich ganz schnell: die Antrittsvorlesung wird genehmigt und ich kann sie aus dem Dekanatssaal in Bonn, allerdings per Zoom halten. Dies bedeutet einerseits, dass keine(r) meiner Kolleg*innen, Familie oder Freund*innen vor Ort sein dürfen; ich bin lediglich mit dem Herrn Dekan, einem Techniker und meinem Mann im Saal. Auch der unter normalen Umständen stattfindende Empfang fällt so natürlich aus. Gerade letzteres betrübt mich sehr, da alte Traditionen nicht begangen werden können. Doch vielleicht ist es einfach ein Zeitpunkt, neue zu schaffen: so hatten auf diese Weise Kolleg*innen aus dem Ausland, wie z.B. langjährige Kooperationspartner aus Tansania, die Möglichkeit, der Vorlesung beizuwohnen. Das freut mich natürlich sehr!


So geht für mich ein wichtiges Kapitel meiner akademischen Laufbahn zu Ende – für die Philosophische Fakultät der Universität Bonn beginnt so vielleicht ein neuer Abschnitt. Meine Antrittsvorlesung per Zoom war, wie der Herr Dekan in seinem Grußwort erwähnte, die erste ihrer Art und ich bin überzeugt, dass in Zukunft viele weitere virtuelle Veranstaltungen folgen werden.


Trondheim (Norwegen), August 2020


Dieses zuletzt gewählte Bild steht für so vieles: einen Abschied von Deutschland, vom Dasein als Nachwuchswissenschaftlerin, einen Anfang in Norwegen, als Professorin und ebenso einen Neuanfang für meine Forschung, die durch die Pandemie eine neue Ausrichtung erhalten hat.


Im Mai erhielt ich zwei so lang ersehnte Rufe, einen nach Deutschland und einen hierher, an die Norwegian University of Science and Technology. Natürlich beschäftigte mich der Gedanke, dass Reisen und ein Umzug über Ländergrenzen hinweg während einer Pandemie nicht leicht sein würden. Ich beschloss jedoch, eine so wichtige Entscheidung nicht von einer Situation, die sich hoffentlich in absehbarer Zeit wesentlich verbessern wird, beeinflussen zu lassen. Bisher habe ich es nicht bereut und die Kollegen am Institut geben sich große Mühe, mir den Start hier im Norden einfacher zu machen.


Deutschland und den Kolleg*innen dort bleibe ich natürlich trotzdem verbunden – durch die immensen Entwicklungen im digitalen Bereich wird das einfacher sein, als vor der Pandemie. Deshalb ist es kein Abschied, sondern eher ein „Auf Wiedersehen“ Deutschland und „ha det bra“."