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03.07.2013, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 546. Sitzung

Professor Dr. Peter Oestmann, Münster: "Gerichte als Gesetzgeber in der Frühen Neuzeit"

Professor Dr. Oestmann,

geb. 1967, studierte 1987-92 Rechtswissenschaft in Göttingen. Dort war er nach dem ersten Staatsexamen (Hannover 1992) Wissenschaftlicher Mitarbeiter und arbeitete an seiner Dissertation (Promotion 1995, Friedrich-Spee-Förderpreis). Im Anschluss an das Referendariat in Lübeck (zweites Staatsexamen in Hamburg 1997) wurde er Stipendiat des Graduiertenkollegs europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main. Hier habilitierte er sich 2002 für die Fächer Deutsche Rechtsgeschichte, Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht. 2003 erhielt er einen Lehrstuhl für Rechtsgeschichte und Privatrecht in Bern. Bereits 2004 wechselte er an die Universität Münster auf einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Deutsche Rechtsgeschichte. Dort blieb er trotz weiterer Rufe nach Kiel und Frankfurt am Main. Seit 2007 ist er Hauptantragsteller des Exzellenzclusters Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne. Oestmann beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte von Gerichtsbarkeit und Gerichtsverfahren im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Auch Fragen der Quellenerschließung und Editionsprobleme stehen im Zentrum seines Interesses.

2012 wurde er in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste aufgenommen. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, der Zeitschrift für Historische Forschung sowie der Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich.

Aus dem Inhalt des Vortrages

Gerichte als Gesetzgeber in der Frühen Neuzeit

Gerichte entscheiden nicht nur Rechtsstreitigkeiten. Sie sind in weitem Maße zugleich rechtssetzend tätig. Im modernen Recht entstehen auf diese Weise Spannungen zur bekannten Lehre von der Gewaltenteilung. Beim Blick in die Geschichte verschiebt sich dagegen das Problem. Über Jahrhunderte hinweg erließen Gerichte in zahlreichen europäischen Staaten sog. Gemeine Bescheide (Decreta communia) und entschieden darin wichtige Fragen des Prozessrechts sowie viele andere Bereiche. Besondere Bedeutung erlangten die Gemeinen Bescheide der obersten Gerichte des Alten Reiches. Die Gesetzgebung auf Reichsebene war schwerfällig, und daher regelten das Reichskammergericht und der Reichshofrat wesentliche Bereiche eigenständig. Im Rahmen eines weit vorangeschrittenen Editionsprojekts sind sämtliche Handschriften und zeitgenössischen Drucke inzwischen ausgewertet. Der Vortrag geht auf Schwie- rigkeiten der Quellenerschließung ein und beleuchtet vor allem die Inhalte der Bescheide. Insbesondere das unklare Verhältnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit wirft neues Licht auf die praktischen Schwierigkeiten des frühneuzeitlichen Gerichtsverfahrens. Unüberbrückbare Interessenkonflikte zwischen Anwälten und der Richterschaft machten aus den öffentlichen Audi- enzen einen ständigen Zankapfel. Durch die neu erschlossenen Quellen auf der Grenzlinie zwischen Gesetz und Urteil ist es möglich, die frühneuzeitliche Gerichtspraxis erheblich besser zu verstehen.