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04.12.2013, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 549. Sitzung

Professor Dr. Konrad Vössing, Bonn: "Die Vandalen – Zerstörer oder Erben des Imperium Romanum?"

Prof. Dr. Konrad Vössing

wurde 1959 in Berlin geboren. Nach einem Studium in Berlin (FU) und Bordeaux in den Fächern Geschichte, Latein und Griechisch legte er in Berlin die Magisterprüfung und das 1. Staatsexamen ab. 1984 wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich ‚Alte Geschichte’ am Berliner Friedrich-Meinecke-Institut und wechselte ein Jahr darauf an das Historische Institut der RWTH Aachen, wo er 1991 bei Prof. Dr. Hartmut Galsterer mit einer Arbeit über ‚Schule und Bildung im Nordafrika der römischen Kaiserzeit’ promoviert wurde. Nach einer Assistentenzeit in Aachen und Düsseldorf (Lehrstuhl Prof. Dr. Anthony R. Birley) wurde er dort 2001 im Fach Alte Geschichte habilitiert: ‚Mensa Regia – das Bankett beim hellenistischen König und beim römischen Kaiser’. 2005 erfolgten Rufe an die Universität Gießen und an die Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn, an der er seit dieser Zeit einen Lehrstuhl für Alte Geschichte innehat.

Seit 2010 leitet er von deutscher Seite aus das deutsch-französische Graduiertenkolleg ‚Masse und Integration in antiken Gesellschaften‘. 2011 wurde er mit dem Prix scientifique franco-allemand Gay-Lussac-Humboldt ausgezeichnet, 2012 mit dem Lehrpreis der Universität Bonn. Seit 2012 ist er Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf. Im Sommer 2013 ist er professeur invité sur chair d’Etat am College de France. Seine Forschungsschwerpunkte sind die antike Kulturgeschichte (insbesondere das Bildungs- und Erziehungswesen, die Bankett- und Esskultur sowie Tracht und Habitus), die römische Herrscherrepräsentation, das antike Nordafrika und die Geschichte der Germanen im römischen Reich.

Aus dem Inhalt des Vortrages

Die Vandalen – Zerstörer oder Erben des Imperium Romanum?

In früheren Zeiten hätte man mit der Antwort auf diese Frage nicht lange gezögert: natürlich waren die Vandalen, die dem Römischen Reich im Jahre 429 n.Chr. sein lebenswichtiges afrikanisches Provinzialgebiet entrissen, Zerstörer der antiken Welt und seiner Kultur. In der aktuellen Forschung wird diese Wertung jedoch infrage gestellt, da sie nur auf verzerrten Darstellungen der unmittelbar Betroffenen und der Verlierer basiere. Tatsächlich habe die byzantinische Wiedereroberung ein sich durchaus noch als ‚römisch’ verstehendes Königreich zerstört; die Vandalen seien nicht nur machtpolitisch genau den Spuren des spätantiken Vorgängers gefolgt, sondern auch kulturell, ja sie seien der einheimischen Stammesbevölkerung Nordafrikas (den ‚Mauren’) gegenüber geradezu eine Bastion der Romanitas gewesen.

Diese neueren Ansätze kritisch zu prüfen und wichtige Charakteristika des regnum Vandalorum vor diesem Hintergrund neu zu betrachten, lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. Tatsächlich können die wichtigen Themen der Vandalengeschichte nur verstanden werden, wenn man die jeweilige Mischung von Momenten der Kontinuität und des Bruches ins Auge fasst. Dies gilt für die Landnahme und die Religionspolitik ebenso wie für die militärische Situation. Ganz entscheidend ist diese Frage für die Suche nach der ‚Identität’ der neuen Herren Afrikas: wie vandalisch oder germanisch waren die Vandalen überhaupt? Auch für das Problem ihrer Legitimität liegt hier der Schlüssel, wobei genau zwischen den Perspektiven des Westens (Ravenna) und des Ostens (Konstantinopel) unterschieden werden muss. Schließlich hängt auch die Beurteilung des Untergangs der Vandalen (533/534 n.Chr.) eng damit zusammen, wie wir ihre einhundertjährige Herrschaft verstehen. Auffällig ist jedenfalls, wie stark am Ende militärisches Renommee und tatsächliches Vermögen auseinanderklafften.