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05.03.2014, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 552. Sitzung

Professor Dr. Thomas Bauer, Münster: "Liebe in den Zeiten der Kreuzzüge - Erotik vs. Heroismus in einem Gedicht von Ibn Munīr at-Tarābulusī (1081-1153)"

Professor Dr. Thomas Bauer

1980 – 1987: Studium der Islamwissenschaft, der Semitischen Philologie und der Germanistischen Linguistik an der Universität Erlangen. Magisterarbeit: „Das Pflanzenbuch des Abū Ḥanīfa ad-Dīnawarī“
1989: Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit „Altarabische Dichtkunst. Eine Untersuchung ihrer Struktur und Entwicklung am Beispiel der Onagerepisode“
1990 – 1991: Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Heidelberg
1997: Ernennung zum Dr. phil. habil. Habilitationsthema: „Liebe und Liebesdichtung in der Abbasidenzeit. Eine literatur- und mentalitätsgeschichtliche Studie des arabischen Ġazal im 9. und 10. Jahrhundert“. Habilitationsvortrag zum Thema „Wie dogmatisch ist das islamische Recht?“
seit 2000: Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der WWU Münster.
2002 – 2006: Gründungsdirektor des Centrums für Religiöse Studien an der WWU Münster
2006 – 2007: Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Projekt: „Die Kultur der Ambiguität“
seit 2007: Mitglied des Vorstands des Excellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne“.
2013: Leibniz-Preis

Aus dem Inhalt des Vortrages
Liebe in den Zeiten der Kreuzzüge - Erotik vs. Heroismus in einem Gedicht von Ibn Munīr at-Tarābulusī (1081-1153)

Ibn Munīr wurde 1081 in Tripolis (daher der Beiname at-Tarābulusī „der Tripolitaner“) geboren. Im Alter von 28 Jahren flieht er aus seiner von den Kreuzfahrern unter Bertrand von Toulouse eroberten Heimatstadt. In den folgenden Jahren führt er ein oft abenteuerliches Wanderleben, das ihn – sei es wegen seiner bösen Zunge oder seiner schiitischen Gesinnung – mehrfach ins Gefängnis und an den Rand des Todes bringt, ehe er als Lobdichter Imādaddīn Zangīs und seines Sohnes Nūraddīn Zangī den Zenit seines Schaffens erreicht. 1153 stirbt er in Aleppo, ein Jahr bevor Nūraddīn Damaskus erobert.
Die arabische Literatur der Kreuzzugszeit hat bislang wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die beiden wichtigsten, durch innige Hassliebe miteinander verbundenen Dichter der Atabeg-Zeit, Ibn Munīr und Ibn al-Qaysarānī (1085-1153), sind noch nie Gegenstand ausführlicherer wissenschaftlicher Arbeiten geworden, wie überhaupt die arabische Literatur der Zeit nach dem 10. Jhd. lange unter dem Vorurteil eines vermeintlichen Niedergangs der islamischen Welt nach der abbasidenzeitlichen Blüte im 9. Jhd. kaum Beachtung fand.
Ibn Munīr ist als Dichter der Zangiden in erster Linie ein poetischer Chronist ihrer Feldzüge. Seinen Nachruhm verdankt er aber vor allem seinen erotischen Dichtungen. Eine davon, ein Liebesgedicht auf einen türkischen Militärsklaven, soll als Beispiel für die „Kultur der Ambiguität“ des nachformativen Islams vorgestellt werden. Der Geliebte, der vor allem mit Metaphern aus dem militärischen Bereich beschrieben wird, sieht zwar umwerfend aus, erweist sich aber als Langweiler, der sich nur für Sport interessiert und für höhere geistige Bestrebungen unempfänglich ist. Das Gedicht, ein rhetorisches Feuerwerk, vereint Ernst und Scherz und kontrastiert Erotik und Heroismus auf eine Weise, die an das Renaissance-Motiv „Mars und Venus“ erinnert.