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02.04.2014, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 553. Sitzung

Prof. Dr. Rainer Stichel, Münster: "Die vatikanische Weltgerichtstafel"

Prof. Dr. Rainer Stichel
Geboren 1942 in Berlin, war nach dem Studium der Byzantinistik, Slavistik und Klassischen Philologie an der Freien Universität Berlin, in Heidelberg und Paris seit 1971 Mitarbeiter des christlichen Archäologen Friedrich Wilhelm Deichmann am Deutschen Archäologischen Institut in Rom, danach Referent an der Bibliotheca Hertziana, dem kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Rom. Nach neunjähriger Tätigkeit in Rom habilitierte er sich 1981 an der Universität zu Köln für das Fach Byzantinistik. Seit 1984 Heisenberg-Stipendiat, folgte er 1985 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Byzantinistik an der Universität Münster, den er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 2007 innehatte. Für das Akademische Jahr 1987/88 lud die Harvard-Universität ihn als Senior Research Associate an ihr byzantinistisches Studienzentrum Dumbarton Oaks in Washington ein. 1994 und 1997 lehrte er als Directeur d’études invité an der École Pratique des Hautes Études (Sorbonne) in Paris. Er ist Ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Redaktionskollegiums des "Wörterbuchs der russischen Sprache des 11.-17. Jahrhunderts", das vom Institut für russische Sprache (Moskau) der Russischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird.

Hauptarbeitsgebiete: Forschungen zu den Wechselbeziehungen zwischen byzantinischer Literatur und Kunst; zum Nachleben der jüdischen Literatur der hellenistischen Zeit in der byzantinischen Welt; zur Bedeutung der byzantinischen Kultur für die orthodoxen Slaven.

Aus dem Inhalt des Vortrages

Die vatikanische Weltgerichtstafel

Unter den mittelalterlichen Bildern der Pinacoteca Vaticana fällt besonders ein Tafelbild mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts in die Augen. Es hat die Gestalt eines Kreises, der auf einem rechteckigen Sockelteil ruht; in der Höhe misst es fast drei Meter, zweieinhalb Meter in der Breite. Inschriften nennen die Namen der beiden Maler Nicolaus und Iohannes und diejenigen von zwei Stifterinnen. Die Datierung des Bildes schwankte zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Heute scheint die Ansicht, dass es in der Zeit zwischen 1061 und 1071, unter dem Einfluss der Gregorianischen Reform geschaffen worden sei, weitgehend Zustimmung gefunden zu haben.
Der Vortrag wird verdeutlichen, dass die ungewöhnliche Gestalt des Tafelbildes auf die Gestalt von Initialminiaturen mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts in liturgischen Handschriften zurückgeht. Die Tatsache, dass diese Initialminiaturen ihrerseits eine längere Entwicklung durchlaufen haben, bietet einen Anhaltspunkt zur Datierung des vatikanischen Tafelbildes. Dass der Bildtyp bis in das 15. Jahrhundert verbreitet war, kann daraus geschlossen werden, dass der Maler einer russischen Ikone des 16. Jahrhunderts die Gestalt und den Inhalt der Tafel aufgenommen und weiterverarbeitet hat. Damit ergeben sich auch Folgerungen über den Umkreis, in dem Bilder wie die vatikanische Weltgerichtstafel geschaffen wurden und welchem Zweck solche Bilder dienen sollten.