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09.07.2014, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 555. Sitzung

Prof. Dr. Gerrit Walther, Wuppertal: "Kannte das Achtzehnte Jahrhundert eine 'europäische Identität'?"

Prof. Dr. Gerrit Walther
Jg. 1959, promoviert und habilitiert in Frankfurt a. M., ist seit 2002 Professor für Neuere Geschichte mit einem Schwerpunkt in der Frühen Neuzeit an der Bergischen Universität Wuppertal, seit 2005 Mitglied im Komitee des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Renaissanceforschung und des Herausgebergremiums der „Historischen Zeitschrift“, seit 2006 Ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, seit 2012 Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Präsident der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2008 leitet er als Dekan den Fachbereich Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universität.

Aus dem Inhalt des Vortrages

Kannte das Achtzehnte Jahrhundert eine "europäische Identität"?

Die Errungenschaften der Aufklärung gehören ebenso zum Kernbestand des modernen westlichen Selbstverständnisses wie die Idee einer verbindenden und verpflichtenden, Grenzen überwindenden europäischen Identität. Beide entstanden im 18. Jahrhundert. Während Intellektuelle eine empirisch verfahrene Vernunft als Medium der Emanzipation elaborierten, etablierten sich europäische Staaten – nicht nur europäische Handelsgesellschaften – als Führungsmächte in Übersee. Großbritannien gewann die Vorherrschaft in Indien und begann – spätestens seit den 1780er Jahren – mit dem Aufbau eines Kolonialreichs. Das russische Zarenreich integrierte das gesamte nördliche Asien in sein staatliches System und zeigte zugleich offensive Präsenz in Europa. Ab 1776 entstand auf nichteuropäischem Boden ein moderner westlicher Staat, der die Ideen der Aufklärung zugleich einlöste, überbot und in Frage stellte.

Der Vortrag fragt nach dem Zusammenhang beider Prozesse. Führten der Erfolg der Aufklärung und die weltweite Expansion europäischer Staatlichkeit und Kultur dazu, daß die Zeitgenossen – also Politiker, Intellektuelle und Ökonomen des 18. Jahrhunderts – beide miteinander assoziierten? Sahen oder postulierten sie eine Verbindung zwischen Aufklärung und einer von deren Werten geprägten, normativen „Europa“-Idee kannten, die der heutigen vergleichbar war und Verbindlichkeit für ihr Wertesystem und ihr Handeln gewann? Oder führten das Auftreten neuer Akteure in Europa (wie eben Russlands) und aufgeklärte Ideale wie Weltbürgertums und Toleranz eher zu einer Krise „europäischer“ Selbstverständnisse? Interessierten sich Aufklärer überhaupt für „Europa“?