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04.03.2015, 14:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 561. Sitzung

Dr. Susanne Paulus, Münster (Mitglied des Jungen Kollegs): Aus dem Rechts- und Wirtschaftsleben einiger Babylonier (13. Jh. v. Chr.); Prof. Dr. Günther Jakobs, Bonn: Nötigung

Aus dem Rechts- und Wirtschaftsleben einiger Babylonier (13. Jh. v. Chr.)
Dr. Susanne Paulus, Münster (Mitglied des Jungen Kollegs)

Über die Lebensbedingungen einfacher Menschen in Mesopotamien vor 3000 Jahren ist wenig bekannt. Jedoch herrschen (auch im wissenschaftlichen) Diskurs Meinungen vor, wie sie unlängst in einer Publikation zur hier untersuchten mittelbabylonischen Zeit (1500-1150 v. Chr.) zu lesen waren: Die Arbeitskräfte wurden ausgebeutet, schlecht versorgt und starben in jungen Jahren. Frauen bekamen früh viele Kinder, die wiederum keine guten Überlebensaussichten hatten. Da diese Menschen arm waren, hatte ihr Rechts- und Wirtschaftsleben keine große Komplexität.
In diesem Beitrag werden die bekannten Thesen an Hand ausgewählter Beispiele aus den Städten Ur und Nippur kritisch überprüft. Dazu werden bislang wenig bekannte Quellen wie Rationenlisten aber auch Rechtsurkunden aus Privatarchiven unter Anwendung traditioneller und innovativer Methoden ausgewertet. Aus der Rekonstruktion des Lebens einiger Babylonier werden dann Möglichkeiten und Grenzen für weitere Forschung ersichtlich.

Dr. Susanne Paulus ist seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Altorientalische Philologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie hat Altorientalische Philologie, Vorderasiatische Altertumskunde, Ägyptologie und Angewandte Kulturwissenschaften studiert. Seit 2013 ist sie Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.
Promoviert wurde sie 2011 mit einer Arbeit zu den babylonischen Kudurrus des 2.-1. Jt. v. Chr., einer Inschriftengattung an der Schnittstelle zwischen juristischen und literarischen Texten. Ihr momentaner Forschungsschwerpunkt liegt auf der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Kassitenzeit. Sie publiziert bislang unerschlossene Archivtexte aus den babylonischen Städten des 2. Jt. v. Chr. und untersucht dabei Netzwerke und Lebensbedingungen der Menschen. Als Habilitationsprojekt entsteht daraus eine komplexe Rechtsgeschichte der Kassitenzeit, die erstmals alle Rechtsinstitute und -bereiche tiefgehend untersucht und dadurch für ein besseres Verständnis der Entwicklung des Rechts in vorantiker Zeit sorgen soll. Daneben interessiert sie sich für literarische Texte in sumerischer Sprache (frühes 2. Jt. v. Chr.) und arbeitet aktuell an einer allgemeinverständlichen Übersetzung der Sumerischen Georgica, einem der wichtigsten und schwierigsten Texte zur mesopotamischen Landwirtschaft.

Nötigung
Prof. Dr. Günther Jakobs, Bonn

Beim Grundfall der Nötigung lässt sich das unrechte Verhalten vom (noch) sozialadäquaten, alltäglich zu duldenden Zwang nur schwer scheiden (bei Spezialfällen, etwa beim Raub, fällt die Scheidung leichter). Seitdem der Grundfall vor etwa 200 Jahren erstmals strafrechtlich erfasst wird, gibt es zahlreiche Versuche, den Verlauf der Grenze zu verdeutlichen, hauptsächlich durch eine Beschränkung der Nötigungsmittel: Gewalt und Drohung. Die Gewalt wurde ursprünglich als körperlich aggressives Vorgehen verstanden, was allerdings im Lauf der Zeit wegen der bei einem Delikt gegen die Person nahezu grenzenlosen funktionalen Äquivalente (Einsperren, Wegnahme von Körperersatzteilen wie Krücken oder auch Brillen) immer mehr verwässert wurde, dies teils mit interpretatorischen Bemühungen, die das Groteske streifen. Der Gegenstand einer Drohung wurde zunächst auf ein Verbrechen oder Vergehen verengt, aber es zeigte sich bald, zumal bei der Nötigung als Erpressung, dass die Ankündigung, ein (seinerseits strafbares oder sonst peinliches) Verhalten des Opfers (etwa einen „Seitensprung“) zu offenbaren, nicht weniger effektiv wirken kann als diejenige einer Tracht Prügel. Diese und ähnliche Konfusionen bestehen bis heute.
Im Vortrag wird dargelegt, dass unter dem Namen der Nötigung zwei verschiedene Deliktstypen zusammengefasst werden, deren Trennung in eine freiheitsverletzende Nötigung und eine wucherische Nötigung den Weg zu einer Lösung ebnet. Dabei erweist sich die freiheitsverletzende Nötigung als Delikt gegen die Person im strengen Sinn, während die wucherische Nötigung an der Grenze zwischen Rechtlichkeit und Sittlichkeit liegt und die Person nur im Reflex schützt.

Professor Dr. Günther Jakobs, Jg. 1937. Studium der Rechtswissenschaft in Köln, Kiel und Bonn; beide Staatsexamina in Nordrhein-Westfalen. Promotion 1967 in Bonn; Habilitation 1971 ebendort. 1971 Wissenschaftlicher Rat und Professor in Bochum; 1972 Ordinarius für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie in Kiel, 1976 in Regensburg, 1986 in Bonn, dort Direktor des Rechtsphilosophischen Seminars und Mitdirektor des Strafrechtlichen Instituts. Emeritierung 2002.
Hauptarbeitsgebiete: Strafrechtliche Grundlagenprobleme und strafrechtliche Systembildung aus dogmatischer und rechtsphilosophischer Sicht.
Ord. Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste (1991); korr. Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1997); korr. Mitglied der Academia Chilena de Ciencias Sociales, Politicas y Morales (2013). – Dr. h. c. mult.; Prof. hon. mult.