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25.03.2015, 15:30 Uhr

Klasse für Naturwissenschaften und Medizin, 565. Sitzung

Prof. Dr. Martin Melles, Köln: Das Elgygytgyn-Tiefbohrprojekt: 3,6 Millionen Jahre Klimageschichte der Arktis; Prof. 'in Dr. Tanja Fehm, Düsseldorf: Tumorzelldissemination - Chancen, Konsequenzen und Herausforderungen für die systemische Therapie des Mammakarzinoms

Das Elgygytgyn-Tiefbohrprojekt: 3,6 Millionen Jahre Klimageschichte der Arktis
Prof. Dr. Martin Melles, Köln

In den Jahren 2008 und 2009 wurden am Elgygytgyn-See in der russischen Arktis die bisher aufwändigsten und logistisch schwierigsten Forschungsbohrungen des Internationalen Tiefbohrprogramms (International Continental Scientific Drilling Program, ICDP) durchgeführt. Die Analyse der dabei gewonnenen Seesediment-Bohrkerne an Forschungslaboren in Deutschland, in den USA und in Russland hat überraschende neue Erkenntnisse zur Klimageschichte der Arktis im Verlauf der letzten 3,6 Millionen Jahre geliefert, die unter anderem 2012 und 2013 in Veröffentlichungen der Zeitschrift „Science“ vorgestellt wurden.
Der Vortrag gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil wird zunächst die Rolle der Arktis im globalen Klimasystem angerissen, ehe die Bedeutung der Sedimentabfolge am Grund des Elgygytgyn-Sees als besonders sensitives, außergewöhnlich weit in die Vergangenheit reichendes Klimaarchiv erläutert wird. Der zweite Teil beginnt mit einem kurzen Abriss der seit 1998 durchgeführten Voruntersuchungen am Elgygytgyn-See, welche die nationalen und internationalen Geldgeber vom großen Potential der Tiefbohrungen überzeugt haben. Anschließend wird der Verlauf der Tiefbohrkampagne vorgestellt, die sich über insgesamt zwei Jahre erstreckt hat, mit Bohrungen von der Eisdecke des Elgygytgyn-Sees im Winter 2008/09. Im dritten Teil des Vortrags werden schließlich ausgewählte Ergebnisse präsentiert, wie sie sich aus der multidisziplinären geowissenschaftlichen Analyse der 318 m langen Seesedimentabfolge ableiten ließen. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Nachweis von unregelmäßig auftretenden, äußerst warmen und feuchten Interglazialen (sog. „Super-Interglazialen“) im Verlauf des Quartärs (seit 2,6 Millionen Jahren), die offensichtlich im ursächlichen Zusammenhang mit großen Veränderungen im Eisvolumen der Antarktis stehen.

Professor Dr. Martin Melles ist in Bremen geboren. Er studierte Geologie und Paläontologie an der Universität Göttingen. Seine Diplomarbeit im Jahr 1987 behandelte die Vereisungsgeschichte des Weddellmeeres in der Antarktis. Sie wurde in Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven durchgeführt und basierte auf der Analyse von kurzen Sedimentkernen vom Kontinentalschelf. Diese Untersuchungen dehnte M. Melles im Rahmen seiner Promotion am AWI und an der Universität Bremen bis 1990 auf den angrenzenden Kontinentalhang aus und ergänzte sie um paläoozeanographische Fragestellungen.
Nach der Promotion und einer kurzfristigen Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am AWI Bremerhaven wechselte M. Melles 1991 auf eine Dauerstelle an die neu gegründete Forschungsstelle Potsdam des AWI. Dort baute er eine Arbeitsgruppe auf, die sich auf die Nutzung von Seesedimenten als Archiv der Klima- und Umweltgeschichte in den Polargebieten konzentrierte, mit Projektarbeiten in der Antarktis, in Grönland und in der russischen Arktis. Im Jahr 2000 nahm M. Melles einen Ruf auf eine Professur für Geologie an die Universität Leipzig an, und im Jahr 2006 wechselte er weiter auf eine Professur an die Universität zu Köln. In Leipzig und Köln setzte M. Melles seine Seesediment-Arbeiten in den Polargebieten fort und dehnte sie auf Forschungsprojekte in gemäßigteren Breiten aus. In den letzten Jahren erforscht er zudem die Auswirkungen von Klima- und Umweltveränderungen in der geologischen Vergangenheit auf die Entwicklungsgeschichte des Menschen.

Tumorzelldissemination - Chancen, Konsequenzen und Herausforderungen für die systemische Therapie des Mammakarzinoms
Prof. 'in Dr. Tanja Fehm, Düsseldorf

Das Mammakarzinom wird als systemische Erkrankung verstanden. Basierend auf tierexperimentellen Studien streut der Primärtumor bereits zum frühesten Zeitpunkt der Erkrankung Tumorzellen in die Blutzirkulation. Tumorzellen, die im Blut detektiert werden, bezeichnet man als „zirkulierende Tumorzellen (ZTZ)". Werden Tumorzellen im Knochenmark nachgewiesen, so bezeichnet man diese als „disseminierte Tumorzellen (DTZ)". Der Nachweis einer Tumorzelldissemination gilt als potentieller Surrogatmarker einer späteren Fernmetastasierung. Da bis dato adjuvante Therapiekonzepte nur basierend auf dem Phänotyp des Primärtumors entwickelt worden sind, könnte dies eine Erklärung für das Therapieversagen in der (neo-)adjuvanten Situation sein.
Die klinische Bedeutung von ZTZ/DTZ wurde mittlerweile in zahlreichen Studien untersucht. Es konnte demonstriert werden, dass der Nachweis sowie die Persistenz nach erfolgter Chemotherapie von DTZ/ZTZ mit einer signifikant schlechteren Prognose assoziiert ist. Im Rahmen von Neoadjuvanzstudien zeigte sich, dass Mammakarzinome und disseminierte Tumorzellen auf die primäre Systemtherapie unterschiedlich ansprechen und somit eine unterschiedliche Tumorbiologie aufweisen. Entsprechend ist nicht nur ihr Nachweis, sondern auch die Charakterisierung  bedeutsam, um innovative Therapiekonzepten, die eine Eliminierung ermöglichen, zu entwickeln. Mögliche therapeutische Strategien sind e.g. zielgerichtete Therapien.
Auch in der metastasierten Situation können ZTZ zur Therapieoptimierung beitragen, da hier der Phänotyp der ZTZ den Phänotyp der Metastasen widerspiegelt und somit die Reevaluierung von therapierelevanten Markern ermöglicht ("Real-time biopsy"). Der Phänotyp kann sich für einzelne Marker bis zu 40% im Verlauf der Erkrankung ändern. Im Rahmen des Vortrages soll das Phänomen der Tumorzelldissemination vorgestellt und seine Bedeutung für die systemische Behandlung des Mammakarzinoms diskutiert werden.

Professorin Dr. Tanja Fehm
 wurde 1971 in Nürnberg geboren. Von 1991 bis 1997 studierte sie Humanmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Dort erfolgte 1998 auch die Promotion über CA-15-3 beim Mammakarzinom. Zunächst begann sie an der Universitätsfrauenklinik Erlangen ihre Assistenzarztausbildung, die sie von 1999 bis 2001 auf Grund eines DFG-Stipendiums am Cancer Immunobiology Center in Dallas (USA) unterbrach. Dort wurde sie auf Grund ihrer wissenschaftlichen Leistungen 2001 zum Adjunct Assistant Professor ernannt. 2002 wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universitätsfrauenklinik Tübingen. 2005 erfolgten die Anerkennung als Fachärztin für Gynäkologie sowie die Habilitation aus der Brustkrebsforschung („Bedeutung der Genotypisierung für den Malignitätsnachweis zirkulierender epithelialer Zellen bei Mammakarzinompatientinnen“) bei Prof. Dr. Diethelm Wallwiener in Tübingen. 2007 wurde Tanja Fehm der Titel „außerordentliche Professorin“ verliehen. 2013 erhielt sie den Ruf für eine W3-Professur "Gynäkologie und Geburtshilfe“ sowohl an die Universität Düsseldorf als auch Würzburg. Seit 2013 ist sie die Direktorin der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf.
Tanja Fehm ist Mitglied in nationalen und internationalen Fachgesellschaften (e.g. AGO, ESGO, DGGG, ASCO) und erhielt in Deutschland und den USA zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Tumorbiologie des Mammakarzinoms sowie die Erforschung der minimalen Resterkrankung. Zuletzt wurde sie 2014 mit dem Gunther-Bastert-Innovationspreis für ihre wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der zirkulierenden Tumorzellen ausgezeichnet.