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10.02.2016, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 568. Sitzung

Prof. Dr. Rainer Stichel, Münster: Der Reliquienkult im Kampf der Kirchen von Rom und Konstantinopel um den Vorrang, oder: Wie russisch ist die Krim?

In einer Rede am 4. Dezember 2014 führte der russische Präsident V. V. Putin aus, auf der Krim befinde sich »die geistige Quelle der Herausbildung der vielgestaltigen, aber monolithischen russischen Nation.« Denn dort »empfing der Fürst Vladimir die Taufe, und danach taufte er auch die ganze Rus’.« In dem Vortrag soll ein anderes Bild von der geschichtlichen Bedeutung der Krim im 9. Jahrhundert entworfen werden. Im Jahre 861 überführte der von Konstantinopel ausgesandte Missionar Konstantinos/Kyrillos die Gebeine des hl. Papstes Clemens von dem Ort seines Martyriums auf der Krim nach Rom, wo sie in der ihm geweihten Kirche (San Clemente) beigesetzt wurden. Als angeblicher Nachfolger des hl. Petrus, der den Primat des römischen Bischofs bezeuge, nahm Clemens in dem Geflecht der successio apostolica eine bedeutende Stellung ein, und seit der Translation der Clemens-Reliquien nach Rom propagierte die Kirche von Rom, um ihren Vorrang zu festigen, den Clemens-Kult in ganz Europa bis nach Skandinavien und bis nach Kiev unter Einbeziehung der Krim. Demgegenüber wird die Kirche von Konstantinopel andere Erinnerungsstücke der Heiligen Geschichte ins Feld führen – und auf dem Gebiet der alten Rus’ den römischen Anspruch schließlich verdrängen. Die Erforschung dieser Zusammenhänge führt zu einem differenzierteren Bild, als Präsident Putin es in seiner Rede vorgestellt hat.

Prof. Dr. Rainer Stichel, geboren 1942 in Berlin, war nach dem Studium der Byzantinistik, Slavistik und Klassischen Philologie an der Freien Universität Berlin, in Heidelberg und Paris seit 1971 Mitarbeiter des christlichen Archäologen Friedrich Wilhelm Deichmann am Deutschen Archäologischen Institut in Rom, danach Referent an der Bibliotheca Hertziana, dem kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Rom. Nach neunjähriger Tätigkeit in Rom habilitierte er sich 1981 an der Universität zu Köln für das Fach Byzantinistik. Seit 1984 Heisenberg-Stipendiat, folgte er 1985 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Byzantinistik an der Universität Münster, den er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 2007 innehatte. Für das Akademische Jahr 1987/88 lud die Harvard-Universität ihn als Senior Research Associate an ihr byzantinistisches Studienzentrum Dumbarton Oaks in Washington ein. 1994 und 1997 lehrte er als Directeur d’études invité an der École Pratique des Hautes Études (Sorbonne) in Paris. Er ist Ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Redaktionskollegiums des »Wörterbuchs der russischen Sprache des 11. –17. Jahrhunderts«, das vom Institut für russische Sprache (Moskau) der Russischen.