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23.11.2016, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 574. Sitzung

Prof. Dr. Alfred Sproede, Münster: Ärger in Kiev. Michail Bulgakov, die Ukraine und das Imperium

Die literaturwissenschaftliche Erforschung von Michail Bulgakov (1891–1940) hat den ‚Sitz im Leben’ seiner Erzählungen, Dramen und Romane bislang eher beiläufig reflektiert. Der Autor wird in die Familie eines in Kiev amtierenden orthodoxen Geistlichen geboren, und zwar zu einer Zeit, in der die bislang intensiv russifizierte Heimatstadt unter dem Druck der ukrainischen Nationalbewegung aus dem imperialen decorum auszuscheren beginnt. Das Ukrainertum, das sich etwa in Nikolaj Leskovs Erzählungen noch als liebenswürdige Folklore der kleinen Leute präsentierte, reift während Bulgakovs Jugend zur politischen Herausforderung heran; die als „Wiege der russischen Kultur“ gefeierte Stadt wird für russische Patrioten zu einer Festung in feindlichem Umland. Daraus resultiert eine Grundkonstellation des Werks von Bulgakov, die auch nach der Übersiedlung des Autors nach Moskau im Herbst 1921 fortwirkt: Der Satiriker – ob als Autor des Romans Die weiße Garde (1924), der Erzählung Hundeherz (1924) oder seines posthumen Hauptwerks "Der Meister und Margarita" – pestet gegen Unmoral, Verrat am russischen Ethos und gegen den „sozialistischen Pöbel“; aber anstatt die ‚verkehrte Welt‘ im Angesicht einer universalistisch formulierten „Gegenmöglichkeit“, geschweige denn einer Utopie, als normwidrig aufzuweisen, bemisst Bulgakov sie an schlichten Dogmen und der unbefragten Autorität einer Welt von gestern: Er feiert ein hegemoniales Russentum, das auf die Ukrainer herabschauen kann. Er frönt einem Kult des Imperiums, der ihn gar über die Herrschaft der Bol’ševiki hinwegsehen lässt, weil sie die Territorien der Zarenzeit wahren und mehren. Und er liefert im Vorfeld der Hungerkampagne von 1932/33 mit dem Stück Die Tage der Turbins das erfolgreichste Pamphlet gegen die ukrainischen Regimegegner. Nach der Lockerung der realsozialistischen Zensur und dem allmählichen Bekanntwerden seiner Werke in den 1960er Jahren wuchs Bulgakov zunächst die Aura des Dissidenten zu. Der Umstand zuletzt, dass er in der Putin-Ära definitiv in die erste Reihe der ‚vaterländischen’ Klassiker aufrückte, markiert in der Bulgakov-Rezeption eine weitere Wende, für die eine schlüssige Erklärung noch aussteht.

Prof. Dr. Alfred Sproede, geb. am 5. Januar 1951. Studium der Slavistik, Romanistik, Philosophie und Geschichte in Frankfurt/M., Paris und Konstanz. Nach dem Staatsexamen in den Fächern Russisch und Französisch in Konstanz (1976) arbeitete er bis 1978 als Dolmetscher und Handelsvertreter in Moskau (Hoechst Aktiengesellschaft). Seine slavistische Doktorarbeit behandelt den russischen Erzähler und Romanautor Andrej Platonov (Univ. Konstanz 1982). 1983 bis 1990 war Sproede als Assistent am Slavischen Seminar der Universität Fribourg CH angestellt, bevor er im Frühjahr 1991 als Visiting Assistant Professor für Slavistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (Graduate Program in Literature) an die Duke University/Durham NC wechselte. Nach Übernahme einer C3-Professur für Slavistik an der Universität Oldenburg (1991–1994) wurde er Ende 1993 an der Universität Fribourg CH habilitiert (venia legendi für Allgemeine, vergleichende und slavistische Literaturwissenschaft). Im Sommersemester 1995 vertrat er die C4-Professur für Russistik und Polonistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und nahm zum Oktober 1995 den Ruf auf den Lehrstuhl Literaturwissenschaft am Slavisch-Baltischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster an. Von 2001 bis 2008 beteiligte er sich am Lehrprogramm der Münsteraner Baltistik (Neuere Litauische Literatur). Gastprofessuren: Visiting Professor am Slavic Dept. der Harvard University, Cambridge MA (spring term 1998); am Institut für Polnische Philologie der Jagiellonen-Universität Krakau (Januar-Mai 2001) und an der Università di Studi Mailand (April 2015).