AWK - Detailansicht Veranstaltungen

Übersprungnavigation

Navigation

Inhalt

22.02.2017, 15:30 Uhr

Klasse für Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften, 106. Sitzung

Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker, Bonn: "Leviathan- zum Gewaltmonopol des Staates. Die ökonomische Perspektive."; Prof. Dr.-Ing. E.h. Manfred Curbach, Dresden: Carbonbeton - Eigenschaften und Chencen eines neuen Werkstoffs

Vortrag 1: Leviathan – Zum Gewaltmonopol des Staates – Die ökonomische Perspektive, Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker, Bonn

Der Leviathan des Thomas Hobbes (1651) ist bis heute aktuell. Die abendländische Moderne, die auf dem von Hobbes propagierten Gewaltmonopol des Staates aufbaute, hat sich noch immer nicht überall durchgesetzt. Viele Länder leiden unter dem Bürgerkrieg (dem „Behemoth“ in der Hobbesschen Metaphorik). Die Erfolge des modernen Staates und der modernen Gesellschaft für das Leben und den Lebensstandard des Bürgers sind in der ökonomischen Wissenschaft detailliert dokumentiert worden. Aber die Schattenseiten der Moderne veranlassen die Bürger immer wieder zur Regression in frühere Zustände. Die letzten Wahlen in den USA sind hier nur ein Beispiel unter vielen. Zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Freiheit und der Demokratie gehört damit zwingend ihr ständiger, ununterbrochener Wohlstandserfolg. Dem haben sich alle politischen Strömungen anzupassen. Hieraus ergeben sich Imperative auch für die Verfassungen der Staaten. An den Beispielen der Euro-Krise und des wieder erstarkenden Handels-Protektionismus kann dies deutlich gemacht werden. Die enorm hohen Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands verärgern die anderen Euro-Staaten und tragen damit zur Destabilisierung des Euro bei. Den Brexit hätte es vermutlich nicht gegeben, wenn Deutschland eine ausgeglichene Leistungsbilanz gehabt hätte. Der Trumpsche Protektionismus hätte am 8. November 2016 nicht gewonnen, wenn es nicht die enorm hohen Leistungsbilanzüberschüsse Chinas gegeben hätte. Gerade die Hauptgewinner aus der Globalisierung wie Deutschland und China tun handelspolitisch zu wenig dafür, dem Widerstand gegen die Globalisierung zu begegnen. Die deutsche Schuldenbremse, die Mitverursacherin der hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse ist, ist inkompatibel mit einer produktiven internationalen Zusammenarbeit zum Zweck der Aufrechterhaltung eines wohlstands- und friedensfördernden freien Welthandels. Sie sollte daher abgeschafft werden und durch eine Leistungsbilanzbremse ersetzt werden. Diese Überlegungen sind nur ein Beispiel dafür, dass dem Staat als Folge des großen Wohlstandserfolges andersartige Funktionen zufließen, die dazu dienen, diesen Wohlstandserfolg zu stabilisieren und auszubauen. Die vor uns stehende Welle der „Digitalisierung“ macht ein neues Durchdenken der Rollen von Staat und Markt erforderlich. Die heutigen Wirtschaftsordnungen sind nicht geeignet, den Menschen die Angst davor zu nehmen, dass es nicht mehr genügend Jobs geben wird. Wer die Marktwirtschaft mit ihren enormen Wohlstandswirkungen erhalten will, muss die Wirtschaftsordnung so umbauen, dass das Ziel der Vollbeschäftigung glaubhaft bleibt.

Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker studierte von 1957 bis 1961 an den Universitäten von Zürich, Göttingen, Hamburg, Freiburg und Basel Ökonomie und Sozialwissenschaften. 1961 wurde er zum Dr. phil. an der Universität Basel im Bereich Ökonomie promoviert. Von 1962 bis 1964 war er als Postdoc Fellow beim MIT und der Universität Cambridge. Von 1964 bis 1965 war er Forscher am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. 1965 erhielt er einen Ruf auf eine Professur für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Heidelberg, die er mit einer Unterbrechung von 1968 bis 1970 als Professor für Wirtschaftswissenschaften am MIT bis 1972 innehatte. Von 1972 bis 1974 war er Professor für Mathematische Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bielefeld und wechselte dann von 1974 bis 1981 auf eine Professur für Wirtschaftswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn. Von 1982 bis 1986 war er Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bern und von 1986 bis 2003 Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität zu Köln. 2003 emeritierte er und ist seit 2004 Senior-Research-Fellow am Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter. Carl Christian von Weizsäcker ist seit 1996 ordentliches Mitglied der Nordrhein- Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

 

Vortrag 2: Carbonbeton – Eigenschaften und Chancen eines neuen Werkstoffs, Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Manfred Curbach, Dresden

Der Nachhaltigkeit bzw. nachhaltigem Handeln wird heute in vielen Bereichen eine große Bedeutung beigemessen, soll sie doch Wohlstand und Sicherheit für die Gesellschaft auch in Zukunft ermöglichen. Dass die Zahl der Weltbevölkerung stetig ansteigt, ist heute ein allgemein bekannter Fakt. Ebenso, dass damit viele (neue) Herausforderungen auf die gesamte Menschheit zukommen. Darunter zählt nicht nur der Trend der Urbanisierung, der sich immer stärker fortsetzen wird, sondern auch die Erhöhung des Lebensstandards, wodurch auch der weltweite Bedarf an energetischen und nichtenergetischen Ressourcen weiter zunehmen wird. Von diesen Ressourcen wird etwa die Hälfte im Bauwesen verwendet.

Ist das Bauen so zukunftsfähig?

Beton ist das weltweit am häufigsten verwendete Material und – bezogen auf die Gesamtmasse der weltweit produzierten Güter – sogar der am zweithäufigsten verwendete Stoff nach Wasser. Für die Betonherstellung wurden im Jahr 2014 ca. 4,2 Milliarden Tonnen Zement, ca. 28 Milliarden Tonnen Gesteinskörnung und ca. 2,8 Milliarden Tonnen Wasser verwendet. Hinzu kommen die hohen CO2-Emissionen. Allein die Herstellung von Zement ist für ca. 6,5 % des gesamten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich. Das entspricht etwa der dreifachen Menge an Kohlendioxid, die durch die globale Luftfahrt emittiert wird. Bezogen auf das Gewicht und die Leistungsfähigkeit ist Beton dennoch ein energieeffizienter Baustoff, wenn er als Verbundwerkstoff Stahlbeton verwendet wird; problematisch sind dagegen die großen Mengen, die weltweit verbaut werden. Darüber hinaus ist die Lebensdauer von Stahlbeton begrenzt, denn der Stahl im Beton kann korrodieren und dadurch das gesamte Bauwerk zerstören. Ein enormer Instandsetzungs- und Kostenaufwand sind die Folge. Auf der Suche nach einer Alternative müssen nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte berücksichtigt, sondern u. a. auch politische, technische, bauphysikalische, logistische sowie ästhetische Bedingungen erfüllt werden. Das neue Material Carbonbeton bietet dieses Potenzial! Der Werkstoff verspricht, als zukunftsträchtige Alternative zu Stahlbeton gleichzeitig große Energiemengen im gesamten Lebenszyklus einzusparen. Durch mattenartige Bewehrungsstrukturen (textile Gelege) und zukünftig auch durch stabförmige Carbonbewehrungen können mit Carbonbeton bereits heute einige Stahlbetonanwendungen im Neubaubereich sinnvoll, zum Vorteil von Ressourcen- und Energieeffizienz substituiert werden. Zudem können sanierungsbedürftige Massivbauwerke durch Verstärkungsschichten aus Carbonbeton nachhaltig instandgesetzt und dadurch deren Nutzungsdauer erhöht werden. Praktische Anwendung findet Carbonbeton zur Instandsetzung und Verstärkung, beispielsweise bei Deckenplatten aus Stahlbeton, Zuckersilos oder schalenförmigen Dächern. Vergleichbare Verstärkungen sollen außerdem bei Brücken, Tunneln, Betonmasten oder Park- und Tiefgaragen eingesetzt werden, da Carbonbeton neben seiner hohen Tragfähigkeit ein dichtes Gefüge aufweist und das Rissbild durch kleinere Rissabstände und damit geringere Rissbreiten gekennzeichnet ist. Damit wird die Dauerhaftigkeit der Bauwerke signifikant erhöht.

Prof. Dr. Dr. Manfred Curbach, Jahrgang 1956, studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Universität (TU) Dortmund und war nach seinem Abschluss 1982 bis 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Eibl an den Universitäten Dortmund und Karlsruhe (TH). Hier untersuchte er vor allem die Festigkeitssteigerung von Beton bei hohen Belastungsgeschwindigkeiten und wurde hierzu 1987 promoviert. Von 1988 bis 1994 war er Projektleiter im Ingenieurbüro Köhler+Seitz, Nürnberg. 1994 wurde er an die Technische Universität Dresden berufen und ist seitdem Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Massivbau. In der Grundlagenforschung erforscht Manfred Curbach das Betontragverhalten vorrangig zu drei Schwerpunkten: Beton unter mehraxialer Beanspruchung, Beton unter hochdynamischer Beanspruchung und textil- bzw. carbonbewehrter Beton. Gerade der letztgenannte Schwerpunkt wurde im Rahmen des 1999–2011 geförderten Sonderforschungsbereichs 528 „Textile Bewehrungen zur bautechnischen Verstärkung und Instandsetzung“, dessen Sprecher Manfred Curbach war, intensiv erforscht. Aus den anfänglichen Untersuchungen zu Textilbeton heraus wurde der heute verwendete Carbonbeton entwickelt. Seit 2013 wird die Untersuchung von Carbonbeton im Rahmen des Konsortiums „C³ - Carbon Concrete Composite“, dessen Sprecher Manfred Curbach ist, vom BMBF gefördert. Seit 1999 ist Manfred Curbach Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift Betonund Stahlbetonbau, von 2003 bis 2008 war er Vorstandsvorsitzender der VDI-Gesellschaft Bautechnik. Manfred Curbach ist Mitglied des Vorstands und des Forschungsbeirates des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton (DAfStb). 2011 wurde Manfred Curbach die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Kaiserslautern u. a. für seine herausragenden wissenschaftlichen Erfolge im konstruktiven Ingenieurbau verliehen. Seit 2013 ist er Fachkollegiat der DFG. 2013 wurde er in die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina aufgenommen, 2016 wurde er in die Sächsische Akademie der Wissenschaften gewählt.