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08.03.2017, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 577. Sitzung

Prof. Dr. Hans-Peter Haferkamp, Köln: Historia docet? Die Rechtsgeschichte als Lehrmeisterin der juristischen Methode; PD Dr. Christoph Michels JK, Aachen: Gesetze und Gesetzgeber in der politischen Kommunikation des klassischen Athen

Vortrag 1: Gesetze und Gesetzgeber in der politischen Kommunikation des klassischen Athen, PD Dr. Christoph Michels, Aachen (Junges Kolleg)

In der direkten Demokratie Athens im 5. und 4. Jh. v. Chr. gab es keine Parteien, kein gewähltes Parlament und keine Regierung, sondern die Entscheidungen wurden in öffentlicher Kommunikation direkt in der Volksversammlung getroffen, zu der alle erwachsenen, männlichen Vollbürger Zugang hatten. Auch die Geschworenengerichtshöfe waren nicht mit Berufsrichtern besetzt, sondern wurden von Laien gebildet. Den vor diesen Institutionen gehaltenen Reden athenischer ‚Politiker‘ kommt für die Analyse der politischen Kommunikation dieser Polis zentrale Bedeutung zu, denn nur durch eine Überzeugung bzw. Überredung der jeweiligen Versammlungsteilnehmer konnten die jeweiligen politischen Ziele durchgesetzt, bzw. ein Prozess gewonnen werden. Die hier vorgebrachten Argumente und eingesetzten Bezüge dürfen als Reflex der Erwartungen, d. h. auch der Normen und Werte, der Versammlungsteilnehmer interpretiert werden. Der Vortrag nimmt zwei Aspekte der Kommunikation vor Ekklesia und Heliaia in den Blick, den argumentativen Einsatz einerseits von Gesetzen (bzw. dem ‚Nomos‘ an sich) und andererseits der Erinnerung an Personen, an die man sich als Urheber von Gesetzgebung und ‚Verfassung‘ bzw. generell als nachahmenswerte Politiker (wie etwa Solon und Kleisthenes) erinnerte. Für eine Beurteilung des Stellenwertes dieser Bezüge gilt es dabei die Rahmenbedingungen der damaligen Debattenkultur zu berücksichtigen, die fast an das momentan in aller Munde befindliche ‚post-faktische Zeitalter‘ erinnern. Die ‚Verführung‘ durch Rede, d.h. mitunter die bewusste Falschdarstellung, gehörte zur Theorie der Rhetorik, während Sachlichkeit wenig zählte, da sie nicht das überzeugende Kriterium in einem politischen oder rechtlichen Streit war. Das Thema berührt zudem das für die Stadt Athen in dieser Zeit prägende Spannungsfeld von Oralität und Schriftlichkeit, indem im 4. Jh. zunehmend auf schriftliche Dokumente verwiesen wurde, denen man als Argument in der Rede bislang misstraut hatte.

PD Dr. Christoph Michels studierte ab 1997 Geschichte mit Schwerpunkt Alte Geschichte, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum (Magister Artium 2003 mit einer publizierten Arbeit zum Pergamonaltar). Im Rahmen des von der DFG geförderten Internationalen Graduiertenkollegs „Politische Kommunikation von der Antike bis ins 20. Jahrhundert“ wurde er in einem cotutelle-Verfahren an den Universitäten Innsbruck und Frankfurt/Main promoviert. Seine Dissertation behandelte dabei die Rahmenbedingungen von Kulturkontakten im hellenistischen Osten anhand dreier Fallbeispiele, den von indigenen Königen beherrschten kleinasiatischen Reichen Bithynien, Pontos und Kappadokien. 2008 war er als Post-Doc in einem Teilprojekt des Internationalen Kollegs „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ an der Ruhr-Universität Bochum angestellt, das sich mit Veränderungen im west-phönizischen ‚Pantheon‘ unter dem Einfluss der Kulturkontakte mit Griechen und Etruskern sowie der Vorherrschaft Karthagos (im 6.–4. Jh.) auseinandersetzte. Seit 2009 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte des Historischen Instituts der RWTH Aachen. Im Sommersemester 2016 hat er sich hier mit einer Arbeit zum Verhältnis von Regierungspraxis und Herrschafts-repräsentation des römischen Princeps Antoninus Pius (138–161 n.Chr.) habilitiert. Anhand der von der jüngeren Forschung vernachlässigten Herrschaft des Pius werden dabei die kommunikativen Mechanismen des Prinzipats untersucht, die in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt durch transepochale Vergleiche wesentlich erhellt worden sind. Sein nächstes Projekt wird sich der Spätklassik widmen. Geplant ist eine Untersuchung der Relevanz der Ressource ‚Wissen‘ in der athenischen Demokratie auf Basis ihrer Instrumentalisierung durch die Rhetoren des 4. Jh. Christoph Michels ist seit 2014 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein- Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.  

 

Vortrag 2: Historia docet? Die Rechtsgeschichte als Lehrmeisterin der juristischen Methodendebatten im 20. Jahrhundert Prof. Dr. Hans-Peter Haferkamp, Köln

Das 20. Jahrhundert war in Deutschland, stärker als in Resteuropa, geprägt von Debatten um die richtige juristische Methode. Dies hing u. a. damit zusammen, dass die Systemwechsel des 20. Jahrhunderts die großen Kodifikationen zunächst oft unverändert ließen. So galt etwa das 1900 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch im 2. Kaiserreich, in Weimar, während des Nationalsozialismus, in der Bundesrepublik und in der DDR bis 1976. Die juristische Methodendebatte drehte sich daher um die Frage, wie man dem Richter hinreichend Spielraum für eine Anpassung des Gesetzes an veränderte Kontexte einräumen konnte, ohne die Gesetzesbindung aufzugeben. Legitimierend wirkten dabei historische Argumente. Die Methodenlehre gab sich als lernend und fand eine oft erstaunlich übereinstimmende Teleologie in der Geschichte. Der Vortrag untersucht Auswirkungen dieses Lernens aus der Rechtsgeschichte für die juristische Methodenlehre u. a. am Beispiel des Umgangs mit der DDR nach 1989.

Prof. Dr. Hans-Peter Haferkamp studierte bis 1995 Rechtswissenschaften an den Universitäten Tübingen, München und Bayreuth. An der Humboldt- Universität zu Berlin wurde er 1994 promoviert. 2002 erhielt er dort auch die venia legendi für Bürgerliches Recht, Deutsche Rechtsgeschichte und Methodenlehre. Seit 2003 ist er Direktor des Instituts für Neuere Privatrechtsgeschichte, Deutsche und Rheinische Rechtsgeschichte der Universität zu Köln. Er ist unter anderem Mitherausgeber der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte und Mitglied des Fachkollegiums Rechtswissenschaft der DFG. Seine Forschungsschwerpunkte sind Neuere Privatrechtsgeschichte, Rechtswissenschaftsgeschichte und Rechtszeitgeschichte. Hans-Peter Haferkamp ist seit 2014 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.