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21.06.2017, 15:30 Uhr

Klasse für Naturwissenschaften und Medizin, 584. Sitzung

Prof.’ in Dr. med. Stefanie Ritz-Timme, Düsseldorf: "Die Frage nach dem Lebensalter – Rechtsmedizinische Forschung zum Thema Lebensaltersschätzung"; Dr. Martin Salinga, Aachen (Junges Kolleg): "Wie resistiv schaltende Materialien neue Wege in der Informationsverarbeitung eröffnen"; Jun.-Prof. Dr. Armin Zlomuzica, Bochum (Junges Kolleg): "Die Neurobiologie und Neuropathologie des episodischen Gedächtnisses"

Vortrag 1: Die Frage nach dem Lebensalter – Rechtsmedizinische Forschung zum Thema Lebensaltersschätzung, Prof.’ in Dr. med. Stefanie Ritz-Timme, Düsseldorf

Das deutsche Rechtssystem stellt in einer Vielzahl von Regelwerken auf das Erreichen eines bestimmten Lebensalters ab. Beispiele sind die Strafmündigkeit junger Straftäter, der Bezug von Altersrente oder die Bewertung pornographischen Materials als „Kinderpornographie“. Zudem spielt das Lebensalter eine wichtige Rolle bei der Identifikation unbekannter Verstorbener und damit bei der Aufklärung von Tötungsdelikten. Die Schätzung des Lebensalters ist eine Herausforderung, weil der Alternsprozess komplex ist und durch viele Faktoren beeinflusst wird, was große Differenzen zwischen biologischem und chronologischem Lebensalter bedingen kann. Morphologische Verfahren zur Altersschätzung liefern in der Altersspanne von Wachstum und Entwicklung, also bis etwa zum 20. Lebensjahr, meist ausreichend gute Ergebnisse. Allerdings können bei Lebenden aus rechtlichen und ethischen Gründen nicht alle Verfahren in jeder Situation eingesetzt werden. Im Erwachsenenalter sind die Ergebnisse morphologischer Verfahren meist enttäuschend. Neue Möglichkeiten eröffnen „molekulare Verfahren“ zur Lebensaltersschätzung. Der menschliche Körper besitzt Moleküle, die altersabhängige Veränderungen zeigen. Dazu gehören langlebige Eiweiße, in denen es u.a. zu einer Akkumulation von D-Asparaginsäure kommen kann. Die daraus abgeleitete Methode zur Lebensaltersschätzung ist eines der präzisesten Verfahren zur Altersschätzung im Erwachsenenalter überhaupt. Nachteil des Verfahrens ist seine begrenzte Anwendbarkeit an Lebenden. Diesbezüglich gibt ein weiterer molekularer Ansatz Anlass zu Hoffnung, in dessen Fokus die Frage der Nutzbarkeit der DNA-Methylierung zur Altersschätzung steht. Forschung zum Thema Lebensaltersschätzung war noch nie so wichtig wie heute – in Zeiten globaler Migration und Flucht, in denen viele Menschen in Europa tatsächlich oder angeblich nicht wissen, wie alt sie sind. Das Ergebnis der Schätzung ihres Alters ist oft weichenstellend für ihren weiteren Lebensweg.

Prof.’ in Dr. med. Stefanie Ritz-Timme; nach einem Studium der Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1981–1988) bildete sie sich zur Ärztin für Rechtsmedizin weiter (Institut für Rechtsmedizin der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Forensischpsychiatrische Abteilung der Fachklinik Neustadt). 1996 erhielt sie die Anerkennung als Ärztin für Rechtsmedizin. 1990 promovierte sie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit einer Arbeit zum Thema „Probleme der postmortalen Diagnostik von Digoxin-Intoxikationen“. 1998 erhielt sie nach Habilitation die Venia Legendi für das Fach Rechtsmedizin (Thema der Habilitationsschrift: „Nutzbarkeit der in-vivo-Razemisierung von Asparaginsäure zur Lebensaltersbestimmung“). Seit 2004 hat sie den Lehrstuhl für Rechtsmedizin an der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf (HHU) inne und ist Direktorin des Institut für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Düsseldorf. An der Medizinischen Fakultät der HHU ist sie seit 2007 Studiendekanin, seit 2009 Sprecherin des wissenschaftlichen Beirats des SelmaMeyerMED-Mentoringprogramms der HHU und seit 2013 Projektleiterin des Mentoringprogramms A2 für Studierende der Human- und Zahnmedizin der Medizinischen Fakultät der HHU. Seit 2004 ist sie Mitglied des Vorstandes, seit 2014 erste Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, 2001 wurde sie mit dem Konrad- Händel-Stiftungspreis für Rechtsmedizin der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin ausgezeichnet, 2009 mit dem Lehrpreis und 2012 mit der Universitätsmedaille der HHU.

Vortrag 2: Wie resistiv schaltende Materialien neue Wege in der Informationsverarbeitung eröffnen, Dr. Martin Salinga, Aachen (Junges Kolleg)

Nach jahrzehntelanger Perfektionierung von Computern mit herkömmlicher Architektur ist heute klar, dass mit der bisher verwendeten Logik niemals die Effizienz biologischer neuronaler Netze erreicht werden kann. Vor diesem Hintergrund ist es Ziel der Forschung an neuromorpher Hardware, nicht erst beim Programmieren von Software sondern bereits beim Design künstlicher Elektronik zur Informationsverarbeitung dem Beispiel der Natur zu folgen. Wie die entsprechenden fundamentalen Bauelemente idealerweise beschaffen sein müssen und welche Materialien aufgrund ihrer intrinsischen Eigenschaften zur Realisierung dieser Komponenten besonders geeignet sind, ist Inhalt aktueller Forschung. Resistiv schaltende Materialien wie Phasenwechselmaterialien, deren Anwendung in elektronischen Datenspeichern der nächsten Generation bereits Marktreife erreicht hat, könnten darüber hinaus auch die Basis einer neuen Technologie zur neuromorphen Informationsverarbeitung bilden. Eine Analyse der für diese Materialklasse charakteristischen Schaltkinetik bildet die Grundlage zur Diskussion ihres Anwendungspotentials im Bereich neuromorpher Elektronik.

Dr. Martin Salinga, Jahrgang 1979, forscht und lehrt als akademischer Oberrat am Institut für Physik neuer Materialien der RWTH Aachen. Nach insgesamt zweijährigen Forschungsaufenthalten an der Harvard University und dem IBM Almaden Research Center im Silicon Valley kehrte er Ende 2006 an seine alma mater, die RWTH Aachen, zurück. Hier setzte er seine Studien über die Schalteigenschaften von Phasenwechselmaterialien fort und trat im Anschluss an seine Promotion im Sommer 2008 eine permanente Stelle als Gruppenleiter an. Seit Juli 2011 ist er Teilprojektleiter im Sonderforschungsbereich “Nanoswitches” und als dessen Geschäftsführer auch Mitglied der Lenkungsgruppe. Gemeinsam mit seinem Team erforscht er die Dynamik resistiv schaltender Materialien und ihre Anwendungsmöglichkeiten in neuartiger Elektronik. Seit 2013 arbeitet Dr. Salinga in leitender Funktion in einer von der Europäischen Kommission geförderten Partnerschaft mit dem IBM Zurich Research Laboratory in der Schweiz zusammen. Als Grantee des European Research Council richtet er seine Studien aktuell besonders auf die Informationsverarbeitung mittels neuromorpher Hardware aus. Martin Salinga ist seit 2016 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Vortrag 3: Die Neurobiologie und Neuropathologie des episodischen Gedächtnisses, Jun.-Prof. Dr. Armin Zlomuzica, Bochum (Junges Kolleg)

 

Das episodische Gedächtnis bezieht sich auf die Erinnerung persönlicher Ereignisse bezüglich dessen was sich ereignet hat und unter welchen kontextuellen Bedingungen (räumlich und zeitlich) sich dieses Ereignis zugetragen hat. Beim episodischen Gedächtnis werden folglich Umweltinformationen in Verbindung mit räumlichen und zeitlichen Bezügen abgespeichert. Episodische Gedächtnisdefizite treten bei einer Reihe von neurodegenerativen und psychiatrischen Erkrankungen auf, unter anderem bei der Alzheimer‘schen Demenz. Systematische Beeinträchtigungen in episodischen Gedächtnisleistungen zählen zu den ersten prä-klinischen kognitiven Symptomen bei der Alzheimer‘schen Erkrankung. Bis vor einigen Jahren existierte kein valides Säugetiermodell für episodische Gedächtnisdefizite, d.h. das Kardinalsymptom einer anterograden Amnesie bei Menschen konnte im Säugetiermodell nicht nachgebildet werden. Wir haben ein Gedächtnisparadigma für Nagetiere entwickelt, um Basisleistungen des episodischen Gedächtnisses, d.h. das Wissen darum, „Was“ sich „Wo“ und „Wann“ ereignete, simultan in einem Test zu messen. Unsere Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Tiere in der Lage sind, Faktenwissen in einen räumlichen und zeitlichen Bezugsrahmen zu setzen. In dieser Hinsicht ist unser Paradigma ein methodischer Fortschritt in 14 Richtung eines validen Säugetiermodells für episodische Gedächtnisinhalte. Die Verwendung unseres Paradigmas führte zu weitreichenden Erkenntnissen über die zugrundeliegenden neuroanatomischen und molekularen Grundlagen episodischer Gedächtnisfunktionen. Darüber hinaus konnte eine Reihe promnestischer Substanzen identifiziert werden, die sich zur pharmakologischen Behandlung von amnestischen Syndromen eignen könnten. Unter Verwendung eines reversen translationalen Ansatzes arbeiten wir derzeit an der Entwicklung neuer Paradigmen, mit denen episodische Gedächtnisfunktionen speziesübergreifend untersucht werden können.

 

Jun.-Prof. Dr. rer. nat. Armin Zlomuzica hat an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Psychologie studiert und 2005 mit dem Diplom abgeschlossen. 2005 bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität, wo er 2009 promoviert wurde. Von 2007 bis 2014 war er Psychotherapeut in Ausbildung an der Rheinischen Akademie für Psychotherapie und Verhaltensmedizin Krefeld. 2009 bis 2010 machte er eine praktische Ausbildung als psychologischer Psychotherapeut an der Psychotherapeutischen Institutsambulanz Düsseldorf und 2011 bis 2013 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2014 ist er Juniorprofessor für Clinical and Behavioral Neurosciences an der Ruhr- Universität Bochum. Armin Zlomuzica ist seit 2016 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein- Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.