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18.10.2017, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 581. Sitzung

Prof. Dr. Nils Jansen, Münster: Recht und gesellschaftliche Differenzierung

Die Ausdifferenzierung unterschiedlicher sozialer Funktionssysteme und Wertsphären ist ein Hauptthema der Soziologie, seitdem es das Fach gibt; und die dort formulierten Fragestellungen und Theorieangebote haben sich längst auch in historischen Disziplinen, namentlich in der Rechtsgeschichte als ausgesprochen fruchtbar erwiesen. Dabei bildet die Ausdifferenzierung des Rechts gegenüber den Feldern von Religion, Politik und Wissenschaft einen Schlüssel für das Verständnis gesellschaftlicher Differenzierung insgesamt. Der Vortrag analysiert frühe entscheidende Weichenstellungen in diesem Prozess von Differenzierungen und Entdifferenzierungen. Zu fragen ist insbesondere, wie es den Juristen des Mittelalters unter den Bedingungen einer vormodernen, also funktional nicht ausdifferenzierten Gesellschaft gelang, mit der Legistik (der gelehrten römischen Jurisprudenz) ein autonomes Wissenschaftssystem zu etablieren, und inwieweit es sinnvoll ist, diese Legistik als ein selbständiges Funktionssystem zu beschreiben. Es wird darum gehen, wie die Juristen des Mittelalters ihr Feld des Rechts gegen religiöse Übergriffe der Römischen Kirche verteidigten, und wie später die Juristen des 17.  und 18. Jahrhunderts das theologische Naturrechtserbe der Spätscholastik in ein genuin juristisches Vernunftrecht transformiert haben. Und schließlich gilt es einen Blick auf die zeitgleiche Positivierung des Rechts zu werfen: Welche Erfahrungen und Konflikte führten zur heute selbstverständlichen Vorstellung vom Recht als einer im Kern positiven, also durch Willkürakt gesetzten und damit auch veränderlichen Normordnung? Wer waren überhaupt die Akteure, die für einen solchen neuen Rechtsbegriff stritten und was waren ihre Motive? Und wie gingen die zeitgenössischen Juristen mit solchen Entwicklungen um?

Prof. Dr Nils Jansen, geboren 1967, studierte in Passau Rechtswissenschaften sowie Philosophie und Politik; Staatsexamina 1994 (Passau) 1998 (München). 1997 wurde er in Kiel mit einer rechtstheoretischen Dissertation promoviert; 2002 habilitierte er sich in München und erhielt die venia legendi für Deutsches und Europäisches Bürgerliches Recht, Römisches Recht und Privatrechtsgeschichte, sowie Rechtsphilosophie. Nach Professuren in Augsburg und Düsseldorf lehrt er seit 2006 als Direktor am Institut für Rechtsgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Längere Forschungsaufenthalte bzw. Gastprofessuren brachten ihn nach Cambridge, Oxford (1998 und 2009), Durham (Duke University, 2008) und Stellenbosch (Institute of Advanced Study, 2013 und 2015). Seit 2006 ist er als Hauptantragsteller und seit 2010 im Vorstand des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Moderne und Vormoderne“ tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die historischen und theoretischen Grundlagen des europäischen Privatrechts.Nils Jansen ist seit 2015 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.