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08.11.2017, 14:30 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 582. Sitzung

Prof. Dr. Konrad Vössing, Bonn: Domitian, dominus et deus: Kaiserkult und Nachfolgepolitik; Jun.-Prof'in Dr. Irina Dumitrescu, Bonn: "Die Bildungsideen der Angelsachsen"

Vortrag 1: Die Bildungsideen der Angelsachsen

In jüngster Vergangenheit formierte sich eine Gruppe von Wissenschaftlern zu dem Thema angelsächsische Bildungsideen, deren Tätigkeit von der Herausar-beitung charakteristischer monastischer Lehrinhalte bis hin zur Erkundung der gebräuchlichen Bücher jener Zeit am jeweiligen Ort reichen. In geringerem Maße versuchten Wissenschaftler die pädagogischen Gegebenheiten zu beschreiben: Wo fand die Lehre statt, welche Klassen waren beteiligt, welche Mittel und Methoden wurden angewandt.Eine weitere Möglichkeit bietet die Beschreibung angelsächsischer Schulbildung, durch Nachvollziehen der Erziehungstheorien des frühen englischen Mittelalters. Hierzu werden die pädagogisch relevanten Texte untersucht und betrachtet, die von den Angelsachsen gelesen, kopiert, zitiert und übersetzt wurden. Zudem ist es möglich die Einflüsse klassischer und christlicher Werke auf die anglo-lateinische und allgemeinsprachliche Literatur zu erforschen. In der Tat gab es mannigfaltig Lehr- und Lerntheorien in angelsächsischer Zeit. In diesem Vortrag werden ein paar der wichtigsten pädagogischen Ideen, die im England der Angelsachsen bekannt waren, beschrieben, indem Bezug genommen wird auf die drei Werke Gregor des Großen, Liber Regulae Pastoralis, Dialogi und Moralia in Iob, sowie auf das Soliloquia des Augustinus von Hippo und der Consolatio philosophiae des Boethius, und ihre Einflüsse auf angelsächsische pädagogische Ansichten diskutiert werden.

Jun.-Prof.'in Irina Dumitrescu ( Jahrgang 1980) studierte englische Literatur und Mediävistik an der University of Toronto, Yale University und Columbia University. 2002–2003 war sie Corbet Fellow am Centre for Reformation and Renaissance Studies in Toronto, 2008–2009 war sie Graduate Fellow am Whitney Humanities Center in New Haven. In ihrer teils von der Whiting Foundation geförderten Dissertation behandelte sie frühmittelalterliche Darstellungen von Schmerz in Lehrer-Schüler Beziehungen. Diese Arbeit wurde mit dem James A. Veech Preis für die beste anglistische Doktorarbeit an der Yale University ausgezeichnet. Nach ihrer Promotion 2009 war sie als Assistant Professor of English an der Southern Methodist University in Dallas, Texas, tätig. Von 2012 bis 2014 hatte sie ein Forschungsstipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung am Institut für Englische Philologie, Freie Universität Berlin inne. Seit Oktober 2014 ist sie Juniorprofessorin für englische Mediävistik an der Universität Bonn. 2016 war sie Herausgeberin von „Rumba Under Fire: The Arts of Survival from West Point to Delhi“, einer Sammlung von Aufsätzen und Gedichten über die Geisteswissenschaften in Krisenzeiten. Ihre Monographie „The Experience of Education in Anglo-Saxon Literature“ über die Darstellung von Lehre in frühen mittelalterlichen Texten wird bei der Cambridge University Press erscheinen.Irina Dumitrescu ist seit 2016 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Vortrag 2: Domitian, dominus et deus: Kaiserkult und Nachfolgepolitik

Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.) war der letzte Kaiser der flavischen Dynastie. Schon in der Antike wurde seine Herrschaftszeit in dunkelsten Farben gezeichnet: er galt als Verächter des Senates, der zu Lebzeiten als ‚Herr und Gott‘ (dominus et deus) göttliche Verehrung forderte, ein Schreckensregiment errichtete, Philosophen und Christen verfolgte usw. Die althistorische Forschung hat schon lange erkannt, dass dieses Bild stark verzerrt ist; vor allem wurde der Kaiser Opfer der senatorischen Geschichtsschreibung, die nach dem Ende der Flavier seine Verunglimpfung mit dem Lob der ihm folgenden Dynastie (der sog. Adoptivkaiser) und vor allem Trajans (98 –117) verbinden konnte. Aus der Ablehnung der senatorischen Verformung des Domitianbildes ergibt sich aber noch nicht, was an dessen Stelle zu setzen ist. Die Historiker sind zwar weitgehend einig, dass sich seine außenpolitische und militärische Bilanz sowie seine administrative Politik in den Provinzen durchaus sehen lassen konnte; was aber die erheblichen Spannungen mit dem Senat angeht (die am Ende mit zu seiner Ermordung führten), gibt es sehr unterschiedliche Interpretationen. Setzte er sich nur gegen Verschwörungen zur Wehr, oder versuchte er tatsächlich, den Senat von der Macht zu trennen, sei es aus einem tiefsitzenden Misstrauen, sei es aus dem Wunsch heraus, das Kaisertum autokratischer zu machen? Demgegenüber soll in diesem Vortrag versucht werden, eine Erklärung zu finden, die ohne die Annahme spezifischer Dispositionen des Kaisers auskommt, vielmehr auf einer Analyse des politischen Systems des Prinzipats beruht. Insbesondere geht es um zwei seiner wesentlichen Problemfelder, die Nachfolgefrage und den Kaiser-kult, die beide in ihrer Verbindung und in ihrem besonderen, für die Stabilität einer Herrschaft durchaus ambivalenten Potential dargestellt werden sollen.

Prof. Dr. Konrad Vössing wurde 1959 in Berlin geboren. Nach einem Studium in Berlin (FU) und Bordeaux in den Fächern Geschichte, Latein und Griechisch mit Magisterprüfung und 1. Staatsexamen wurde er 1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich ‚Alte Geschichte’ am Berliner Friedrich-Meinecke-Institut und wechselte ein Jahr darauf an das Historische Institut der RWTH Aachen, wo er 1991 mit einer Arbeit über ‚Schule und Bildung im Nordafrika der römischen Kaiserzeit’ promoviert wurde. Nach einer Assistentenzeit in Aachen und Düssel-dorf wurde er dort 2001 im Fach Alte Geschichte habilitiert: ‚Mensa Regia – das Bankett beim hellenistischen König und beim römischen Kaiser’. 2005 erfolgten Rufe an die Universität Gießen und an die Rheinische Friedrich-Wilhelms Uni-versität Bonn, an der er seit dieser Zeit einen Lehrstuhl für Alte Geschichte innehat. Seit 2010 leitet er von deutscher Seite aus das deutsch-französische Graduierten-kolleg ‚Masse und Integration in antiken Gesellschaften‘. 2011 wurde er mit dem Prix scientifique franco-allemand Gay-Lussac-Humboldt ausgezeichnet, 2012 mit dem Lehrpreis der Universität Bonn. Im Sommer 2013 war er professeur invité sur chair d’Etat am College de France. Seine Forschungsschwerpunkte sind die antike Kulturgeschichte (insbesondere das Bildungs- und Erziehungswesen, die Bankett- und Esskultur sowie Tracht und Habitus), die römische Herrscherrepräsentation, das antike Nordafrika und die Geschichte des römischen Reiches zur Zeit der Völkerwanderung. Konrad Vössing ist seit 2012 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.