AWK - Detailansicht Veranstaltungen

Übersprungnavigation

Navigation

Inhalt

22.11.2017, 15:30 Uhr

Klasse für Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften, 110. Sitzung

Prof.‘in Dr. Nadine Riedel, Bochum: Internationale Unternehmensbesteuerung im 21. Jahrhundert; Prof. Dr.-Ing. Michael Beer, Hannover: Risiken, Unsicherheiten und Konzepte für eine sichere Zukunft

Vortrag 1: Internationale Unternehmensbesteuerung im 21. Jahrhundert

Das aktuelle internationale Unternehmenssteuersystem fußt auf zwei Grundpfeilern. Erstens werden Gewinne multinationaler Unternehmen (MNU) am Standort der Produktion und Wertschöpfung (oder des Muttersitzes) besteuert. Zweitens erfolgt die Standortaufteilung der Gewinne auf Basis interner Handelspreise, die nach dem Fremdvergleichsgrundsatz gesetzt werden und damit der Preiswahl unabhängiger Dritter entsprechen müssen. Angesichts wachsender internationaler Mobilität können MNU im aktuellen System ihre Konzernsteuerquoten über Investitions- und Gewinnverlagerung in Niedrigsteuerländer substantiell senken. Gewinnverschiebungsmöglichkeiten in Steuerhäfen werden dabei in vielen Fällen durch Probleme in der Anwendung des Fremdvergleichsgrundsatzes geschaffen, v. a. bei der Bepreisung von firmenspezifischem intellektuellen Eigentum und komplexen Geschäftsprozessen. Regierungen haben zur Erhaltung der Standortattraktivität auf diese Entwicklung mit einem kontinuierlichen Absenken der Unternehmenssteuersätze reagiert (siehe bspw. auch die britische Ankündigung, den Unternehmenssteuersatz im Zuge des Brexit signifikant zu reduzieren). Diametral dazu wurden öffentliche Forderungen nach einem „fairen“ Beitrag des Unternehmenssektors zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben über die Einführung und Verschärfung von Gesetzen zur Eindämmung multinationaler Gewinnverschiebungsaktivitäten bedient (siehe bspw. den OECD/G20 „base erosion and profit shifting“ (BEPS) Prozess). Ziel des Vortrags ist es, die Strukturen des internationalen Unternehmenssteuersystems kritisch zu beleuchten. Zudem werden Möglichkeiten für eine umfassende Reform des internationalen Steuersystems thematisiert, wie sie bspw. im EU-Kommissions-vorschlag zur „Gemeinsamen konsolidierten Körperschaftsteuerbemessungsgrundlage“ oder der von der Trump-Administration anvisierten „Grenzausgleichssteuer“ angelegt sind.

Prof.'in Dr. Nadine Riedel ist Professorin für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1998 bis 2004 studierte sie an den Universitäten Regensburg und Dublin Volkswirtschaftslehre und Germanistik. Im Jahr 2008 wurde sie mit einer Dissertation zur Besteuerung multinationaler Unternehmen an der LMU München promoviert. Im Anschluss war Frau Riedel für zwei Jahre als PostDoc am Center for Business Taxation der Universität Oxford beschäftigt, bevor sie 2010 auf den Lehrstuhl für Finanzwissenschaft der Universität Hohenheim berufen wurde. Seit 2014 ist Frau Riedel in Bochum tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. die Besteuerung multinationaler Unternehmen, Fragen zur Besteuerung im Kontext von Entwicklungsländern sowie die Schnittstelle zwischen Regionalökonomie und Finanzwissenschaft. Methodisch arbeitet Frau Riedel mit dem Instrumentarium der modernen Mikroökonometrie. Sie ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats am Bundesministerium der Finanzen sowie Mitglied der Wissenschaftlichen Beiräte am ZEW Mannheim, RWI Essen und IAB Tübingen.

Vortrag 2: Risiken, Unsicherheiten und Konzepte für eine sichere Zukunft

Unsere technischen Systeme, Infrastrukturen, deren Interaktion miteinander sowie die Anforderungen durch Gesellschaft und Umwelt wachsen rasant in Dimension und Komplexität. Damit wachsen ebenso der Bedarf an Informationen und der Modellierungsaufwand, um das Verhalten der Systeme zuverlässig und präzise zu analysieren. Da beide Voraussetzungen in der Praxis nicht mehr erfüllt werden können, entstehen Unsicherheiten und Risiken in weit größerem Ausmaß als jemals zuvor und auch mit bisher unbekannter Ausprägung. Gleichzeitig bilden diese Systeme und Infrastrukturen das Rückgrat unserer Gesellschaft. Durch die Risiken und Unsicherheiten ergeben sich damit kritische gesellschaftliche und wirtschaftliche Verwundbarkeiten. Beispiele wie die Katastrophe von Fukushima oder auch die Finanzkrise belegen dies deutlich. Technische Herausforderung ist es, die scheinbar unwesentlichen, möglichen Initiatoren für kritische Versagensketten in komplexen gekoppelten Systemen zu identifizieren, durch technische Maßnahmen wirkungslos zu machen und mögliche Schäden schnell und wirtschaftlich reparabel zu halten. Diese Entwicklung resilienter Infrastrukturen ist die wohl wichtigste Ingenieuraufgabe der kommenden Jahrzehnte. Sie erfordert eine multidisziplinäre Zusammenarbeit und die Entwicklung und Nutzung neuer mathematischer Konzepte, insbesondere für Risikoanalysen. Im Vortrag werden ausgehend von dieser Herausforderung drei Konzepte vorgestellt, mit denen Zuverlässigkeit und Risiken von Bauwerken und Systemen bei vagen und eingeschränkten Informationen effizient analysiert werden können. An Beispielen wird gezeigt, welche neuen Perspektiven sich dadurch bieten. Es wird ein Ausblick auf die Entwicklung resilienter Infrastrukturen in einem internationalen Netzwerk gegeben.

Prof. Dr.-Ing. Michael Beer leitet das Institut für Risiko und Zuverlässigkeit an der Leibniz Universität Hannover seit Oktober 2015. Er bekleidet gleichzeitig Gastprofessuren an der University of Liverpool und an der Tongji University in Shanghai. Von 1990 bis 1995 studierte Herr Beer Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Dresden, promovierte dort 2001 zum Doktor-Ingenieur und leitete bis 2007 mehrere Forschungsprojekte. Mit einem Feodor-Lynen Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt Stiftung forschte er 2003/2004 an der Rice University in Houston, TX. Ab 2007 arbeitete Herr Beer als Assistant Professor an der National University of Singapore im Offshore Ingenieurwesen und in der Risikoforschung und wurde 2011 als Full Professor an die University of Liverpool berufen. Dort gründete und leitete er sowohl das Institute for Risk and Uncertainty als auch ein universitätsweites Doktoranden-Trainingszentrum über zehn Disziplinen zur Risikoanalyse komplexer Systeme. Seine unmittelbare Forschung konzentriert sich auf die Quantifizierung von Unsicherheiten, Zuverlässigkeit und Risiko mit Ingenieuranwendungen. Herr Beer ist Chefeditor der Enzyklopädie für Erdbebeningenieurwesen, Associate Editor der Zeitschriften ASCE-ASME Journal of Risk and Uncertainty in Engineering Systems und International Journal of Reliability and Safety. Er ist Mitglied in zwölf Editorial Boards von internationalen Zeitschriften einschließlich Probabilistic Engineering Mechanics und Structural Safety. Er wurde mit mehreren Preisen geehrt, wie zum Beispiel einem Certificate for Highly Cited Research (Structural Safety) und dem CADLM PRIZE 2007 – Intelligent Optimal Design. Herr Beer publiziert umfangreich in internationalen Zeitschriften und gestaltet internationale Konferenzen durch organisatorische Beiträge und Plenar- und Keynote-Vorträge. Er ist Mitglied im ASCE (EMI), ASME, IACM, ESRA, EASD, C(PS)2 der Bernoulli Gesellschaft und in der GACM.