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06.12.2017, 14:30 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 583. Sitzung

Prof. Dr. Matthias Becher, Bonn: Herrschaft und Staat zwischen Spätantike und Frühmittelalter; Dr. Christina Brauner, Bielefeld: Grenzarbeiten am ökonomischen Feld: Werbung in der Frühen Neuzeit

Vortrag 1: Grenzarbeiten am ökonomischen Feld: Werbung in der Frühen Neuzeit

„Der heute wesenhafteste, der merkantile Blick ins Herz der Dinge“, so Walter Benjamin 1928, „heißt Reklame“. An Werbung scheiden sich bis heute die Geister; sie zum Anlass für Kulturkritik zu nehmen, hat Tradition. In Diskussionen über Werbung stehen Grundfragen von Kapitalismus und Konsum, aber auch anthropologische Überzeugungen zur Debatte. Für die Zeit vor dem 19. Jahrhundert sind Praktiken der Werbung jedoch kaum untersucht, konnten sie doch im lange dominanten Bild einer statischen und wettbewerbsfeindlichen vorindustriellen Wirtschaft allenfalls eine marginale Rolle einnehmen. Eben dieses Bild ist jedoch seit den 1990er Jahren zunehmend in Zweifel geraten: sogar die Zünfte, als Bollwerk gegen Veränderungen berüchtigt, haben sich als vielgestaltige Institutionen entpuppt, die divergente Interessen vermitteln und Konflikte verhandeln mussten. In der Frühen Neuzeit sind, so ein zentrales Ergebnis der jüngeren Forschung, Transformationsprozesse zu verorten, die bis heute wirksame Strukturen hervorbrachten, die aber keineswegs auf einen determinierten Entwicklungsgang hin zu einer kapitalistischen Moderne reduziert werden können.Gegenwärtig findet zudem eine methodische Neuausrichtung der Wirtschaftsgeschichte statt. Aktuelle Forschungsansätze bemühen sich um eine konsequente Historisierung von Ökonomie und Ökonomik und analysieren, wie ‚Ökonomie‘ als Feld mit einer vermeintlich überzeitlichen Eigenlogik hervorgebracht wird. Praktiken der Werbung in der Frühen Neuzeit zu untersuchen, eignet sich vor diesem Hintergrund als Sonde, um nach Konstituierung und Abgrenzung des ökonomischen Feldes zu fragen. Anhand von Werbepraktiken und mit ihnen verbundenen Auseinandersetzungen sind Normenkonkurrenzen und Grenzarbeiten zu beobachten, die etwa auf die Scheidung von legitimem und illegitimem wirtschaftlichem Handeln zielten. Hier wurde über das Verhältnis der am Marktgeschehen beteiligten Akteure untereinander gestritten und die Inwertsetzung von Gütern und Waren verhandelt. Der Vortrag geht diesen Fragen am Beispiel von Werbung für Maschinentechnik, Medikamente und Bücher nach.

Dr. Christina Brauner ( Jahrgang 1989) ist Akademische Rätin (a. Z.) an der Universität Bielefeld. Nach dem Studium der Geschichte und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (2004–2009) arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin zunächst im Sonderforschungsbereich 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme“ (2009–2012), später am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit bei Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger (2013–2014). Ihre Dissertation über europäisch-afrikanische Diplomatie während des 17. und 18. Jahrhunderts hat sie im Juli 2014 abgeschlossen (erschienen 2015). Seit Oktober 2014 ist sie an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld tätig. Gegenwärtig beschäftigt sie sich im Rahmen eines Habilitationsprojekts mit Werbung in der Frühen Neuzeit. Zudem ist sie am Sonderforschungsbereich 1288 „Praktiken des Vergleichens“ mit einem Teilprojekt zu Rechtsprechung und Rechtspluralismus während der Europäischen Expansion beteiligt (Leitung gemeinsam mit Prof. Dr. Antje Flüchter). Christina Brauner ist seit 2015 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Vortrag 2: Herrschaft und Staat zwischen Spätantike und Frühmittelalter

Der Übergang von der Antike zum Mittelalter wird seit langem kontrovers diskutiert. Die Alternativen lassen sich mit den Schlagworten „Kontinuität“ oder „Bruch“ sehr gut umschreiben; in jüngerer Zeit hat sich allerdings die Losung „Transformation“ durchgesetzt, die für einen langen und allmählichen Übergang steht. Nur im Bereich der staatlichen Organisation wird nach wie vor einer radikalen Veränderung das Wort geredet: An die Stelle eines organisierten römischen Staates seien die Herrschaftsverbände von Königen und Adligen getreten, in denen personelle, nicht mehr institutionelle Bindungen entscheidend gewesen seien. Daher sei für das Mittelalter eine Unterscheidung von ‚öffentlich‘ und ‚privat‘, von Staat und Gesellschaft völlig abwegig. Vielmehr sei all dies gleichsam in der „Herrschaft“ aufgegangen. Diese habe alle Lebensbereiche unterschiedslos durchdrungen und sei sozusagen das Charakteristikum des Mittelalters schlechthin: Alles sei „Herrschaft“ gewesen, von der Königs- über die Kirchen- bis hin zur Grund- und Leibherrschaft. Freilich lässt sich diese Nivellierung nicht konsequent durchhalten. Daher soll für ein behutsames Abrücken von dem skizzierten Herrschaftsbegriff und für eine bedachtsame Anwendung des Staatsbegriffs auch für das frühe Mittelalter plädiert werden. Das Beispiel der inneren Ordnung des Frankenreiches zeigt einerseits, dass diesem Gemeinwesen sicherlich nicht mit modernen Staatsdefinitionen beizukommen ist, wie sie etwa Georg Jellinek oder Carl Schmitt vorgelegt haben. Doch gibt es aktuellere Ansätze, den Staat oder wenigstens die Staatlichkeit des Mittelalters zu beschreiben, die als Leitfaden für die Betrachtung des Frankenreiches dienen können.

Prof. Dr. Matthias Becher studierte von 1980 bis 1986 Geschichte und Politische Wissenschaften an der Universität Konstanz und wurde 1990 mit der Dissertation „Eid und Herrschaft. Untersuchungen zum Herrscherethos Karls des Großen“ promoviert. In der Arbeit beschäftigte er sich zum einen anhand der Berichte über den Sturz des Bayernherzogs Tassilo III. mit der Arbeitsweise der karolingischen Hofhistoriographie und konnte zum anderen zeigen, dass die von Karl dem Großen von allen freien männlichen Bewohnern des Reiches eingeforderten Treueide nicht vom Herrscher nach dem Vorbild der Vasallität neu geschaffen wurden, sondern dass sie in einer langen Tradition spätantiker und merowingischer Vereidigungen standen. Ab November 1989 war Becher wissenschaftlicher Assistent an der Universität Paderborn und habilitierte sich 1995 mit der Schrift „Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert“, in der er eine völlige Neubewertung des Aufstiegs der frühen Ottonen vornahm. Nach Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Regensburg und Tübingen lehrt er seit 1998 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seit 2008 ist er Mitglied im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte und seit 2013 sowohl ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste als auch der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (München). Seit 2016 fungiert er als Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1167: „Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Politik-, Sozial- und Verfassungsgeschichte des Frankenreiches und des werdenden Deutschen Reiches.