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14.03.2018, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 585. Sitzung

Prof.'in Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, Münster: „Regentinnen hören auf, Frauen zu seyn, sobald sie den Thron besteigen.“ Kaiserin Maria Theresia und die Ordnung der Geschlechter

„Regentinnen hören auf, Frauen zu seyn, sobald sie den Thron besteigen.“ Kaiserin Maria Theresia und die Ordnung der Geschlechter

Prof.'in Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, Münster

Maria Theresia ist die Verkörperung des österreichischen Nationalmythos schlechthin. Bis heute ist das populäre Bild der Kaiserin-Königin in hohem Maße von der Historiografie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt, während die jüngere Historikergeneration lange Zeit einen auffälligen Bogen um sie gemacht hat.

Ihr Mythos war und ist wesentlich dadurch geprägt, dass Maria Theresia als Frau die Herrschaft im Erzhaus innehatte und sie mit „männlicher“ Tugend ausübte. In ihr schienen sich feminine Anmut und maskuline Tatkraft zu höchster Vollkommenheit zu verbinden. Man schrieb der sechzehnfachen Mutter eine Art politischer Gebärfähigkeit zu: „Das mütterlich Dämonische an ihr war das Entscheidende“, so Hugo von Hofmannsthal.

Von Voltaire bis Alfred von Arneth, von Leopold Sacher-Masoch bis Elisabeth Badinter dient Maria Theresia als Projektionsfläche für ganz verschiedene Frauenbilder, sei es biedere Reichshausfrau, sei es herrische Domina, sei es emanzipierte Frau avant la lettre.

Immer aber erscheint sie als die große weibliche Ausnahme in einer von Männern betriebenen Politik. Der Vortrag setzt sich mit diesen Projektionen auseinander und fragt danach, wie sich die weibliche Herrschaft Maria Theresias in die Geschlechterordnung ihrer Zeit einfügte. Auf verschiedenen Feldern – Reichsverfassung, Kriegführung, Hofzeremoniell – wird rekonstruiert, wie sie selbst mit den Vor- und Nachteilen ihrer Geschlechtszugehörigkeit umging.

 

Prof.'in Dr. Barbara Stollberg-Rilinger studierte Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität zu Köln und promovierte dort 1980 mit einer Arbeit über die Metapher der Staatsmaschine. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder und einer Familienpause habilitierte sie sich 1994 im Fach Neuere und Neueste Geschichte.

Seit 1997 lehrt sie Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster. Sie war Mitbegründerin und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Symbolische Kommunikation und Gesellschaftliche Wertesysteme“ und des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“.

Derzeit ist sie Vorstandsmitglied des Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Entscheidens“.

2005 erhielt sie den Leibnizpreis und 2013 den Preis des Münchner Historischen Kollegs. Sie ist Mitglied verschiedener Akademien, darunter der Berlin-Brandenburgischen Akademie und der Deutschen Nationalakademie Leopoldina sowie Fellow der British Academy. Ihr Forschungsfeld ist die Verfassungs-, Politikund Kulturgeschichte Europas vom 16. bis 18. Jahrhundert, vor allem des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Dabei richtet sie das Hauptaugenmerk auf Rituale und Verfahren, Zeremonien, Metaphern und Symbole. Zuletzt hat sie eine Biographie der Kaiserin Maria Theresia veröffentlicht (Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit, München: C.H. Beck 2017). Barbara Stollberg-Rilinger ist seit 2016 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.