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20.06.2018, 15:30 Uhr

Klasse für Naturwissenschaften und Medizin, 592. Sitzung

Prof.'in Dr. Dr. Katrin Tent, Münster: Vortrag 1 -- Lineare Abbildungen und freie Gruppen; Prof. Dr. med. Wolfram Trudo Knoefel, Düsseldorf: Vortrag 2 -- Neue Wege zu einer effektiven onkologischen Chirurgie

 

Vortrag 1

 

Lineare Abbildungen und freie Gruppen

Prof.'in Dr. Dr. Katrin Tent, Münster

 

Schon in der Schule lernt man lineare Gleichungen kennen, etwa in der Form f(x)= ax+b. Sind f und g solche Funktionsgleichungen, dann sieht man leicht, dass, wenn man zuerst f und dann g anwendet, sich das Ergebnis wiederum als eine solche lineare Funktion beschreiben lässt. Auf diese Weise erhalten wir durch eine solche Hintereinanderausfühung eine mathematische Gruppe.

Gruppen sind mathematische Strukturen, die im täglichen Leben häufig in der Form von Symmetrien eines Objektes vorkommen oder auch als Transformationen eines Objektes, das wichtige strukturelle Eigenschaften erhält.

Interessanterweise war die Frage seit etwa 100 Jahren offen, ob es außer den Gruppen, die durch solche linearen Gleichungen entstehen, auch ganz andere Gruppen geben kann, die ähnliche Transformationen induzieren.

Prof.'in Dr. Katrin Tent ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mathematische Logik und Grundlagenforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Nach ihrer Promotion in der Linguistik im Jahre 1988 an der Christian- Albrechts-Universität Kiel mit dem Thema „Die Anwendung von MontagueÜbersetzungen in der Universalienforschung“, trat sie zunächst eine Post-Doc Stelle im Computer Science Department an der University of Western Ontario in London, Ontario, an. Anschließend hat sie, wiederum in Kiel, ihr Diplom in Mathematik mit dem Thema „Zilbers Charakterisierung streng minimaler Mengen“ erworben.

Danach ging sie zur Promotion an die University of Notre Dame, Indiana, USA, wo sie 1990 ihren Master in Mathematics erworben und 1994 die Promotion mit dem Thema „Classifying totally categorical groups (and others)“ abgeschlossen hat.

Als Post-Doktorandin war sie von 1994 bis 1996 an der Hebrew University Jerusalem, Israel.

In den Jahren 1996 bis 2004 war sie als Gastforscherin am 40 Mathematischen Institutes an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, anfangs mit einem Forschungsstipendium der DFG, danach mit dem Bayerischen Habilitationsförderpreis, aus dem im Jahr 2000 ihre Habilitation im Fach Mathematik mit dem Thema „Model theory of groups and BN-pairs“ hervorging.

Nach der Habilitation erhielt sie ein Heisenberg-Stipendium der DFG, das sie auch wegen ihrer vier Kinder weiterhin in Würzburg in Anspruch genommen hat.

Nachdem sie 2004 als Lecturer an die University of Birmingham, UK gegangen war, nahm sie zuerst einen Ruf auf eine Professur an der Universität Bielefeld an, bevor sie 2008 den Lehrstuhl für Mathematische Logik am Institut für Mathematische Logik und Grundlagenforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster übernommen hat, den sie bis heute innehat.

 

Vortrag 2

 

Neue Wege zu einer effektiven onkologischen Chirurgie

Prof. Dr. med. Wolfram Trudo Knoefel

Die Chirurgie ist die älteste Therapie einer Krebserkrankung. Als einzige Therapie bietet sie durch die Resektion der entarteten Zellen die Möglichkeit einer Heilung. Jedoch schon den antiken griechischen Ärzten war die verheerende Wirkung der Streuung (Metastasierung) bekannt, und sie empfahlen am Beispiel des Brustkrebses eine radikale Resektion der betroffenen Lymphknoten.

 

Die Entwicklung der modernen systemischen medikamentösen Therapie und der Strahlentherapie seit den 50er Jahren, mit der Möglichkeit im Körper diffus verteilte Krebszellen zu erreichen und Tumore zu verkleinern, hat der chirurgischen Therapie neue Wege eröffnet. Durch besseres Verständnis der biologischen Zusammenhänge auf Organebene konnte die chirurgische Therapie ebenfalls weiter präzisiert werden. Am Beispiel der Leberchirurgie ist ersichtlich, wie diese Entwicklung nun die Resektion von ausgedehnten, vor wenigen Jahren noch inoperablen Läsionen ermöglicht. Dank des besseren Verständnisses der Leberregeneration und des Einflusses von Stammzellen auf diese ist eine Entfernung von mehr als 80% der Leber heute in spezialisierten Zentren keine Seltenheit mehr. So ist nicht nur die Resektion von primären Lebertumoren, sondern auch die Entfernung von häufig auftretenden Lebermetastasen in individuellen Therapiekonzepten möglich.

 

Noch immer ist die systemische Streuung, und nicht der initial auf ein Organ begrenzte Tumor, der Grund für den häufig tödlichen Ausgang der Krebserkrankung. So werden im Rahmen der chirurgischen Therapie neue Surrogat-Marker untersucht, welche über die notwendige Ausdehnung der Operation informieren sollen und so eine Über- wie Untertherapie vermeiden könnten. Ein besonders vielversprechender Ansatz ist dabei die atraumatische Gewinnung von Krebszellen aus dem Blut (circulating tumor-cells – CTC). Diese überaus seltenen Zellen, als vom Tumor entspringende Saat möglicher Metastasen, können einen Einblick in vorhandene Mutationen sowie die Wahrscheinlichkeit einer systemischen Streuung geben. Die diagnostische Leukapherese (DLA) gilt hierbei als besonders vielversprechendes Verfahren, schonend einen Großteil des Blutes von Krebszellen zu reinigen und so eine valide Aussage zur Behandlung und Prognose zu ermöglichen.

 

Trotz dieser Fortschritte in chirurgischer Resektion und systemischer Behandlung ist eine späte Metastasierung, auch Jahre nach scheinbar erfolgreicher Therapie, leider nicht selten. Verschiedene interne und externe Stressoren scheinen dieses Programm (Dormancy) in im Körper verteilten Krebszellen zu aktivieren und diese so für systemische Chemo- und Radiotherapien unempfindlich zu machen. Durch den Mangel an spezifischen Therapieoptionen, die diese „Schläferzellen“ im Körper angreifen, wird aktuell ein vielversprechendes therapeutisches Fenster, wenn der Organismus sich von chirurgischer und systemischer Therapie erholt hat, nicht genutzt.

 

Auch wenn die Entfernung der Tumorzellen streuenden Krebsherde wahrscheinlich weiterhin notwendig sein wird, könnte in Kombination mit neuen Biomarkern, die eine bessere Risikostratifizierung ermöglichen, sowie einer Behandlung der zurückbleibenden schlafenden Krebszellen das Ziel einer Heilung bei mehr Patienten in greifbare Nähe rücken. 

 

Prof. Dr. Wolfram Trudo Knoefel ist seit 2003 Direktor der Chirurgischen Klinik (A), Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Düsseldorf und Inhaber eines chirurgischen Lehrstuhls an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Nach Ausbildung an den Universitäten Hamburg, Lausanne und Harvard Medical School sowie klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit an den Universitätskliniken der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Harvard Medical School und der Universität Hamburg habilitierte er sich im Jahre 1996 an der Universität Hamburg. Seine klinischen Schwerpunkte liegen in der onkologischen, hepatobiliären, endokrinen Transplantations- und Thorax-Chirurgie. Seine wissenschaftlichen Arbeiten befassen sich vornehmlich mit den Grundlagen dieser klinischen Schwerpunkte. Hier sind vor allem die Leberregeneration, die minimale Tumorzelldissemination, die Charakterisierung und Definition molekularer Marker bei onkologischen Erkrankungen und die Mikrozirkulationsforschung zu nennen. Darüber hinaus ist Prof. Knoefel seit Anfang 2016 Vorsitzender des Präsidiums des Senats der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.