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17.10.2018, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 589. Sitzung

Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer, Köln: Ein langes Jahrtausend. Ein anderer Blick auf die Philosophie des Mittelalters

Kein Zeitgenosse in jenem Millennium, das wir gemeinhin als „Mittelalter“ bezeichnen, hätte je gedacht, im Mittelalter zu leben. Das Mittelalter ist eine Erfindung. Darin unterscheidet es sich nicht von anderen Epocheneinteilungen. Und doch ist die Erfindung des Mittelalters durch Petrarca und seine Humanistenfreunde von Anfang an negativ konnotiert.

Besonders problematisch und einschneidend sind die Konsequenzen für die Philosophiegeschichtsschreibung. Die mittelalterliche Philosophie – oftmals gleichgesetzt mit der lateinischen Scholastik – wird sowohl von ihren antiken Wurzeln, mit denen sie sich stets verbunden fühlte, wie auch von ihren vielfältigen kulturellen und sprachlichen Traditionen abgetrennt. Denn das Mittelalternarrativ hat seine beschränkte Geltung im Grunde allein für den lateinischen Kulturkreis und begründet von dort aus eine bis heute gültige eurozentrische Lesart dessen, was Philosophie und ihre Geschichte ist, während für die übrigen großen Kultur- und Sprachkreise die Rede vom Mittelalter als historische Kategorie ohne jede Bedeutung ist – es sei denn als der Versuch, den byzantinischen, hebräischen und arabischen Kulturkreis in dasselbe westliche historiographische Narrativ einzuordnen.

Wie kann man diesen historiographischen Fallstricken entkommen? Wie kann man die Philosophiegeschichte eines langen Jahrtausends, das sich in allen Sprach- und Kulturkreisen in Kontinuität mit den antiken Traditionen sieht und diese bis weit in das 18. Jahrhundert hineinträgt, anders erzählen? Zunächst einmal durch den konsequenten Verzicht auf die „Mittelalterkategorie“!

Wie aber sieht dann die Geschichte dieses langen Jahrtausends aus? Welche neuen Perspektiven ergeben sich? Hierzu möchte ich anhand von Beispielen einige Vorschläge zur Diskussion stellen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer, geboren 1957 in Düsseldorf, studierte Philosophie, Katholische Theologie, Latein, Erziehungswissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Bonn und promovierte dort 1986 mit einer Arbeit zum Wahrheitsverständnis Bonaventuras. Nach dem zweiten Staatsexamen war er 1988 Wissenschaftlicher Assistent am Thomas-Institut der Universität zu Köln, an der er sich 1994 mit einer Arbeit zur Naturphilosophie im 12. Jahrhundert habilitierte. Von 1995–2000 war er als Heisenberg-Stipendiat der DFG u. a. Visiting Professor am Medieval Institute der University of Notre Dame (1996) und am Hoger Instituut voor Wijsbegeerte der Katolieke Universiteit Leuven (1999). 2000 erfolgte der Ruf auf ein Ordinariat für Philosophie an die Universität Würzburg, 2004 wurde er zum Professor für Philosophie und zum Leiter des Thomas-Instituts der Universität zu Köln berufen. Im Jahr 2005 erhielt er die Ehrendoktorwürde der St. Kliment Ohridski-Universität Sofia. Im Rahmen der Exzellenzinitiative leitet er seit 2012 die a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanties Cologne. Andreas Speer ist Sprecher des Cologne Center for eHumanities (CCeH), Sprecher der AG eHumanities der Union der Akademien sowie Sprecher des Fachkollegiums Philosophie der DFG.

Andreas Speer leitet eine Reihe von größeren Forschungsprojekten am Thomas-Institut aus dem Bereich der mittelalterlichen Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte (u. a. zu Averroes, Durandus von St. Pourçain und Meister Eckhart). Er ist Herausgeber der Miscellanea Mediaevalia sowie der Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters, ferner Veranstalter der Kölner Mediaevistentagungen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Philosophiegeschichte des Mittelalters, das Verhältnis von Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte, ferner Fragen im Spannungsfeld von Epistemologie, Metaphysik und Theologie, sowie von Ästhetik und Kunstgeschichte.

Andreas Speer ist seit 2013 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.